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Der Pflegeprozess in sechs Schritten: Von der Informationssammlung zur Evaluation

Der Pflegeprozess ist der Regelkreis professioneller Pflege. Alle sechs Schritte nach Fiechter und Meier, SMART-Ziele, Pflegediagnosen und ABEDL im Überblick.

Kurz gesagt: Der Pflegeprozess ist ein Regelkreis, der pflegerisches Handeln systematisch und nachvollziehbar macht. Im in Deutschland verbreiteten Sechs-Schritte-Modell nach Fiechter und Meier folgen aufeinander: Informationssammlung, Erkennen von Problemen und Ressourcen, Festlegen der Pflegeziele, Planung der Maßnahmen, Durchführung und Evaluation. Weil das Ergebnis der Evaluation in die nächste Informationssammlung zurückfließt, ist der Prozess ein Kreis und keine Liste.

Du übernimmst eine neue Bewohnerin. Sie isst wenig, will nicht aufstehen und wirkt niedergeschlagen. Was schreibst du in die Planung? Ohne Systematik entsteht daraus eine Sammlung von Einzelmaßnahmen. Mit dem Pflegeprozess entsteht daraus ein begründeter Plan, der überprüfbar ist – und genau das erwarten Prüfende in der praktischen Prüfung.

Was ist der Pflegeprozess – und warum ist das Thema prüfungsrelevant?

Was ist der Pflegeprozess? Er ist die Methode, mit der professionelle Pflege geplant, durchgeführt und bewertet wird. Statt intuitiv auf Beobachtungen zu reagieren, wird der Pflegebedarf strukturiert erhoben, in Ziele übersetzt, mit Maßnahmen hinterlegt und anschließend überprüft. Der Pflegeprozess unterscheidet damit professionelle Pflege von Laienpflege.

Warum steht er in jeder Prüfung? Weil er die Sprache ist, in der pflegerische Entscheidungen begründet werden. In der praktischen Prüfung planst du eine reale Pflegesituation, führst sie durch und reflektierst sie – das ist der Pflegeprozess in Reinform. Er bildet zugleich das Gerüst, in das sich alle Expertenstandards in der Pflege einfügen: Deren Prozesskriterien beschreiben genau diese Schritte.

Die sechs Schritte nach Fiechter und Meier

Schritt Leitfrage Ergebnis
1. Informationssammlung Wie ist die Situation dieses Menschen? Pflegeanamnese, Assessments, Biografie, Fremdanamnese
2. Probleme und Ressourcen erkennen Was gelingt nicht, und was gelingt noch? Formulierte Pflegeprobleme mit den zugehörigen Ressourcen
3. Ziele festlegen Woran erkennen wir Erfolg? Nah- und Fernziele, positiv und überprüfbar formuliert
4. Maßnahmen planen Wer tut was, wann, wie oft und womit? Konkreter, umsetzbarer Maßnahmenplan
5. Durchführung Wurde wie geplant gehandelt? Durchgeführte und dokumentierte Pflege
6. Evaluation Ist das Ziel erreicht – ganz, teilweise, gar nicht? Bewertung und Anpassung des Plans

International wird häufig ein Vier-Schritt-Modell verwendet, das auf die WHO zurückgeht: Assessment, Planung, Intervention, Evaluation. Inhaltlich passiert dasselbe – die Schritte sind nur anders gebündelt. Daneben existieren Modelle mit fünf Schritten, in denen die Pflegediagnose als eigener Schritt geführt wird. Für die Prüfung in Deutschland ist das Sechs-Schritte-Modell der Standard.

Schritt 1 und 2: Informationen sammeln, Probleme und Ressourcen erkennen

Die Informationssammlung beginnt beim Menschen selbst: Was ist ihm wichtig, was kann er, was macht ihm Sorgen? Dazu kommen Beobachtung, Angaben von Angehörigen, ärztliche Befunde, Vorbefunde aus der Vorversorgung und standardisierte Assessments. Ein häufiger Fehler ist das Sammeln um des Sammelns willen – relevant ist, was den Pflegebedarf beeinflusst.

Ein hilfreiches Ordnungsraster sind die ABEDL nach Monika Krohwinkel: Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens. Sie strukturieren die Anamnese in Bereiche wie Kommunizieren, sich bewegen, Vitalfunktionen aufrechterhalten, sich pflegen, essen und trinken, ausscheiden, sich kleiden, ruhen und schlafen, sich beschäftigen, sich als Frau oder Mann fühlen, für eine sichere Umgebung sorgen, soziale Bereiche des Lebens sichern sowie mit existenziellen Erfahrungen umgehen. Ältere Modelle wie die Aktivitäten des täglichen Lebens nach Juchli und die Lebensaktivitäten nach Roper, Logan und Tierney verfolgen dasselbe Ziel.

