Kurz gesagt: Ein Massenanfall von Verletzten liegt vor, wenn die Zahl der Betroffenen die verfügbaren Rettungsmittel übersteigt. Dann gilt nicht mehr Individualmedizin, sondern das Ziel, für möglichst viele Menschen ein möglichst gutes Ergebnis zu erreichen. Erreicht wird das durch Sichtung in die Kategorien I bis IV und EX, eine klare Führungsstruktur aus OrgL und LNA sowie eine feste Raumordnung mit Patientenablage und Behandlungsplatz.
Ein Reisebus kommt von der Fahrbahn ab. Beim Eintreffen sitzen zwanzig Menschen am Straßenrand, sechs liegen, mehrere rufen um Hilfe. Wer jetzt beim ersten Patienten stehen bleibt und ihn versorgt wie im Alltagseinsatz, verliert die Lage. Genau darauf zielt das MANV-Konzept: Struktur schaffen, bevor behandelt wird.
Was ist ein MANV – und warum ist das Thema prüfungsrelevant?
Was macht einen MANV aus? Nicht die absolute Zahl der Verletzten, sondern das Missverhältnis zwischen Bedarf und verfügbaren Kräften. Fünf Schwerverletzte im ländlichen Raum können einen MANV auslösen, während dieselbe Zahl in einer Großstadt regulär abgearbeitet wird. Entscheidend ist, ob die Regelversorgung noch trägt.
Warum wird das geprüft? Weil Prüfer sehen wollen, ob du im Chaos nach Schema arbeitest. Gefragt sind die Erstmeldung, die richtige Sichtungskategorie zu einem Fallbeispiel und die Fähigkeit, deine eigene Rolle als erste eintreffende Einheit zu beschreiben – ohne dich in Einzelversorgung zu verlieren.
MANV-Stufen und die Erstmeldung
Die Stufeneinteilung ist Landes- und Leitstellensache. Verbreitet sind Stufen, die sich an der Zahl der Betroffenen orientieren und automatisch definierte Alarmierungspakete auslösen – von zusätzlichen Rettungsmitteln über den Leitenden Notarzt bis zu Einheiten des Katastrophenschutzes. Für dich zählt vor allem, die Lage früh und ehrlich zu melden.
Die Erstmeldung folgt einem festen Muster: Was ist passiert, wo genau, wie viele Betroffene ungefähr, welche Verletzungsmuster, welche besonderen Gefahren, was wird nachgefordert. Lieber einmal zu viel nachalarmiert als eine Stunde hinterherzulaufen. Wie du solche Meldungen knapp und rückkopplungssicher absetzt, zeigt der Beitrag zur Kommunikation im Rettungsdienst.
Sichtungskategorien I bis IV und EX
Sichtung ist die ärztliche Aufgabe, Betroffene nach Behandlungs- und Transportdringlichkeit zu ordnen. Sie ist kein einmaliger Akt, sondern wird wiederholt – Zustände verändern sich, und eine Kategorie ist immer eine Momentaufnahme.
| Kategorie | Farbe | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|---|
| SK I | Rot | Akute vitale Bedrohung, Sofortbehandlung | Spannungspneumothorax, kritische Blutung |
| SK II | Gelb | Schwer verletzt, aufgeschobene Behandlungsdringlichkeit | Geschlossene Femurfraktur, stabiler Kreislauf |
| SK III | Grün | Leicht verletzt, spätere oder ambulante Behandlung | Gehfähige Betroffene, Prellungen |
| SK IV | Blau | Ohne Überlebenschance, betreuende Behandlung | Schwerste Verletzungen bei knappen Ressourcen |
| EX | Schwarz | Verstorbene | Kein Transport, Verbleib dokumentieren |
Vorsichtung mit mSTaRT
Bis der Leitende Notarzt vor Ort ist, übernehmen die ersten Einsatzkräfte die Vorsichtung. Das Algorithmusverfahren mSTaRT arbeitet mit wenigen, schnell prüfbaren Kriterien und braucht pro Person nur etwa eine Minute. Zuerst wird eine kritische Blutung gestillt – das ist die einzige Behandlungsmaßnahme, die während der Vorsichtung erlaubt ist.
Danach wird geprüft: Wer gehfähig ist, kommt zunächst in SK III. Bleibt die Atmung auch nach Öffnen der Atemwege aus, erfolgt die Zuordnung zu EX beziehungsweise SK IV. Eine deutlich zu hohe oder zu niedrige Atemfrequenz, ein nicht tastbarer Radialispuls oder das Unvermögen, einer einfachen Aufforderung zu folgen, führen zu SK I. Wer keines dieser Kriterien erfüllt, wird SK II. Die Logik dahinter ist dieselbe wie beim ABCDE-Schema, nur radikal beschleunigt.
