Kardiale Notfälle: ACS, Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen

Kurz gesagt: Kardiale Notfälle im Rettungsdienst umfassen vor allem das akute Koronarsyndrom, die akut dekompensierte Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen. Für Rettungssanitäter geht es darum, Leitsymptome früh zu erkennen, den Patienten strukturiert nach ABCDE einzuschätzen, ein 12-Kanal-EKG abzuleiten und die Beobachtungen sauber weiterzugeben. Die Therapieentscheidung trifft der Notarzt oder Notfallsanitäter nach den aktuell gültigen Leitlinien und der SOP deines Rettungsdienstbereichs.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die drei Themenblöcke, die in der Ausbildung immer wieder auftauchen, sind akutes Koronarsyndrom, kardiale Dekompensation und Rhythmusstörungen.
  • Dein Beitrag als Rettungssanitäter liegt in Einschätzung, Monitoring, Dokumentation und Übergabe – nicht in der Therapieentscheidung.
  • Ein 12-Kanal-EKG früh abzuleiten ist eine der wenigen Maßnahmen, die den weiteren Verlauf messbar beeinflussen, weil sie die Zielklinik mitbestimmt.
  • Atypische Verläufe sind kein Randphänomen, sondern der Grund, warum Schemata existieren.
  • Konkrete Grenzwerte, Zielwerte und Medikamentengaben richten sich nach den aktuell gültigen Leitlinien und der SOP deines Rettungsdienstbereichs.

Was kardiale Notfälle im Rettungsdienst ausmacht

Kardiale Notfälle sind in der Ausbildung deshalb so präsent, weil sie zwei Dinge gleichzeitig verlangen: schnelles Erkennen und diszipliniertes Zurückhalten. Du siehst einen Patienten mit Brustschmerz, hast eine Vermutung im Kopf – und trotzdem läuft die Einschätzung strukturiert ab, weil die Vermutung falsch sein kann. Genau diese Spannung wird in Prüfungen abgefragt.

Der Begriff fasst sehr unterschiedliche Krankheitsbilder zusammen. Ein Patient mit akutem Koronarsyndrom, ein Patient mit Lungenödem bei dekompensierter Herzinsuffizienz und ein Patient mit einer neu aufgetretenen Tachykardie haben wenig gemeinsam außer dem Organ. Ihre Leitsymptome überschneiden sich aber – Luftnot, Brustschmerz, Unruhe, blasse feuchte Haut – und deshalb hilft dir die Verdachtsdiagnose am Anfang wenig.

Warum die Einordnung vor der Diagnose kommt

Das ABCDE-Schema ist hier kein Ritual, sondern eine Reihenfolge, die verhindert, dass du an einem auffälligen Befund hängen bleibst. Wer beim Brustschmerz sofort ans EKG denkt und die Atemarbeit übersieht, hat eine Information gewonnen und eine wichtigere verloren. Die Systematik zwingt dich, in der gleichen Reihenfolge zu arbeiten, egal wie eindeutig der Fall wirkt.

Die eigentliche Leistung besteht darin, den Zustand über die Zeit zu beurteilen. Ein einmaliger Befund sagt weniger aus als die Frage, ob sich der Patient in den letzten Minuten verändert hat. Dokumentiere deshalb Verläufe, nicht nur Momentaufnahmen – das ist auch der Punkt, an dem eine Übergabe entweder brauchbar wird oder nicht.

Akutes Koronarsyndrom: Leitsymptome und ihre Tücken

Das akute Koronarsyndrom ist ein Sammelbegriff für Zustände, bei denen die Durchblutung des Herzmuskels akut nicht mehr ausreicht. Klinisch fällt es meist über Brustschmerz auf, der als Druck, Enge oder Brennen beschrieben wird und in Arm, Kiefer, Rücken oder Oberbauch ausstrahlen kann. Begleitend treten häufig Luftnot, Kaltschweißigkeit, Übelkeit und ein ausgeprägtes Gefühl der Bedrohung auf.

Für die Anamnese sind SAMPLER und OPQRST die Werkzeuge, mit denen du diese Beschreibung überhaupt erst brauchbar machst. Der entscheidende Teil ist selten die Schmerzstärke, sondern der zeitliche Verlauf: Wann hat es begonnen, was hat der Patient dabei getan, hat sich der Charakter verändert, gab es das schon einmal. Diese Angaben nimmt die Klinik dir nicht ab, weil sie den Zeitpunkt nicht mehr rekonstruieren kann.

