Kurz gesagt: Ein Mikroorganismus kann Haut oder Schleimhaut besiedeln, ohne dort eine Erkrankung auszulösen. Ein positiver Abstrich ist deshalb noch keine Diagnose. Ob eine Infektion vorliegt, entscheiden das klinische Syndrom, der Entnahmeort und die Qualität der Probe. Nachweise aus sterilen Kompartimenten wie Blut, Liquor oder Gelenkpunktat wiegen schwerer als Oberflächenabstriche. Behandelt wird die Infektion, nicht der Befund.
In der Famulatur und im PJ kommen täglich mikrobiologische Befunde zurück, die auf den ersten Blick nach Handlungsbedarf aussehen: MRSA im Nasenabstrich, Enterokokken im Katheterurin, drei verschiedene Keime im Wundabstrich. Die naheliegende Reaktion ist ein Antibiotikum. In vielen dieser Fälle wäre das falsch, weil es eine Besiedlung behandelt, die keinen Schaden anrichtet, und gleichzeitig Resistenzen fördert. Dieser Artikel zeigt, wie du Kolonisation und Infektion auseinanderhältst.
Was ist der Unterschied zwischen Kolonisation und Infektion?
Kolonisation bedeutet, dass Mikroorganismen auf oder im Körper vorhanden sind und sich vermehren, ohne eine Gewebereaktion oder Krankheitszeichen auszulösen. Infektion bedeutet, dass Erreger eindringen, sich vermehren und eine Reaktion des Wirts hervorrufen, lokal oder systemisch. Dazwischen gibt es keine scharfe Linie, die ein Labor ziehen könnte. Das Labor liefert den Nachweis, die Bewertung erfolgt am Krankenbett.
Im Lernheft Antibiotika & Bakterien ist das Modul Proben erklären genau diesem Vergleich gewidmet. Die Merkskizze lautet: positive Probe, Ort und Entnahme prüfen, Syndrom abgleichen.
Welche Befunde sind typisch für Besiedlung, welche für Infektion?
| Befund | Spricht eher für Kolonisation | Spricht eher für Infektion |
|---|---|---|
| Chronische Wunde mit Mischflora | Oberflächlicher Abstrich, keine Rötung, keine Überwärmung, stabiler Verlauf | Zunehmender Schmerz, Rötung, Eiter, Tiefenausdehnung, Fieber |
| Bakterien im Urin | Keine Beschwerden, liegender Dauerkatheter | Dysurie, Flankenschmerz, Fieber, Entzündungszeichen |
| Candida im Sputum oder Trachealsekret | Fast immer Besiedlung der Atemwege | Eine Candida-Pneumonie ist sehr selten und wird nicht über das Sputum diagnostiziert |
| MRSA im Nasen- oder Rachenabstrich | Screeningbefund ohne Infektzeichen | Nur wenn eine passende Infektion an anderer Stelle vorliegt |
| Koagulasenegative Staphylokokken in der Blutkultur | Nur eine Flasche von mehreren positiv, kein Fremdmaterial | Mehrere Sets positiv, Katheter oder Prothese, passende Klinik |
| Erreger aus sterilem Kompartiment | Selten, Kontamination bei der Entnahme möglich | Liquor, Blut, Gelenkpunktat oder Pleuraerguss mit passender Klinik |
Warum ist der Entnahmeort so entscheidend?
Haut, Mundhöhle, oberer Respirationstrakt, Darm und Vagina sind dicht besiedelt. Ein Abstrich von dort findet fast immer Mikroorganismen. Blut, Liquor, Gelenke, Pleura und Peritoneum sind dagegen normalerweise steril. Ein Nachweis aus diesen Räumen hat deshalb eine viel höhere Bedeutung. Das Lernheft beschreibt den Gegenfall so: Bei Entnahme aus einem sterilen Kompartiment wachsen Mikroorganismen. Der Ort erhöht die Bedeutung des Nachweises, aber Entnahmequalität, mögliche Kontamination und das klinische Syndrom bleiben wichtig.
Auch die Art der Probe zählt. Ein Gewebestück oder Punktat aus der Tiefe einer Wunde ist aussagekräftiger als ein Oberflächenabstrich. Ein Sputum mit vielen Plattenepithelien ist vor allem Speichel. Urin aus einem lange liegenden Katheter enthält fast immer Bakterien, eine aussagekräftige Probe wird nach Katheterwechsel gewonnen.
Probefrage im Prüfungsstil
Eine 84-jährige Pflegeheimbewohnerin mit Dauerkatheter wird wegen einer Hüftfraktur aufgenommen. Sie hat kein Fieber, keine Flankenschmerzen und ist kognitiv auf dem gewohnten Stand. In der Routine-Urinkultur wachsen 105 KBE/ml Escherichia coli. Was ist das angemessene Vorgehen?
