Hygiene und Infektionsschutz im Rettungsdienst

Kurz gesagt: Hygiene im Rettungsdienst schützt Patienten und dich selbst und beruht auf wenigen Prinzipien: konsequente Händedesinfektion an festen Punkten des Einsatzes, Schutzausrüstung passend zur erwarteten Exposition, saubere Trennung von rein und unrein sowie Flächendesinfektion nach jedem Transport. Verbindlich sind dabei die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts, die arbeitsschutzrechtlichen Vorgaben und der Hygieneplan deines Trägers.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Händedesinfektion ist die wirksamste Einzelmaßnahme – Handschuhe ersetzen sie nicht, sondern ergänzen sie.
  • Welche Schutzausrüstung wann getragen wird, richtet sich nach der erwarteten Exposition, nicht nach dem Gefühl.
  • Konzentrationen, Einwirkzeiten und zugelassene Mittel stehen in den Herstellerangaben und im Hygieneplan – niemals schätzen.
  • Rein und unrein müssen im Fahrzeug räumlich und im Ablauf getrennt bleiben, sonst verpufft jede Desinfektion.
  • Nach einer Nadelstichverletzung zählt sofortiges Handeln und die Meldung über den vorgesehenen Weg deines Trägers.

Warum Hygiene im Rettungsdienst schwieriger ist als in der Klinik

Auf einer Station ist die Umgebung kontrolliert: bekannte Räume, vorbereitete Flächen, ein Spender an jeder Tür. Im Rettungsdienst stimmt davon wenig. Du arbeitest in fremden Wohnungen, im Dunkeln, unter Zeitdruck und mit begrenztem Platz, und die Information darüber, was der Patient mitbringt, kommt oft erst in der Klinik. Genau deshalb funktioniert Hygiene hier nur, wenn sie an feste Punkte im Ablauf gekoppelt ist statt an eine bewusste Entscheidung.

Wer sich im Einsatz jedes Mal neu fragt, ob jetzt eine Händedesinfektion nötig ist, wird sie regelmäßig auslassen – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Aufmerksamkeit woanders liegt. Wer sie an wiederkehrende Momente knüpft, tut sie auch dann, wenn der Einsatz hektisch ist.

Basishygiene: die Hände zuerst

Die hygienische Händedesinfektion ist die wirksamste Einzelmaßnahme gegen die Übertragung von Erregern und gleichzeitig die, die am häufigsten übersprungen wird. Wichtig ist nicht nur, dass sie stattfindet, sondern wie: ausreichend Mittel, alle Flächen einschließlich Fingerkuppen, Daumen und Nagelfalz, und die vom Hersteller angegebene Einwirkzeit tatsächlich abwarten. Diese Zeit steht auf dem Gebinde – sie zu unterschreiten macht den Vorgang wirkungslos, nicht nur weniger wirksam.

Die WHO hat die Situationen, in denen desinfiziert wird, zu fünf Momenten zusammengefasst: vor Patientenkontakt, vor aseptischen Tätigkeiten, nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material, nach Patientenkontakt und nach Kontakt mit der unmittelbaren Patientenumgebung. Übersetzt auf den Rettungsdienst heißt das unter anderem: bevor du den Patienten anfasst, nach dem Ausziehen der Handschuhe, bevor du ins Fahrerhaus steigst, und bevor du das Protokoll oder dein Diensthandy in die Hand nimmst.

Handschuhe ersetzen keine Händedesinfektion

Handschuhe schützen dich vor Kontakt mit Blut und Körperflüssigkeiten. Sie schützen den nächsten Patienten nicht, wenn du sie anbehältst. Der klassische Fehler ist die Fahrt mit denselben Handschuhen von der Wohnung über den Türgriff bis zum Tablet – am Ende ist alles kontaminiert, was du unterwegs angefasst hast. Handschuhe werden am Patienten getragen, danach ausgezogen und entsorgt, und darauf folgt die Händedesinfektion.

Rissige Hände lassen sich schlechter desinfizieren und sind selbst eine Eintrittspforte. Hautschutz ist deshalb keine Bequemlichkeit, sondern Teil des Arbeitsschutzes; welche Produkte bereitgestellt werden, steht im Hautschutzplan deines Trägers.

Persönliche Schutzausrüstung nach erwarteter Exposition

Die Auswahl der Schutzausrüstung richtet sich danach, womit du rechnen musst – nicht danach, wie unangenehm der Einsatz wirkt. Handschuhe bei jedem Patientenkontakt, zusätzlich Schutzkittel oder Schürze, wenn Kontamination der Dienstkleidung wahrscheinlich ist, Augenschutz, wenn mit Spritzern zu rechnen ist, und Atemschutz entsprechend der Vorgabe für den jeweiligen Übertragungsweg.

