MANV und Sichtung: Ablauf bei einem Massenanfall von Verletzten
Kurz gesagt: Ein MANV ist ein Einsatz, bei dem die Zahl der Betroffenen die verfügbaren Kräfte übersteigt. Dann wechselt die Logik: Nicht mehr der einzelne Patient bekommt alles, sondern die Gesamtheit der Betroffenen soll den größtmöglichen Nutzen haben. Die Sichtung ordnet dafür jeden Betroffenen nach Behandlungsdringlichkeit. Wie die Kategorien heißen und welcher Algorithmus gilt, legt dein Bundesland beziehungsweise dein Rettungsdienstbereich fest.
Das Wichtigste in Kürze
- MANV steht für Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten – entscheidend ist das Missverhältnis zwischen Betroffenen und Kräften, nicht eine feste Zahl.
- Sichtung heißt, Betroffene nach Behandlungsdringlichkeit zu ordnen, damit begrenzte Ressourcen dort ankommen, wo sie am meisten bewirken.
- Sichtungskategorien, Farbcodes und Algorithmen sind nicht bundeseinheitlich; maßgeblich ist das Konzept deines Bereichs.
- Das ersteintreffende Fahrzeug behandelt zunächst nicht, sondern verschafft sich einen Überblick und meldet zurück.
- Sichtung ist eine Momentaufnahme und wird wiederholt, weil sich Zustände verändern.
Was ein MANV ist – und warum es dafür keine bundesweite Zahl gibt
MANV steht für Massenanfall von Verletzten, in vielen Konzepten auch für Verletzte oder Erkrankte. Gemeint ist eine Lage, in der die Zahl und Schwere der Betroffenen die vor Ort verfügbaren Kräfte und Mittel übersteigt. Damit ist der Begriff relativ: Was in einer Großstadt am Nachmittag ein größerer Einsatz ist, kann im ländlichen Raum nachts ein MANV sein.
Aus diesem Grund gibt es keine bundesweit gültige Verletztenzahl, ab der ein Einsatz zum MANV wird. Rettungsdienstbereiche arbeiten mit eigenen Einteilungen und Alarmierungsstufen, die festlegen, welche Kräfte ab welcher Lagegröße automatisch nachalarmiert werden. Welche Stufen bei dir gelten, steht im MANV-Konzept deines Bereichs – das ist eines der Dokumente, nach denen du auf der Wache fragen solltest.
Der Perspektivwechsel
Der eigentlich schwierige Teil eines MANV ist kein Handgriff, sondern eine Umstellung. Im Alltagseinsatz bekommt dein Patient alles, was du hast. In der MANV-Lage gilt das nicht mehr: Der Maßstab ist der größtmögliche Gesamtnutzen für alle Betroffenen. Das kann bedeuten, dass du an einer schwer verletzten Person zunächst nur eine lebensrettende Sofortmaßnahme durchführst und weitergehst, während jemand anderes lauter ruft und warten muss.
Diese Umstellung fällt niemandem leicht, und sie fällt Berufsanfängern besonders schwer, weil sie dem widerspricht, was in der gesamten Ausbildung eingeübt wurde. Es hilft zu wissen, dass sie nicht deiner Entscheidung überlassen ist: Sie ist Teil eines vorgegebenen Konzepts, das genau dafür existiert, damit in dieser Lage niemand allein abwägen muss.
Die ersten Minuten: das ersteintreffende Fahrzeug
Wenn dein Fahrzeug als erstes an einer unübersichtlichen Lage ankommt, ist die naheliegende Reaktion die falsche. Der Reflex, sofort mit dem nächstbesten Betroffenen zu beginnen, bindet die einzige Besatzung, die gerade den Überblick verschaffen könnte – und der Überblick entscheidet darüber, was in der nächsten halben Stunde passiert.
Stattdessen gilt in fast allen Konzepten dieselbe Reihenfolge: Eigenschutz und Gefahren an der Einsatzstelle klären, sich einen Überblick über Ausdehnung und Größenordnung verschaffen, eine erste Lagemeldung an die Leitstelle absetzen und die Einsatzstelle grob ordnen. Erst danach beginnt die Arbeit am Patienten, und auch die beginnt in der Regel mit Sichtung statt mit Behandlung.