- ASofortige antibiotische Therapie nach Antibiogramm
- BKeine antibiotische Therapie, Indikation für den Katheter prüfen und klinisch beobachten
- CBlasenspülung mit einem Antibiotikum
- DTägliche Kontrolle der Urinkultur bis zur Sterilität
- EAntibiotische Langzeitprophylaxe
Lösung zeigen
Wann wird eine asymptomatische Besiedlung trotzdem behandelt?
Es gibt Situationen, in denen auch eine Besiedlung Konsequenzen hat. Eine asymptomatische Bakteriurie wird in der Schwangerschaft und vor urologischen Eingriffen mit Schleimhautverletzung behandelt. Ein MRSA-Nachweis führt nicht zu einer systemischen Antibiotikatherapie, kann aber Hygienemaßnahmen und eine Dekolonisierung nach lokalem Standard auslösen, etwa vor geplanten Operationen. Bei ausgeprägter Immunsuppression gelten eigene Regeln, die in Spezialleitlinien beschrieben sind.
- Hygiene statt Therapie: Multiresistente Erreger als Besiedlung erfordern Isolierungs- und Hygienemaßnahmen
- Dekolonisierung: bei MRSA nach Standard, nicht als systemische Antibiotikagabe
- Schwangerschaft: asymptomatische Bakteriurie wird behandelt
- Vor urologischen Eingriffen: Behandlung bei geplanter Schleimhautverletzung
Wie wird das im M2 geprüft?
Fallfragen arbeiten gern mit einem auffälligen Befund ohne passende Klinik. Die falsche Antwort ist dann die Therapie, die richtige das Abwarten, die Hygienemaßnahme oder eine bessere Probe. Typisch sind der Patient mit Candida im Bronchialsekret, die Patientin mit Bakteriurie ohne Beschwerden und die einzelne positive Blutkulturflasche mit Staphylococcus epidermidis. Umgekehrt gibt es Fälle, in denen ein Nachweis immer ernst zu nehmen ist, etwa Staphylococcus aureus in der Blutkultur oder jeder Erreger im Liquor bei Meningitiszeichen.
Lerne deshalb nicht die Erreger, sondern die Fragen: Woher stammt die Probe, wie wurde sie gewonnen, und passt das klinische Bild? Diese drei Punkte entscheiden fast jede Fallfrage zu diesem Thema.
Was kannst du in der Famulatur konkret tun?
Wenn ein positiver Befund zurückkommt, schau dir zuerst den Patienten an. Gibt es Fieber, neue Schmerzen, Entzündungszeichen an der Entnahmestelle? Prüfe dann im Befund den Probenort und die Entnahmeart. Bei Unklarheit hilft ein Rückruf im mikrobiologischen Labor. Dort weiß man oft, ob die Probe schlecht war oder ob der Befund typisch für eine Kontamination ist. Diese Art zu fragen wird in Visiten geschätzt und übt genau das Denken, das später im PJ gefragt ist.
Häufige Fragen
Was bedeutet Kolonisation?
Kolonisation bedeutet, dass Mikroorganismen auf Haut oder Schleimhaut vorhanden sind und sich vermehren, ohne eine Erkrankung oder Gewebereaktion auszulösen.
Beweist ein Wundabstrich mit mehreren Keimen eine Infektion?
Nein. Chronische Wunden sind oft oberflächlich besiedelt. Entzündungszeichen, Tiefenausdehnung und die Qualität der Probe entscheiden über die Aussage.
Muss eine asymptomatische Bakteriurie behandelt werden?
In der Regel nicht. Ausnahmen sind vor allem die Schwangerschaft und urologische Eingriffe mit Schleimhautverletzung.
Ist Candida im Sputum ein Grund für eine antimykotische Therapie?
Fast nie. Candida im Sputum oder Trachealsekret spricht meist für eine Besiedlung der Atemwege und nicht für eine Pneumonie.
Warum ist ein Erreger aus dem Liquor bedeutsamer als einer aus dem Rachen?
Der Liquorraum ist normalerweise steril, der Rachen dagegen dicht besiedelt. Ein Nachweis aus einem sterilen Kompartiment hat deshalb eine viel höhere Bedeutung, Kontamination und Klinik müssen aber trotzdem geprüft werden.
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Dieser Artikel dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung. Verbindlich sind die aktuellen Leitlinien (u. a. AWMF), die Empfehlungen der KRINKO zur Hygiene und die lokalen Standards deiner Klinik.

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