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Chronisches Glaukom (Offenwinkelglaukom) – Früherkennung, Progressionskontrolle & Therapie

Primäres Offenwinkelglaukom: Pathophysiologie, Klassifikation, Diagnostik (Perimetrie, OCT) und Stufentherapie – IMPP-relevant zusammengefasst.

Fallvignette: Ein 61-jähriger Mann stellt sich zur routinemäßigen augenärztlichen Vorsorgeuntersuchung vor. Beschwerden hat er keine, er sieht subjektiv „gut“. Bei der Untersuchung fällt ein Augeninnendruck von 26 mmHg beidseits auf, funduskopisch zeigt sich eine randständige, vergrößerte Exkavation der Papille (Cup-Disc-Ratio 0,8) mit Kerbenbildung nasal unten. In der Perimetrie zeigt sich ein bogenförmiges Skotom (Bjerrum-Skotom) im linken Auge. Der Patient ist völlig überrascht – er habe „nie etwas gemerkt“.

Was ist ein chronisches Glaukom und warum ist es prüfungsrelevant?

Das primäre chronische Offenwinkelglaukom (POWG) ist eine langsam progrediente Optikusneuropathie mit charakteristischem Verlust retinaler Ganglienzellen und passenden Gesichtsfeldausfällen, bei der der Kammerwinkel anatomisch offen bleibt. Es ist die häufigste Glaukomform und weltweit eine der führenden Ursachen irreversibler Erblindung. Für das Staatsexamen ist das Thema zentral, weil es die schleichende, oft symptomlose Progredienz, die Bedeutung der Früherkennung und die typischen diagnostischen Verfahren (Tonometrie, Perimetrie, OCT, Papillenbeurteilung) miteinander verknüpft – ein Klassiker sowohl für Einzelfragen als auch für klinische Fallvignetten.

Definition im Überblick

Merkmal Beschreibung
Definition Chronisch progrediente Optikusneuropathie mit Verlust retinaler Ganglienzellen und Axone, meist assoziiert mit erhöhtem Augeninnendruck, bei offenem Kammerwinkel
Häufigste Form Primäres Offenwinkelglaukom (POWG)
Risikofaktoren Erhöhter Augeninnendruck, höheres Lebensalter, positive Familienanamnese, Myopie, afrikanische Herkunft, Diabetes mellitus, vaskuläre Dysregulation
Leitbefund Vergrößerte, randständige Papillenexkavation (Cup-Disc-Ratio ↑), Kerbenbildung, passende Gesichtsfelddefekte
Verlauf Langsam progredient, initial meist asymptomatisch ("Sch leichender Sehverlust")

Pathophysiologie

Ein erhöhter Abflusswiderstand im Trabekelwerk führt zu einem chronisch erhöhten Augeninnendruck. Dieser mechanische Stress am Sehnervenkopf sowie eine vaskuläre Minderperfusion führen zu einem progredienten Untergang retinaler Ganglienzellen und ihrer Axone. Klinisch imponiert dies als zunehmende Exkavation der Papille sowie als korrespondierende, meist zuerst peripher beginnende Gesichtsfeldausfälle (z. B. bogenförmige Skotome, nasale Stufe), die von den Betroffenen wegen der langsamen Progredienz und der binokularen Kompensation lange nicht bemerkt werden. Wichtig fürs Verständnis: Ein erhöhter Augeninnendruck allein ist noch kein Glaukom (okuläre Hypertension), und nicht jedes Glaukom hat einen erhöhten Druck (Normaldruckglaukom).

Klassifikation

Form Charakteristik
Primäres Offenwinkelglaukom (POWG) Häufigste Form, erhöhter Abflusswiderstand ohne erkennbare Ursache, meist erhöhter IOD
Normaldruckglaukom Glaukomatosche Optikusneuropathie trotz statistisch normalem Augeninnendruck, vaskuläre Faktoren im Vordergrund
Okuläre Hypertension Erhöhter IOD ohne Papillen- oder Gesichtsfeldschäden (noch kein Glaukom, aber Risikofaktor)
Pseudoexfoliationsglaukom Sekundäres Offenwinkelglaukom durch Ablagerung von fibrillärem Material im Trabekelwerk
Pigmentdispersionsglaukom Sekundäres Offenwinkelglaukom durch Pigmentabrieb der Irisrückfläche, eher jüngere, myope Männer

Diagnostik und Früherkennung

  • Tonometrie: Goldmann-Applanationstonometrie als Goldstandard zur Messung des Augeninnendrucks
  • Funduskopie/Papillenbeurteilung: Beurteilung von Cup-Disc-Ratio, Kerbenbildung, Randsaumkonfiguration, Seitenvergleich
  • Perimetrie (Gesichtsfeld): Nachweis und Verlaufskontrolle glaukomtypischer Skotome (z. B. Bjerrum-Skotom, nasale Stufe)
  • OCT (optische Kohärenztomographie): Quantitative Messung der retinalen Nervenfaserschichtdicke (RNFL) zur Früherkennung, oft vor manifesten Gesichtsfeldausfällen
  • Gonioskopie: Bestätigung des offenen Kammerwinkels, Ausschluss sekundärer Ursachen

Da das POWG lange asymptomatisch verläuft, ist die Früherkennung im Rahmen der augenärztlichen Vorsorge (insbesondere ab dem 40. Lebensjahr bzw. bei Risikofaktoren früher) entscheidend, um irreversible Gesichtsfeldausfälle zu vermeiden. Weitere Grundlagen zur Notfallform finden sich in unserem Artikel zum akuten Winkelblockglaukom.