Bei der Problemformulierung hilft das PESR-Schema: Problem, Etiologie (Ursache), Symptom, Ressource. Statt „Sturzgefahr“ formulierst du also: Erhöhtes Sturzrisiko aufgrund von Muskelschwäche und Sehminderung, erkennbar an unsicherem Gangbild und einem Sturz in der Vorwoche; Ressource: Die Bewohnerin nutzt ihren Rollator zuverlässig und ist motiviert zu üben. Ressourcen sind kein Höflichkeitsanhang – sie sind der Ansatzpunkt jeder Maßnahme.

Schritt 3: Ziele SMART formulieren

Ziele beschreiben den erwünschten Zustand, nicht die Tätigkeit der Pflegenden. „Zweimal täglich mobilisieren“ ist eine Maßnahme, kein Ziel. Ein Ziel wäre: „Die Bewohnerin geht bis zum 15. des Monats mit Rollator selbstständig zur Toilette.“

Kriterium Bedeutung Prüffrage
S – spezifisch Konkret auf die Person und Situation bezogen Ist klar, wer was tut?
M – messbar Anhand beobachtbarer Kriterien überprüfbar Woran erkenne ich die Zielerreichung?
A – attraktiv und akzeptiert Von der betroffenen Person mitgetragen Will die Person das überhaupt?
R – realistisch Mit vorhandenen Ressourcen erreichbar Ist das in dieser Situation möglich?
T – terminiert Mit einem Zeitpunkt der Überprüfung versehen Bis wann soll es erreicht sein?

Unterschieden werden Nahziele, die kurzfristig überprüfbar sind, und Fernziele, die den längeren Verlauf beschreiben. Formuliere positiv: nicht „kein Dekubitus“, sondern „die Haut bleibt an allen Prädilektionsstellen intakt“.

Schritt 4 und 5: Maßnahmen planen und durchführen

Ein guter Maßnahmenplan beantwortet fünf Fragen: Wer? Was? Wann? Wie oft? Womit? Je konkreter, desto weniger Interpretationsspielraum bleibt im Schichtwechsel. „Körperpflege unterstützen“ ist zu unscharf; „Oberkörperwäsche selbstständig am Waschbecken, Unterkörper mit Unterstützung, morgens, Sitzgelegenheit bereitstellen“ ist umsetzbar.

Bei der Durchführung ist die Abgrenzung der Zuständigkeiten wichtig. Vorbehaltene Tätigkeiten nach dem Pflegeberufegesetz – Erhebung des Pflegebedarfs, Organisation und Steuerung des Pflegeprozesses sowie die Analyse und Evaluation der Pflegequalität – dürfen ausschließlich Pflegefachpersonen ausführen. Ärztlich veranlasste Maßnahmen wie die Medikamentengabe nach der 6-R-Regel erfolgen dagegen im Rahmen der Delegation und erfordern eine Anordnung. Was du getan hast, wird zeitnah dokumentiert – nicht dokumentierte Pflege gilt im Zweifel als nicht erbracht.

Schritt 6: Evaluation – der Schritt, der am häufigsten fehlt

Die Evaluation prüft, ob das Ziel erreicht wurde: vollständig, teilweise oder nicht. Aus dem Ergebnis folgt eine Entscheidung – Plan beibehalten, anpassen oder Ziel neu formulieren. Wichtig ist, systematisch nach der Ursache zu fragen: War das Ziel unrealistisch? Wurde die Maßnahme nicht wie geplant durchgeführt? Hat sich die Situation verändert? Nur so wird aus dem Regelkreis tatsächlich ein Lernkreis.

In der Praxis scheitert der Pflegeprozess selten an Schritt eins, sondern fast immer an Schritt sechs: Pläne werden geschrieben und nie überprüft. Setze deshalb bei jedem Ziel einen konkreten Evaluationstermin. Wie das dokumentarisch sauber abgebildet wird – auch im Strukturmodell mit Strukturierter Informationssammlung – erklärt der Beitrag zur Pflegedokumentation mit rechtlichen Anforderungen und SIS.

Pflegediagnosen: NANDA-I, POP und ENP

Pflegediagnosen sind standardisierte Bezeichnungen für Pflegephänomene. Sie sollen die Verständigung im Team vereinheitlichen und den Pflegebedarf vergleichbar machen. Verbreitet sind NANDA International, die Praxisorientierte Pflegediagnostik (POP) aus dem deutschsprachigen Raum und die Europäische Pflegediagnosenklassifikation (ENP). Klassisch werden sie mit den NANDA-Bausteinen aus Diagnosetitel, beeinflussenden Faktoren und bestimmenden Merkmalen formuliert – eine Systematik, die dem PESR-Schema sehr ähnelt.

