Kurz gesagt: Eine Hypoglykämie liegt bei einem Blutzucker unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) vor und zeigt sich oft durch Schwitzen, Zittern, Unruhe, Verwirrtheit bis hin zur Bewusstlosigkeit. Ist der Patient wach und kann sicher schlucken, gibst du nach den ERC-Erste-Hilfe-Empfehlungen 15 bis 20 g Glukose oral und misst nach 15 Minuten erneut. Bei Bewusstseinsstörung gibst du nichts in den Mund, sicherst die Atemwege und forderst den Notarzt nach.
Ein Einsatz mit dem Stichwort "Person verwirrt" klingt erst nach Neurologie oder Intoxikation. Dann misst du den Blutzucker und findest 38 mg/dl. Hypoglykämien gehören zu den häufigsten Einsätzen, die sich mit einer einfachen Messung aufklären lassen. Hier erfährst du, wie du sie erkennst, was du als Rettungssanitäter tun darfst und welche Fehler du vermeiden solltest.
Was ist eine Hypoglykämie?
Eine Hypoglykämie ist eine Unterzuckerung mit einem Blutzucker unter 70 mg/dl beziehungsweise 3,9 mmol/l. Von einer schweren Hypoglykämie spricht man, wenn sich die betroffene Person nicht mehr selbst helfen kann, meist liegt der Wert dann unter 40 mg/dl. So beschreibt es auch die Patienteninformation von diabinfo nach der Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft.
Am häufigsten betroffen sind Menschen mit Diabetes, die Insulin oder bestimmte Tabletten wie Sulfonylharnstoffe nehmen. Typische Auslöser sind ausgelassene Mahlzeiten, ungewohnte Bewegung, Alkohol oder eine zu hohe Insulindosis.
Seltener sind Hypoglykämien ohne Diabetes, etwa bei Alkoholintoxikation, schwerer Infektion, Lebererkrankung oder längerer Mangelernährung. Denk daran besonders bei älteren, allein lebenden Patienten und bei Menschen, die stark alkoholisiert gefunden werden. Hier ist die niedrige Zuckerreserve oft der Grund, warum sie nicht aufwachen, und nicht nur der Alkohol selbst.
Woran erkennst du eine Hypoglykämie im Einsatz?
Du erkennst eine Hypoglykämie an zwei Gruppen von Symptomen: Zeichen der Stressreaktion und Zeichen des Zuckermangels im Gehirn. Die Übersicht hilft dir, beides auseinanderzuhalten:
| Symptomgruppe | Typische Zeichen | Was das bedeutet |
|---|---|---|
| Stressreaktion (autonom) | Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Blässe, Heißhunger, Unruhe | Körper schüttet Adrenalin aus, Patient meist noch ansprechbar |
| Zuckermangel im Gehirn (neuroglykopen) | Verwirrtheit, Konzentrationsstörung, Sprachstörung, aggressives Verhalten, Krampfanfall, Bewusstlosigkeit | Gehirn ist unterversorgt, Patient kann sich nicht mehr selbst helfen |
| Ältere Menschen | oft unspezifisch, etwa Schwindel, Sturz oder Halbseitenzeichen | kann einen Schlaganfall vortäuschen |
Wichtig für die Praxis: Jeder Patient mit Bewusstseinsstörung, Krampfanfall oder neurologischen Ausfällen bekommt eine Blutzuckermessung. Das gilt auch dann, wenn kein Diabetes bekannt ist.
Was tust du als Rettungssanitäter bei Hypoglykämie?
Du gehst nach ABCDE vor und misst den Blutzucker spätestens bei D. Danach richtet sich dein Vorgehen danach, ob der Patient wach ist und sicher schlucken kann.
- Patient wach und schluckfähig: 15 bis 20 g Glukose oral, etwa als Traubenzucker oder Glukosegel. Wenn nichts davon da ist, gehen auch zuckerhaltige Getränke wie Fruchtsaft.
- Nach 15 Minuten erneut messen: Sind Symptome oder niedriger Wert noch da, wiederholst du die orale Gabe.
- Nach Besserung: Eine Mahlzeit mit langsam wirkenden Kohlenhydraten anbieten, damit der Wert nicht wieder fällt.
- Patient eingetrübt oder bewusstlos: Nichts in den Mund geben, Atemwege sichern, stabile Seitenlage bei ausreichender Atmung, Notarzt nachfordern.
- Weitere Therapie: Glukose intravenös oder Glukagon gibt der Notarzt oder ein Notfallsanitäter nach den Vorgaben deines Bereichs. Du bereitest Zugang und Material vor.
Manche Patienten oder Angehörige haben ein Glukagon-Nasenspray oder eine Fertigspritze. Ob und wie du bei der Anwendung unterstützt, legt dein Ärztlicher Leiter Rettungsdienst fest.
Wann darfst du keine Glukose oral geben?
Die Faustregel lautet: Wer nicht sicher schlucken kann, bekommt nichts in den Mund. Ein eingetrübter Patient kann aspirieren, also Flüssigkeit oder Gel in die Lunge bekommen.
Prüfe deshalb vor jeder oralen Gabe, ob der Patient klar auf Ansprache reagiert, den Kopf selbst halten kann und schluckt. Bei Zweifel lässt du es und forderst den Notarzt nach. In der Prüfung ist das ein typischer Punkt, an dem Prüfer nachfragen.