Welcher Atemschutz wann gilt, ist keine Ermessensfrage. Die Zuordnung ergibt sich aus den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts, den arbeitsschutzrechtlichen Regelungen für Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen und dem Hygieneplan deines Trägers. Ebenso wichtig wie das Anlegen ist das Ablegen: Beim Ausziehen kontaminierter Schutzausrüstung entstehen die meisten Selbstkontaminationen. Die Reihenfolge dafür ist vorgegeben und gehört geübt, bevor man sie braucht.

Fahrzeug, Flächen und Material

Nach jedem Transport werden die patientennahen Flächen wischdesinfiziert. Wischen ist dabei nicht nebensächlich, sondern der wirksame Teil: Sprühen allein erreicht Flächen unvollständig und verteilt Aerosole. Welches Mittel in welcher Konzentration verwendet wird und wie lange es einwirken muss, steht in den Herstellerangaben und im Hygieneplan; die zugelassenen Präparate finden sich in den einschlägigen Desinfektionsmittellisten. Diese Angaben werden nicht geschätzt und nicht aus Erfahrung ersetzt.

Der zweite Punkt ist die Trennung von rein und unrein. Sauberes Material gehört in geschlossene Schränke, benutztes und kontaminiertes Material in die dafür vorgesehenen Behälter – nicht auf die Trage, nicht auf den Beifahrersitz, nicht zurück in die Tasche. Spitze und scharfe Gegenstände kommen unmittelbar am Ort der Anwendung in den durchstichsicheren Abwurfbehälter, ohne Zwischenablage und ohne Recapping.

Was regelmäßig vergessen wird

Die Dinge, die dauerhaft in Bewegung sind, fallen aus dem Raster: Diensthandy und Tablet, Stethoskop, Blutdruckmanschette, Fingerclip, Fahrzeugschlüssel, Türgriffe, das Lenkrad. Sie werden selten als patientennah wahrgenommen und sind es faktisch. Wie diese Gegenstände bei euch aufbereitet werden, steht ebenfalls im Hygieneplan – die Frage danach lohnt sich in der ersten Woche auf der Wache.

Infektionstransporte, Meldewege und Impfschutz

Bei bekannten oder vermuteten Infektionen mit besonderen Übertragungswegen gelten zusätzliche Maßnahmen: erweiterte Schutzausrüstung, reduzierte Beladung im Patientenraum, Voranmeldung in der Zielklinik und eine anschließende Aufbereitung nach Vorgabe. Welche Erreger welche Maßnahmen auslösen, ist in den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und im Hygieneplan deines Trägers festgelegt.

Das Infektionsschutzgesetz regelt daneben, welche Erkrankungen gemeldet werden. Wichtig ist für dich vor allem, dass es diese Meldewege gibt und wer sie bei euch bedient – die Meldung selbst liegt in aller Regel nicht bei der Fahrzeugbesatzung.

Nach einer Nadelstichverletzung

Eine Nadelstichverletzung ist ein Arbeitsunfall und wird wie einer behandelt. Der Ablauf folgt einem festen Muster: die Wunde sofort versorgen und nach Vorgabe des Hygieneplans behandeln, die Verletzung unverzüglich melden, unverzüglich einen Durchgangsarzt oder die im Betrieb vorgesehene Stelle aufsuchen und den Vorfall dokumentieren. Der entscheidende Punkt ist das Wort unverzüglich: Manche weiterführenden Maßnahmen sind nur in einem engen Zeitfenster sinnvoll, und über dieses Zeitfenster entscheidet nicht die Besatzung, sondern die untersuchende Ärztin oder der untersuchende Arzt.

Zum Arbeitsschutz gehört außerdem der Impfschutz. Welche Impfungen für Tätigkeiten im Rettungsdienst empfohlen sind und welche der Arbeitgeber im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge anbietet, klärt der betriebsärztliche Dienst – das ist ein Gespräch, das an den Anfang der Tätigkeit gehört und nicht ans Ende.

Bereich Prinzip Wo die verbindliche Vorgabe steht
Händehygiene Desinfektion an festen Punkten des Einsatzes, vollständige Benetzung, Einwirkzeit abwarten Herstellerangabe des Präparats, Hygieneplan des Trägers
Schutzausrüstung Auswahl nach erwarteter Exposition, geübte Reihenfolge beim Ablegen RKI-Empfehlungen, Arbeitsschutzvorgaben, Hygieneplan
Flächendesinfektion Wischdesinfektion patientennaher Flächen nach jedem Transport Herstellerangaben, Desinfektionsmittelliste, Hygieneplan
Rein und unrein Getrennte Lagerung und getrennte Wege im Fahrzeug Hygieneplan und Dienstanweisung des Trägers
Spitze Gegenstände Sofort in den durchstichsicheren Abwurf, kein Recapping Arbeitsschutzvorgaben, Hygieneplan
Nadelstichverletzung Sofortmaßnahme, unverzügliche Meldung, ärztliche Vorstellung, Dokumentation Hygieneplan, betriebsärztlicher Dienst, Unfallversicherungsträger

Hygiene ergibt Sinn, sobald die mikrobiologischen Grundlagen sitzen.