Wichtig für die Prüfung: Eine Pflegediagnose ist keine medizinische Diagnose. Sie beschreibt nicht die Krankheit, sondern die Reaktion des Menschen darauf und den daraus folgenden Pflegebedarf. Diese Abgrenzung gehört zum Berufsverständnis, das im Lernpaket Grundlagen professioneller Pflege & rechtliche Rahmenbedingungen systematisch aufgearbeitet ist. Wie der Pflegeprozess im Ausbildungsverlauf immer wieder auftaucht, zeigt der Überblick zur Pflegeausbildung mit Ablauf, Inhalten und Prüfungen.

Definition auf einen Blick

Begriff Definition
Pflegeprozess Regelkreis zur systematischen Planung, Durchführung und Bewertung pflegerischen Handelns
PESR-Schema Formulierungshilfe aus Problem, Etiologie, Symptom und Ressource
SMART-Ziel Spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert formuliertes Pflegeziel
ABEDL Strukturmodell nach Krohwinkel: Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens
Pflegediagnose Standardisierte Bezeichnung eines Pflegephänomens, nicht identisch mit der medizinischen Diagnose

Key Takeaways

  • Der Pflegeprozess ist ein Kreis: Die Evaluation speist die nächste Informationssammlung.
  • Probleme werden mit PESR formuliert – Ressourcen sind der Ansatzpunkt, nicht die Randnotiz.
  • Ziele beschreiben einen Zustand der betreuten Person, nicht die Tätigkeit der Pflegenden.
  • Maßnahmen müssen Wer, Was, Wann, Wie oft und Womit beantworten, um im Team umsetzbar zu sein.
  • Die Steuerung des Pflegeprozesses ist eine vorbehaltene Aufgabe der Pflegefachpersonen nach PflBG.

Einordnung

Das Sechs-Schritte-Modell geht auf Verena Fiechter und Martha Meier zurück, das Vier-Schritt-Modell auf Veröffentlichungen der Weltgesundheitsorganisation. Die ABEDL-Systematik stammt von Monika Krohwinkel, verwandte Strukturmodelle von Liliane Juchli sowie von Roper, Logan und Tierney. Pflegediagnosen werden von NANDA International, dem POP-Konsortium und der ENP-Klassifikation herausgegeben. Die vorbehaltenen Tätigkeiten und die Ausbildungsinhalte ergeben sich aus dem Pflegeberufegesetz (PflBG) und der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (PflAPrV); die Dokumentationspflicht folgt zusätzlich aus den Sozialgesetzbüchern V und XI. Welche Formulare und Modelle konkret genutzt werden, legt jede Einrichtung selbst fest.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Was ist der Pflegeprozess?

Ein Regelkreis, mit dem pflegerisches Handeln systematisch geplant, durchgeführt und bewertet wird.

2. Welche sechs Schritte umfasst er?

Informationssammlung, Erkennen von Problemen und Ressourcen, Ziele festlegen, Maßnahmen planen, Durchführung und Evaluation.

3. Von wem stammt das Sechs-Schritte-Modell?

Von Verena Fiechter und Martha Meier; international verbreitet ist zusätzlich ein Vier-Schritt-Modell nach WHO-Veröffentlichungen.

4. Wofür steht PESR?

Für Problem, Etiologie, Symptom und Ressource – eine Hilfe, um Pflegeprobleme vollständig zu formulieren.

5. Was macht ein Ziel SMART?

Es ist spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und mit einem Termin für die Überprüfung versehen.

6. Was sind ABEDL?

Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens – ein Strukturmodell nach Krohwinkel zur Ordnung der Pflegeanamnese.

7. Worin unterscheidet sich eine Pflegediagnose von einer medizinischen Diagnose?

Die Pflegediagnose beschreibt die Reaktion des Menschen auf ein Gesundheitsproblem und den Pflegebedarf, nicht die Krankheit selbst.

8. Warum ist die Evaluation so wichtig?

Weil erst sie zeigt, ob die Maßnahmen wirken; ohne sie bleibt die Planung ein unbelegtes Dokument.

9. Wer darf den Pflegeprozess steuern?

Die Erhebung des Pflegebedarfs sowie Organisation, Steuerung und Evaluation des Pflegeprozesses sind vorbehaltene Aufgaben der Pflegefachpersonen.

Weiterlesen zu Grundlagen und Dokumentation

Passend dazu: Pflegedokumentation richtig führen mit SIS, die Übersicht der Expertenstandards in der Pflege, der Beitrag zur Pflegeausbildung mit Ablauf und Prüfungen sowie die Regeln der Medikamentengabe in der Pflege.

Pflegeprozess und Berufsverständnis von Grund auf

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