Therapie

Therapieoption Wirkprinzip / Bemerkung
Prostaglandin-Analoga (z. B. Latanoprost) Erste Wahl; steigern den uveoskleralen Abfluss, einmal täglich abends
Topische Betablocker (z. B. Timolol) Reduzieren die Kammerwasserproduktion; Kontraindikation u. a. Asthma bronchiale, Bradykardie
Carboanhydrasehemmer (topisch/oral) Reduzieren die Kammerwasserproduktion
Alpha-2-Agonisten Reduzieren Produktion und steigern Abfluss
Laser-Trabekuloplastik (SLT) Verbessert den Kammerwasserabfluss durchs Trabekelwerk, oft als Ergänzung oder Alternative zu Tropfen
Filtrierende Chirurgie (Trabekulektomie, MIGS) Bei unzureichender Drucksenkung trotz maximaler medikamentöser/Laser-Therapie

Die Therapieentscheidung richtet sich nach einem individuell festgelegten Zieldruck, der sich am Ausmaß des bereits bestehenden Schadens, dem Ausgangsdruck und weiteren Risikofaktoren orientiert. Regelmäßige Verlaufskontrollen mittels Perimetrie und OCT sind essenziell, um eine Progression frühzeitig zu erkennen und die Therapie anzupassen. Eine begleitende Erkrankung, die häufig mitgeprüft wird, ist die Katarakt, da beide Erkrankungen im höheren Lebensalter gehäuft gemeinsam auftreten und die Kataraktoperation den Augeninnendruck zusätzlich günstig beeinflussen kann.

Key Takeaways

  • Chronisches Offenwinkelglaukom = langsam progrediente Optikusneuropathie mit Ganglienzellverlust, meist bei erhöhtem IOD
  • Lange asymptomatisch – Früherkennung durch Vorsorgeuntersuchung entscheidend
  • Diagnostik: Tonometrie, Papillenbeurteilung, Perimetrie, OCT (RNFL)
  • Erhöhter IOD allein ist kein Glaukom, Normaldruckglaukom existiert auch ohne erhöhten Druck
  • Therapie: Prostaglandin-Analoga als Erstlinie, ggf. Lasertrabekuloplastik oder Chirurgie bei Therapieversagen

Das chronische Glaukom ist gemäß IMPP-Gegenstandskatalog ein Kernthema der Ophthalmologie im Zweiten Staatsexamen und wird im Rahmen der ärztlichen Approbationsordnung regelmäßig in Fallvignetten geprüft. Die diagnostischen und therapeutischen Standards orientieren sich an den Leitlinien der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (BVA) im Rahmen der AWMF-Leitlinienarbeit zur Glaukomerkrankung.

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Häufige Fragen (FAQ)

Warum bemerken Betroffene ein chronisches Glaukom oft erst spät?

Weil die Gesichtsfeldausfälle langsam und meist zuerst peripher entstehen und durch das binokulare Sehen lange kompensiert werden.

Ist ein erhöhter Augeninnendruck gleichbedeutend mit einem Glaukom?

Nein. Bei okulärer Hypertension liegt ein erhöhter Druck ohne Papillen- oder Gesichtsfeldschäden vor; umgekehrt kann ein Normaldruckglaukom auch bei statistisch normalem Druck bestehen.

Welche Untersuchung eignet sich am besten zur Früherkennung?

Die Kombination aus Tonometrie, Papillenbeurteilung und OCT-Messung der retinalen Nervenfaserschicht ermöglicht oft eine Erkennung vor manifesten Gesichtsfeldausfällen.

Was ist ein Bjerrum-Skotom?

Ein bogenförmiger Gesichtsfelddefekt, der typischerweise bei glaukomatöser Optikusneuropathie auftritt.

Welches Medikament ist Mittel der ersten Wahl?

Topische Prostaglandin-Analoga wie Latanoprost, da sie effektiv drucksenkend wirken und nur einmal täglich angewendet werden.

Wann kommt eine Operation infrage?

Wenn der Zieldruck trotz maximaler medikamentöser Therapie und/oder Lasertrabekuloplastik nicht erreicht wird oder die Progression fortschreitet.

Was unterscheidet das chronische vom akuten Glaukom?

Das chronische Glaukom verläuft bei offenem Kammerwinkel langsam progredient und meist symptomlos, während das akute Glaukom ein plötzlicher, schmerzhafter Notfall durch Kammerwinkelverschluss ist.

Welche Rolle spielt die Familienanamnese?

Eine positive Familienanamnese ist ein anerkannter Risikofaktor und rechtfertigt frühzeitigere und engmaschigere Vorsorgeuntersuchungen.

Kann ein bereits eingetretener Gesichtsfeldverlust rückgängig gemacht werden?

Nein, der Verlust retinaler Ganglienzellen ist irreversibel; Ziel der Therapie ist ausschließlich, die weitere Progression zu verlangsamen bzw. zu stoppen.

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Über den Autor
Luca
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