SAMPLER und OPQRST: Anamnese im Rettungsdienst

Kurz gesagt: SAMPLER und OPQRST sind zwei Merkschemata für die Anamnese im Rettungsdienst. SAMPLER strukturiert die Vorgeschichte des Patienten – Symptome, Allergien, Medikamente, Vorerkrankungen, letzte Mahlzeit, Ereignis und Risikofaktoren. OPQRST schlüsselt ein einzelnes Symptom auf, meist den Schmerz. Beide sorgen dafür, dass unter Zeitdruck keine Information vergessen wird, die für die weitere Versorgung wichtig ist.

Das Wichtigste in Kürze

  • SAMPLER erhebt die Vorgeschichte, OPQRST beschreibt ein konkretes Symptom im Detail.
  • Die Anamnese folgt in der Regel auf die Erstuntersuchung, nicht umgekehrt.
  • Die Schemata sind Gedächtnisstützen, kein Fragebogen zum Abarbeiten in fester Wortwahl.
  • Fremdanamnese und Umgebungsbefunde sind vollwertige Informationsquellen, keine Notlösung.
  • Was aus den Informationen folgt, richtet sich nach den gültigen Leitlinien und den Vorgaben deines Trägers.

Warum die Anamnese im Rettungsdienst ein Schema braucht

Im ruhigen Gespräch fällt einem alles Wichtige irgendwann ein. Im Einsatz nicht. Unter Zeitdruck, mit Angehörigen im Raum und einem Patienten, der Schmerzen hat, fallen genau die Fragen weg, die niemand stellt, weil sie unspektakulär wirken – die Dauermedikation zum Beispiel oder der Zeitpunkt des Symptombeginns. Ein Merkschema wie SAMPLER ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern der Grund dafür, dass die Übergabe in der Klinik vollständig ist.

Der zweite Grund ist die Übertragbarkeit. Wenn alle im Team mit derselben Struktur arbeiten, kann jeder an jeder Stelle einsteigen. Das gilt für den Kollegen, der später dazukommt, genauso wie für die aufnehmende Klinik. Mehr dazu findest du unter Kommunikation und Übergabe im Rettungsdienst.

Erst der Zustand, dann die Geschichte

Die Anamnese kommt nach der strukturierten Erstuntersuchung. Wer mit der Vorgeschichte anfängt, während bei A oder B noch etwas offen ist, hat die Prioritäten vertauscht – die Reihenfolge ist im ABCDE-Schema nicht zufällig gewählt. In der Praxis laufen beide Vorgänge oft parallel: Während eine Person untersucht, spricht die andere mit dem Patienten oder mit Angehörigen. Das ist sinnvoll, solange die Zuständigkeiten klar sind.

SAMPLER: Die Vorgeschichte in sieben Schritten

Die Buchstaben stehen für Fragen, nicht für Formulierungen. Du entscheidest, wie du fragst – das Schema stellt nur sicher, dass du nichts auslässt.

Buchstabe Steht für Was du damit erfährst
S Symptome Was der Patient selbst als Beschwerde schildert
A Allergien Bekannte Unverträglichkeiten, auch gegen Medikamente
M Medikamente Dauermedikation, kürzliche Änderungen, Einnahmetreue
P Patientenvorgeschichte Vorerkrankungen, Operationen, frühere ähnliche Episoden
L Letzte Mahlzeit Zeitpunkt der letzten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
E Ereignis Was unmittelbar vor dem Notfall passiert ist
R Risikofaktoren Umstände, die eine Verdachtsrichtung stützen oder schwächen

Die Buchstaben, die am häufigsten zu dünn bleiben

M und E. Bei der Medikation reicht „nimmt was fürs Herz“ nicht – die Packungen, der Medikationsplan oder das Vorsorgeheft liegen meist in Reichweite und sagen mehr als jede Erinnerung. Beim Ereignis wird oft nur das Endergebnis erfragt, nicht der Hergang. Ob jemand gestürzt ist, weil er gestolpert ist, oder ob er gestürzt ist, weil ihm vorher schwarz vor Augen wurde, sind zwei völlig verschiedene Einsätze.

OPQRST: Ein einzelnes Symptom aufschlüsseln

Während SAMPLER in die Breite geht, geht OPQRST in die Tiefe. Es wird auf ein konkretes Symptom angewendet – klassisch auf Schmerz, grundsätzlich aber auf jede Beschwerde, die sich beschreiben lässt.

  • O – Onset: Wann und in welcher Situation hat es begonnen, plötzlich oder allmählich?
  • P – Provokation/Palliation: Was verstärkt es, was lindert es?
  • Q – Qualität: Wie beschreibt der Patient es in eigenen Worten?
  • R – Region/Ausstrahlung: Wo genau, und strahlt es irgendwohin aus?
  • S – Schwere: Wie stark, in der Einschätzung des Patienten selbst?
  • T – Time/Verlauf: Wie hat es sich seit Beginn verändert?

Bei Q lohnt sich Geduld. Die Beschreibung, die ein Patient von sich aus wählt, ist informativer als eine, die du ihm anbietest. Wer fragt „ist es ein drückender Schmerz?“, bekommt oft ein Ja, das nichts bedeutet. Frag offen und biete Beschreibungen erst an, wenn der Patient von selbst keine findet.