Auch bei Kindern ist eine Hypoglykämie möglich, etwa bei Typ-1-Diabetes. Die Grundregeln sind dieselben, die weitere Therapie und Dosierungen bestimmt immer der Notarzt.
Wann muss der Patient in die Klinik?
Ob ein Patient nach einer Hypoglykämie zu Hause bleiben darf, entscheidet in der Regel der Notarzt oder nach den Vorgaben deines Bereichs. Viele Rettungsdienste haben dafür feste Verfahrensanweisungen.
Gründe für einen Transport sind zum Beispiel:
- Hypoglykämie unter Sulfonylharnstoffen oder lang wirksamem Insulin, weil der Wert erneut fallen kann
- unklare Ursache oder erstmaliges Auftreten
- Verletzungen durch Sturz oder Krampfanfall
- Patient lebt allein oder kann nicht zuverlässig essen
Dokumentiere die Werte vor und nach der Behandlung mit Uhrzeit. In der Übergabe gehören diese Zahlen an den Anfang.
Bleibt ein Patient nach ärztlicher Entscheidung zu Hause, sollte eine erwachsene Person bei ihm bleiben und er sollte in den nächsten Stunden etwas essen. Erkläre beiden, woran sie eine erneute Unterzuckerung erkennen, und dass sie in dem Fall sofort 112 rufen. Halte im Protokoll fest, wer aufgeklärt wurde und welche Werte zuletzt gemessen wurden.
Wie übst du Hypoglykämie-Fälle für die Prüfung?
Am besten übst du die Hypoglykämie im Wechsel mit Fällen, die ähnlich aussehen. Ein verwirrter älterer Patient kann einen Schlaganfall, eine Hypoglykämie oder eine Intoxikation haben, und nur die Messung bringt Klarheit.
Fälle und Notfallbilder dazu findest du in Modul 2: Notfallmedizin und Einsatzlehre. Wie du Online-Lernen sinnvoll mit Lehrgang und Wache kombinierst, steht auf unserer Seite Rettungssanitäter-Theorie online lernen. Die Blutzuckermessung selbst übst du im Lehrgang und auf der Wache, bis jeder Handgriff sitzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Hypoglykämie heißt Blutzucker unter 70 mg/dl beziehungsweise 3,9 mmol/l.
- Jeder Patient mit Bewusstseinsstörung, Krampfanfall oder neurologischen Ausfällen bekommt eine Blutzuckermessung.
- Wach und schluckfähig: 15 bis 20 g Glukose oral, nach 15 Minuten erneut messen.
- Eingetrübt oder bewusstlos: nichts in den Mund, Atemwege sichern, Notarzt nachfordern.
- Bei Sulfonylharnstoffen oder lang wirksamem Insulin kann der Wert erneut fallen.
Häufig gestellte Fragen
1. Ab welchem Wert spricht man von Hypoglykämie?
Ab einem Blutzucker unter 70 mg/dl beziehungsweise 3,9 mmol/l. Schwer ist sie, wenn sich der Patient nicht mehr selbst helfen kann.
2. Wie viel Glukose gebe ich oral?
Nach den ERC-Erste-Hilfe-Empfehlungen 15 bis 20 g, etwa als Traubenzucker oder Glukosegel. Nach 15 Minuten misst du erneut.
3. Darf ich einem bewusstlosen Patienten Zucker geben?
Nein, nichts in den Mund geben, weil er aspirieren kann. Du sicherst die Atemwege und forderst den Notarzt nach.
4. Darf ein Rettungssanitäter Glukose intravenös geben?
Das regelt der Ärztliche Leiter Rettungsdienst in deinem Bereich. In der Regel geben Notarzt oder Notfallsanitäter die intravenöse Therapie.
5. Kann eine Hypoglykämie wie ein Schlaganfall aussehen?
Ja, vor allem bei älteren Menschen können Sprachstörungen oder Halbseitenzeichen auftreten. Deshalb wird bei neurologischen Ausfällen immer der Blutzucker gemessen.
6. Warum ist ein Transport nach Hypoglykämie oft nötig?
Weil bei manchen Medikamenten der Wert nach Stunden erneut fallen kann. Außerdem muss die Ursache geklärt werden.
Weiterlesen
Neurologische Notfälle im Rettungsdienst · Diabetes in der Pflege · ABCDE-Schema · Intoxikationen im Rettungsdienst · Rettungssanitäter-Theorie online lernen
Passendes Material
- Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre – Hypoglykämie und weitere Notfallbilder mit Einsatzlehre (59,90 €)
- Modul 1: Medizinische Grundlagen & Vitalwerte – Stoffwechsel, Vitalwerte und Blutzucker als Grundlage (59,90 €)
- Modul 4: Praxis & Prüfungsvorbereitung – Fallbeispiele zum Üben für die praktische Prüfung (59,90 €)
Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und ersetzt weder die anerkannte Ausbildung noch ärztliche Anweisungen. Verbindlich sind die aktuellen ERC-Leitlinien, die Verfahrensanweisungen deines Ärztlichen Leiters Rettungsdienst und die Vorgaben deines Rettungsdienstbereichs.

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