Modul 1 behandelt die medizinischen Grundlagen für Rettungssanitäter, darunter Infektionslehre und Hygiene: Übertragungswege, Basishygiene und Infektionsschutz im Zusammenhang – mit Übungsfragen im Prüfungsformat.

Modul 1: Medizinische Grundlagen für Rettungssanitäter ansehen →

Hygiene als Prüfungsthema

In der Prüfung geht es bei Hygiene fast nie um Produktnamen oder Zahlenwerte. Gefragt wird nach Übertragungswegen und den Maßnahmen, die zu ihnen passen, nach der Reihenfolge beim An- und Ablegen der Schutzausrüstung, nach dem Unterschied zwischen Reinigung, Desinfektion und Sterilisation und nach dem Vorgehen nach einer Nadelstichverletzung. Wer versteht, warum eine Maßnahme wirkt, kann sie auf eine Situation übertragen, die er noch nicht kennt.

Genauso oft wird Hygiene in praktischen Prüfungsteilen mitbewertet, ohne dass es angekündigt wird. Wer Handschuhe anbehält, während er das Protokoll ausfüllt, verliert dort Punkte – zu Recht, weil dieselbe Bewegung im Dienst denselben Effekt hätte.

Für den Einsatz gilt: Diese Seite erklärt Prinzipien. Konkrete Präparate, Konzentrationen, Einwirkzeiten und Aufbereitungsintervalle stehen im Hygieneplan deines Trägers und in den Herstellerangaben; fachliche Grundlage dafür sind die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts.

Häufige Fragen

Wann muss ich mir im Einsatz die Hände desinfizieren?

Die WHO fasst die Situationen zu fünf Momenten zusammen: vor Patientenkontakt, vor aseptischen Tätigkeiten, nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material, nach Patientenkontakt und nach Kontakt mit der Patientenumgebung. Im Rettungsdienst heißt das unter anderem: nach dem Ausziehen der Handschuhe, bevor du ins Fahrerhaus steigst und bevor du Protokoll oder Diensthandy anfasst.

Reichen Handschuhe nicht aus?

Nein. Handschuhe schützen dich vor Kontakt mit Blut und Körperflüssigkeiten, aber sie schützen den nächsten Patienten nicht, wenn du sie anbehältst. Alles, was du mit kontaminierten Handschuhen anfasst, ist danach ebenfalls kontaminiert. Handschuhe werden am Patienten getragen, danach ausgezogen und entsorgt, und darauf folgt die Händedesinfektion.

Wie lange muss ein Desinfektionsmittel einwirken?

Das hängt vom Präparat und vom Anwendungsbereich ab und steht in den Herstellerangaben sowie im Hygieneplan deines Trägers. Diese Zeit lässt sich nicht schätzen und nicht durch Erfahrung ersetzen: Wird sie unterschritten, ist der Vorgang wirkungslos, nicht nur weniger wirksam. Zugelassene Präparate sind in den einschlägigen Desinfektionsmittellisten aufgeführt.

Was gehört nach jedem Transport desinfiziert?

Alle patientennahen Flächen im Fahrzeug, dazu die Gegenstände, die leicht übersehen werden: Trage, Blutdruckmanschette, Fingerclip, Stethoskop, Tablet, Türgriffe und Lenkrad. Gearbeitet wird mit Wischdesinfektion, nicht mit Sprühen allein. Welche Mittel dafür vorgesehen sind und in welchem Umfang aufbereitet wird, regelt der Hygieneplan deines Trägers.

Was tue ich nach einer Nadelstichverletzung?

Die Wunde sofort nach Vorgabe des Hygieneplans versorgen, die Verletzung unverzüglich melden, unverzüglich einen Durchgangsarzt oder die im Betrieb vorgesehene Stelle aufsuchen und den Vorfall dokumentieren. Eine Nadelstichverletzung ist ein Arbeitsunfall. Entscheidend ist Schnelligkeit: Über weiterführende Maßnahmen und deren Zeitfenster entscheidet die untersuchende Ärztin oder der untersuchende Arzt.

Welche Impfungen brauche ich für den Rettungsdienst?

Welche Impfungen für Tätigkeiten im Rettungsdienst empfohlen sind und welche im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge angeboten werden, klärt der betriebsärztliche Dienst deines Trägers anhand der geltenden Empfehlungen. Dieses Gespräch gehört an den Anfang der Tätigkeit. Eine pauschale Liste ist hier nicht sinnvoll, weil sich Empfehlungen und betriebliche Vorgaben ändern.

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