Anamnese-Schemata an Einsatzsituationen üben, statt Buchstaben aufzusagen.

Modul 2 behandelt Notfallmedizin und Einsatzlehre für Rettungssanitäter und zeigt, wie SAMPLER und OPQRST im Ablauf eines Einsatzes tatsächlich eingesetzt werden – einschließlich der Frage, was davon in die Übergabe gehört. Verbindlich für dein konkretes Vorgehen bleiben die aktuell gültigen Leitlinien und die Vorgaben deines Trägers.

Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre ansehen →

Wenn der Patient nicht antworten kann

Bewusstseinsgetrübte Patienten, Sprachbarrieren, Demenz, sehr kleine Kinder – in all diesen Fällen bleibt das Schema gültig, nur die Quelle wechselt. Angehörige, Pflegekräfte, Ersthelfer, der Notfallbogen aus dem Pflegeheim, Medikamentenschachteln auf dem Nachttisch, ein Diabetiker-Ausweis: Das ist Fremdanamnese, und sie ist keine schlechtere Anamnese.

Zwei Dinge sind dabei wichtig. Halte fest, woher eine Information stammt – „Ehefrau berichtet“ ist etwas anderes als „Patient gibt an“, und in der Klinik kann dieser Unterschied zählen. Und nimm die Umgebung als Informationsquelle ernst: Wie der Patient aufgefunden wurde, was im Raum steht, wie lange die Situation offenbar schon andauert. Gerade bei neurologischen Notfällen ist der zuletzt bekannte unauffällige Zeitpunkt eine der wichtigsten Angaben überhaupt – und sie kommt fast nie vom Patienten selbst.

Die Schemata abrufbar machen

Ein Merkschema hilft nur, wenn du es nicht mehr abrufen musst. Solange du im Kopf die Buchstaben durchgehst, fehlt dir Aufmerksamkeit für das, was der Patient gerade sagt. Der Weg dorthin führt über wiederholte Anwendung an echten Gesprächen, nicht über Wiederholen der Buchstabenreihe.

Üb es deshalb im Gespräch, nicht auf dem Papier. Zu zweit, einer spielt den Patienten mit einem kurzen Szenario, der andere führt die Anamnese und fasst am Ende zusammen, als würde er übergeben. Die Zusammenfassung ist der eigentliche Test: Was du nicht erfragt hast, fällt dort sofort auf. Für die Prüfung gilt derselbe Mechanismus – wie du Fallaufgaben und praktische Stationen angehst, steht unter Rettungssanitäter Prüfungsfragen.

Häufige Fragen

Wofür stehen die Buchstaben bei SAMPLER?

S steht für Symptome, A für Allergien, M für Medikamente, P für die Patientenvorgeschichte, L für die letzte Mahlzeit, E für das Ereignis unmittelbar vor dem Notfall und R für Risikofaktoren. Das Schema deckt damit die Vorgeschichte ab, die für die weitere Versorgung und für die Übergabe in der Klinik relevant ist.

Was ist der Unterschied zwischen SAMPLER und OPQRST?

SAMPLER erfasst die Vorgeschichte des Patienten in der Breite: Vorerkrankungen, Medikamente, Ereignis. OPQRST geht in die Tiefe und beschreibt ein einzelnes Symptom genauer, meist den Schmerz. Beide schließen sich nicht aus – in vielen Einsätzen wird SAMPLER erhoben und das führende Symptom zusätzlich mit OPQRST aufgeschlüsselt.

Wann im Einsatz erhebe ich die Anamnese?

In der Regel, nachdem die strukturierte Erstuntersuchung keine sofort zu behandelnde Bedrohung mehr offenlässt. Häufig läuft die Anamnese parallel zur Untersuchung, wenn das Team groß genug ist und die Aufgaben klar verteilt sind. Was bei euch wann vorgesehen ist, regeln die Vorgaben deines Trägers beziehungsweise des zuständigen ÄLRD.

Muss ich die Buchstaben strikt in dieser Reihenfolge abfragen?

Nein. Anders als beim ABCDE-Schema, wo die Reihenfolge eine medizinische Priorisierung abbildet, ist SAMPLER eine Gedächtnisstütze für Vollständigkeit. Folge dem Gespräch, wenn der Patient von sich aus erzählt, und nutze das Schema am Ende als Kontrolle, ob noch etwas offen ist. Das wirkt natürlicher und liefert meist mehr.

Was gehört von der Anamnese in die Übergabe?

Alles, was die weitere Behandlung beeinflusst: das führende Symptom mit seinem zeitlichen Verlauf, relevante Vorerkrankungen, Dauermedikation, Allergien und das auslösende Ereignis. Nenne auch die Quelle, wenn die Angaben nicht vom Patienten stammen. Was formal in eure Übergabe gehört, ist je nach Rettungsdienstbereich und Klinik unterschiedlich geregelt.

Kommt SAMPLER in der Rettungssanitäter-Prüfung vor?

Anamneseschemata gehören zu den Inhalten, die in Fallaufgaben und praktischen Stationen häufig eine Rolle spielen. Ob und in welcher Form geprüft wird, ist je nach Bundesland und Rettungsdienstschule unterschiedlich. Verbindlich ist die Prüfungsordnung deiner Rettungsdienstschule – dort steht, welche Formate eingesetzt werden.

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