Was in die erste Rückmeldung gehört
Die Leitstelle braucht wenige, klare Angaben: was passiert ist, wo genau, wie groß die Lage ungefähr ist, welche Gefahren bestehen, welche Kräfte du für nötig hältst und wo diese sich sammeln sollen. Eine geschätzte Größenordnung ist dabei nützlicher als eine genaue Zahl, die du noch nicht haben kannst. Wer wartet, bis er sicher zählen kann, verliert die Zeit, in der Kräfte alarmiert werden könnten.
Sichtung: das Prinzip hinter den Kategorien
Sichtung ist die ärztliche oder – je nach Vorgabe – von entsprechend qualifiziertem Personal durchgeführte Beurteilung, die jeden Betroffenen einer Dringlichkeitsstufe zuordnet. Sie ist bewusst kurz: Es geht nicht um eine Diagnose, sondern um eine Einordnung, die schnell, wiederholbar und für alle Beteiligten verständlich ist. Behandelt wird während der Sichtung nur, was sofort lebensrettend ist und Sekunden dauert.
In vielen Konzepten werden die Kategorien mit römischen Ziffern bezeichnet und zusätzlich farblich unterlegt, ergänzt um eine eigene Kennzeichnung für Verstorbene. Wie viele Kategorien es gibt, wie sie genau definiert sind, welche Farben verwendet werden und welcher Sichtungsalgorithmus zum Einsatz kommt, unterscheidet sich zwischen den Bundesländern und teils zwischen den Rettungsdienstbereichen. Es gibt hier kein bundeseinheitliches Schema, das du auswendig lernen und überall anwenden könntest.
Für dich folgt daraus zweierlei. Lerne das Prinzip – Dringlichkeit statt Reihenfolge des Auffindens, kurze Beurteilung, eindeutige Kennzeichnung. Und lerne zusätzlich das Konzept deines Bereichs, inklusive der Kennzeichnungsmittel, die auf deinem Fahrzeug tatsächlich liegen. Beides zusammen trägt, eines allein nicht.
Sichtung ist eine Momentaufnahme
Ein Betroffener, der bei der ersten Beurteilung stabil wirkte, kann es zwanzig Minuten später nicht mehr sein. Deshalb ist Sichtung kein einmaliger Vorgang, sondern wird wiederholt – bei Veränderungen, beim Übergang in einen Behandlungsplatz und vor dem Abtransport. Wer die erste Einteilung als endgültig behandelt, übersieht genau die Verschlechterungen, für die das Verfahren gemacht ist.
Wer im MANV was führt
Sobald eine Lage die Größe eines normalen Einsatzes überschreitet, entsteht eine Führungsstruktur. Auf der medizinischen Seite steht der Leitende Notarzt, auf der organisatorischen Seite eine Führungskraft des Rettungsdienstes – je nach Bundesland als Organisatorischer Leiter, Einsatzleiter Rettungsdienst oder ähnlich bezeichnet. Beide arbeiten mit der Einsatzleitung der übrigen Organisationen zusammen, die Einsatzstelle wird in Abschnitte gegliedert.
Deine Rolle darin ist als Rettungssanitäter klar umrissen und das ist eine Entlastung: Du arbeitest in einem Abschnitt, auf Zuweisung, mit einem definierten Auftrag. Was von dir erwartet wird, ist nicht Übersicht über die Gesamtlage, sondern dass du deinen Auftrag zuverlässig erledigst, Rückmeldung gibst, wenn er erledigt ist, und dich nicht selbst neu einsetzt.
| Aufgabe in der Lage | Wer sie übernimmt | Was das für dich heißt |
|---|---|---|
| Erste Lagebeurteilung | Ersteintreffendes Fahrzeug | Überblick und Rückmeldung vor Behandlung |
| Medizinische Führung | Leitender Notarzt | Sichtungsvorgaben und Behandlungsprioritäten kommen von dort |
| Organisatorische Führung | Führungskraft des Rettungsdienstes, Bezeichnung je nach Land | Zuweisung von Aufträgen, Abschnitten und Transporten |
| Sichtung | Nach Vorgabe des Bereichs qualifiziertes Personal | Kurze Beurteilung, eindeutige Kennzeichnung, Wiederholung |
| Behandlung und Transport | Eingesetzte Rettungsmittel im Abschnitt | Arbeiten auf Zuweisung, Rückmeldung nach Erledigung |
Einsatzlehre und Notfallmedizin so aufbereitet, dass die Struktur hängen bleibt.
Modul 2 behandelt Einsatzlehre zusammen mit den notfallmedizinischen Grundlagen: Lagebeurteilung, Führungsstrukturen, MANV und Sichtung als Prinzip – mit Fallbeispielen und Übungsfragen im Prüfungsformat.