Atypische Präsentation ist der Normalfall, nicht die Ausnahme

Ein erheblicher Teil der Patienten – insbesondere ältere Menschen, Frauen und Menschen mit Diabetes mellitus – zeigt kein lehrbuchartiges Bild. Statt Brustschmerz stehen dann Luftnot, Schwäche, Übelkeit, Verwirrtheit oder ein unspezifisches Unwohlsein im Vordergrund. Wenn du dir nur eine Sache aus diesem Abschnitt merkst, dann diese: Das Fehlen von Brustschmerz schließt ein kardiales Ereignis nicht aus.

Daraus folgt eine praktische Konsequenz für die Ausbildung. Das 12-Kanal-EKG gehört bei entsprechendem Verdacht früh dazu, auch wenn die Beschwerden vage sind. Die Beurteilung des EKG ist nicht deine Aufgabe, die Ableitung in ordentlicher Qualität und die zeitnahe Weitergabe schon – und beides entscheidet mit darüber, welche Klinik angefahren wird.

Herzinsuffizienz und akute Dekompensation

Bei der Herzinsuffizienz reicht die Pumpleistung nicht mehr aus, um den Kreislauf unter der jeweiligen Belastung zu bedienen. Chronisch ist das ein langsamer Prozess; im Rettungsdienst siehst du meist den Moment, in dem dieser Zustand kippt. Typisch ist eine über Stunden oder Tage zunehmende Luftnot, die im Liegen schlechter wird, dazu Ödeme, Gewichtszunahme und nächtliches Aufschrecken mit Atemnot.

Die Patienten sitzen oft von selbst aufrecht und stützen sich ab. Diese Eigenhaltung ist eine Information: Sie zeigt dir, wie der Patient sich selbst reguliert, und sie ist ein Grund, ihn nicht ohne Not umzulagern. Wie weit du darüber hinaus gehst – Lagerung, Sauerstoff, Assistenz bei weiteren Maßnahmen – ergibt sich aus der SOP deines Bereichs und aus der Rückmeldung des Notarztes.

Prüfungsrelevant ist außerdem die Abgrenzung zur respiratorischen Ursache. Luftnot bei kardialer Dekompensation und Luftnot bei einer Exazerbation einer chronischen Lungenerkrankung sehen auf den ersten Blick ähnlich aus. Die Vorgeschichte, der zeitliche Verlauf und die Begleitsymptome sind das, was dir bei der Einordnung hilft – und das, wonach die Prüfer fragen.

Rhythmusstörungen als Lernthema

Rhythmusstörungen sind der Bereich, in dem sich Auszubildende am häufigsten verrennen, weil sie versuchen, EKG-Bilder auswendig zu lernen. Sinnvoller ist eine gröbere Sortierung, die im Einsatz tatsächlich trägt: zu schnell, zu langsam, unregelmäßig – und vor allem die Frage, ob der Patient dabei stabil oder instabil wirkt.

Die klinische Frage steht über dem EKG-Bild

Ein Rhythmus auf dem Monitor ist ohne den dazugehörigen Patienten nicht zu bewerten. Deshalb gehört zu jeder Rhythmusbeobachtung die Frage, wie der Patient aussieht: wach und orientiert oder verlangsamt, warm und trocken oder kaltschweißig, belastbar oder bei minimaler Anstrengung erschöpft. Diese klinische Einschätzung ist der Teil, den du als Rettungssanitäter beitragen kannst und sollst.

Ebenfalls wichtig: Artefakte. Zittern, Bewegung, schlechter Elektrodenkontakt und ein fahrendes Fahrzeug erzeugen Bilder, die nach einer Rhythmusstörung aussehen. Bevor du eine Beobachtung weitergibst, lohnt sich der Blick auf die Signalqualität und der Abgleich mit dem tatsächlichen Puls am Patienten.