MANV in Prüfung und Übung
In der Prüfung wird selten verlangt, dass du Kategorien einer bestimmten Landesvorgabe aufsagst. Gefragt ist regelmäßig das Verständnis: Was unterscheidet einen MANV vom Regeleinsatz, warum sichtet man überhaupt, was tut das ersteintreffende Fahrzeug zuerst, warum wird wiederholt gesichtet. Wer diese vier Fragen sauber beantwortet, steht besser da als jemand, der eine Tabelle auswendig kann, die im Nachbarland anders aussieht.
Der zweite Teil der Vorbereitung passiert nicht am Schreibtisch. MANV-Übungen wirken auf Außenstehende chaotisch und sind genau deshalb wertvoll: Sie zeigen, wie schnell Absprachen zerfallen, wenn niemand zurückmeldet. Wenn du die Gelegenheit hast, an einer Übung teilzunehmen, nimm sie – und achte dabei weniger auf die Maßnahmen als darauf, wie Informationen zwischen den Abschnitten wandern.
Häufige Fragen
Was bedeutet MANV?
MANV steht für Massenanfall von Verletzten, in vielen Konzepten für Verletzte oder Erkrankte. Gemeint ist eine Lage, in der Zahl und Schwere der Betroffenen die vor Ort verfügbaren Kräfte und Mittel übersteigen. Der Begriff ist relativ: Dieselbe Betroffenenzahl kann je nach Tageszeit, Region und verfügbaren Rettungsmitteln ein Regeleinsatz oder ein MANV sein.
Ab wie vielen Verletzten spricht man von einem MANV?
Eine bundesweit einheitliche Zahl gibt es nicht. Rettungsdienstbereiche arbeiten mit eigenen Einteilungen und Alarmierungsstufen, die festlegen, welche Kräfte ab welcher Lagegröße nachalarmiert werden. Maßgeblich ist das MANV-Konzept deines Bereichs. Entscheidend bleibt in jedem Fall das Missverhältnis zwischen Betroffenen und verfügbaren Kräften, nicht eine absolute Zahl.
Wozu dient die Sichtung?
Die Sichtung ordnet jeden Betroffenen einer Dringlichkeitsstufe zu, damit begrenzte Kräfte dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen bringen. Sie ist bewusst kurz und liefert keine Diagnose, sondern eine schnelle, wiederholbare Einordnung. Behandelt wird während der Sichtung nur, was sofort lebensrettend ist und wenige Sekunden dauert.
Gibt es bundesweit einheitliche Sichtungskategorien?
Nein. Zahl, Bezeichnung und Definition der Kategorien, die verwendeten Farben und der zugrunde liegende Sichtungsalgorithmus unterscheiden sich zwischen den Bundesländern und teilweise zwischen den Rettungsdienstbereichen. Lerne deshalb das Prinzip der Dringlichkeitseinteilung und zusätzlich das Konzept und die Kennzeichnungsmittel, die in deinem Bereich tatsächlich gelten.
Was macht das ersteintreffende Fahrzeug bei einem MANV?
Es behandelt zunächst nicht. In fast allen Konzepten gilt dieselbe Reihenfolge: Eigenschutz und Gefahren klären, sich einen Überblick über Ausdehnung und Größenordnung verschaffen, eine erste Lagemeldung an die Leitstelle absetzen und die Einsatzstelle grob ordnen. Eine geschätzte Größenordnung ist dabei nützlicher als eine exakte Zahl, die noch niemand haben kann.
Welche Rolle habe ich als Rettungssanitäter in einer MANV-Lage?
Du arbeitest in einem Einsatzabschnitt auf Zuweisung, mit einem klar umrissenen Auftrag. Erwartet wird nicht, dass du die Gesamtlage überblickst, sondern dass du deinen Auftrag zuverlässig erledigst, ihn zurückmeldest und dich nicht eigenmächtig neu einsetzt. Die Vorgaben dazu kommen von der medizinischen und der organisatorischen Führung der Lage.
Passende Kurse und Lernmaterialien
- Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre für Rettungssanitäter – Lagebeurteilung, Führungsstrukturen und MANV im Zusammenhang mit den notfallmedizinischen Grundlagen.
- Rettungssanitäter-Ausbildung: alle Kurse im Überblick – alle vier Module, wenn du die Ausbildung durchgehend begleiten willst.