Leitsymptom Woran du bei kardialer Ursache denkst Was in der Prüfung erwartet wird
Brustschmerz mit Ausstrahlung Akutes Koronarsyndrom Strukturierte Anamnese, frühes 12-Kanal-EKG, Verlaufsdokumentation
Zunehmende Luftnot, im Liegen schlechter Akut dekompensierte Herzinsuffizienz Abgrenzung zur respiratorischen Ursache über Vorgeschichte und Verlauf
Herzstolpern, Schwindel, Leistungsknick Tachykarde oder bradykarde Rhythmusstörung Einordnung stabil oder instabil vor jeder EKG-Interpretation
Luftnot und Schwäche ohne Schmerz Atypisches Koronarsyndrom Kenntnis der Risikogruppen für atypische Verläufe
Bewusstlosigkeit ohne normale Atmung Kreislaufstillstand Sofortiger Wechsel in den Reanimationsalgorithmus

Kardiale Notfälle strukturiert lernen statt Einzelbilder auswendig zu pauken.

Das Notfallmedizin-Modul ordnet die kardialen Krankheitsbilder entlang der Systematik ein, mit der du sie im Einsatz auch tatsächlich abarbeitest. Enthalten sind Leitsymptom-Zuordnungen, Fallbeispiele im ABCDE-Format und Übungsfragen im Stil der Abschlussprüfung.

Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre für Rettungssanitäter ansehen →

Häufige Fragen

Was gehört zu den kardialen Notfällen im Rettungsdienst?

Zu den kardialen Notfällen zählen vor allem das akute Koronarsyndrom, die akut dekompensierte Herzinsuffizienz mit Lungenödem, tachykarde und bradykarde Rhythmusstörungen sowie der Kreislaufstillstand kardialer Ursache. Auch hypertensive Notfälle und Klappenprobleme werden je nach Lehrbuch dazu gerechnet. Für die Ausbildung reicht die Sortierung nach Leitsymptomen aus, weil du im Einsatz ohnehin vom Symptom und nicht von der Diagnose ausgehst.

Darf ich als Rettungssanitäter ein 12-Kanal-EKG ableiten?

Das Ableiten eines 12-Kanal-EKG gehört in vielen Rettungsdienstbereichen zu den Aufgaben, die Rettungssanitäter übernehmen. Ob und in welcher Situation das bei dir gilt, regelt die SOP oder Verfahrensanweisung deines Trägers zusammen mit den Vorgaben des Ärztlichen Leiters Rettungsdienst. Die Befundung des EKG ist davon getrennt zu betrachten und liegt nicht in deinem Verantwortungsbereich.

Wie unterscheide ich kardiale von respiratorischer Luftnot?

Sicher unterscheiden lässt sich das präklinisch oft nicht, und das wird auch nicht von dir verlangt. Hilfreich sind die Vorgeschichte, der zeitliche Verlauf der Beschwerden, die Frage nach Verschlechterung im Liegen, sichtbare Ödeme und die bisherige Medikation. Deine Aufgabe ist es, diese Hinweise zu sammeln und weiterzugeben, nicht die Ursache abschließend festzulegen.

Welche Werte muss ich bei kardialen Notfällen auswendig können?

Für Grenzwerte, Zielwerte und Medikamentengaben gilt in jedem Rettungsdienstbereich die jeweils aktuelle Leitlinie und die dazu passende SOP. Diese Vorgaben ändern sich, und sie unterscheiden sich zwischen den Bereichen. Lerne deshalb die Systematik und die Frage, warum ein Wert überhaupt erhoben wird – die konkreten Zahlen holst du dir aus dem Dokument, das bei dir gilt.

Warum ist die Übergabe bei kardialen Notfällen so wichtig?

Weil ein großer Teil der entscheidenden Information nur du hast. Der Beginn der Beschwerden, die Situation beim Eintreffen, die Veränderung während des Transports und das erste EKG lassen sich in der Klinik nicht rekonstruieren. Eine strukturierte Übergabe nach einem festen Schema sorgt dafür, dass genau diese Punkte ankommen und nicht im Gespräch untergehen.

Wie bereite ich mich auf kardiale Fallbeispiele in der Prüfung vor?

Arbeite Fallbeispiele konsequent im ABCDE-Format durch und sprich dabei laut mit, auch beim Üben allein. Prüfer bewerten weniger die Verdachtsdiagnose als die Frage, ob du strukturiert vorgehst, deine Befunde benennst und erkennst, wann du nachfordern musst. Wiederhole zusätzlich die atypischen Verläufe, weil genau die gern als Fallstricke eingebaut werden.

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