Führung: OrgL und LNA
Die Einsatzleitung Rettungsdienst besteht aus zwei Rollen. Der Leitende Notarzt verantwortet alle medizinischen Entscheidungen: Sichtung, Behandlungsprioritäten, Transportreihenfolge und Zielkliniken. Der Organisatorische Leiter Rettungsdienst verantwortet die Organisation: Kräfteeinteilung, Raumordnung, Kommunikation mit Leitstelle, Feuerwehr und Polizei.
Die erste eintreffende Besatzung führt kommissarisch, bis diese Funktionen besetzt sind – sie meldet, verschafft sich einen Überblick und beginnt die Vorsichtung, statt einen einzelnen Patienten zu versorgen. Diese Umstellung fällt schwer und wird deshalb im Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre gezielt an Lagebildern trainiert.
Raumordnung, Abschnitte und Dokumentation
Der Einsatzraum wird gegliedert, damit Patientenströme nicht kollidieren. Von der Schadensstelle werden Betroffene zur Patientenablage gebracht, einem geschützten Sammelpunkt in unmittelbarer Nähe. Von dort geht es zum Behandlungsplatz, an dem nach Sichtungskategorien getrennt versorgt und der Abtransport organisiert wird. Nachrückende Kräfte sammeln sich im Bereitstellungsraum und werden von dort gezielt abgerufen, statt die Zufahrt zu verstopfen.
Große Lagen werden in Einsatzabschnitte unterteilt – etwa nach Aufgaben oder nach räumlichen Bereichen –, damit die Führungsspanne beherrschbar bleibt. Dokumentiert wird über die Verletztenanhängekarte, die fest am Patienten verbleibt, die Sichtungskategorie farbig sichtbar macht und Befunde, Maßnahmen und Zielklinik trägt. Sie ersetzt im MANV das gewohnte Einsatzprotokoll. Für die Versorgung der Schwerverletzten selbst gelten die Prinzipien aus dem Trauma-Management nach cABCDE, nur mit stark reduziertem Maßnahmenumfang.
Individualmedizin und Katastrophenmedizin
Im Alltag bekommt der kränkeste Patient die meisten Ressourcen. Im MANV kehrt sich das um: Ressourcen fließen dorthin, wo sie den größten Nutzen für die Gesamtzahl der Betroffenen stiften. Deshalb existiert SK IV überhaupt – eine Kategorie, in der Menschen betreut, aber nicht mehr maximal behandelt werden, weil dieselben Kräfte anderswo mehrere Leben retten.
Diese Umkehr ist fachlich begründet und trotzdem belastend. Nachbesprechung im Team und der Zugang zur psychosozialen Notfallversorgung gehören deshalb fest zum Einsatzende; mehr dazu findest du im Beitrag zur Einsatzpsychologie im Rettungsdienst.
Definition auf einen Blick
| Begriff | Definition |
|---|---|
| MANV | Lage, in der die Zahl der Betroffenen die verfügbaren Rettungsmittel übersteigt |
| Sichtung | Ärztliche Einteilung nach Behandlungs- und Transportdringlichkeit |
| mSTaRT | Algorithmus zur schnellen Vorsichtung durch nichtärztliches Personal |
| Patientenablage | Geschützter Sammelpunkt nahe der Schadensstelle vor dem Behandlungsplatz |
| Anhängekarte | Am Patienten verbleibende Dokumentation mit farbiger Sichtungskategorie |
Key Takeaways
- Ein MANV ist definiert über das Missverhältnis von Bedarf und Kräften, nicht über eine feste Verletztenzahl.
- Die Sichtungskategorien I bis IV und EX steuern Behandlungs- und Transportreihenfolge.
- mSTaRT erlaubt eine Vorsichtung in etwa einer Minute; einzige Maßnahme ist das Stillen kritischer Blutungen.
- LNA führt medizinisch, OrgL organisatorisch – die erste Besatzung führt kommissarisch und sichtet vor.
- Raumordnung aus Patientenablage, Behandlungsplatz und Bereitstellungsraum hält die Patientenströme getrennt.
Einordnung
Grundlage sind die Sichtungskategorien der Konsensuskonferenz zur Sichtung im Katastrophenfall, die Empfehlungen des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sowie die Dienstvorschriften zur Führung im Einsatz. Die konkrete Ausgestaltung – MANV-Stufen, Alarmierungspakete, Aufbau des Behandlungsplatzes – regeln die Rettungsdienstgesetze und Alarm- und Ausrückeordnungen der Länder und Kreise. Für die Prüfung gilt zusätzlich immer das Konzept deines Rettungsdienstbereichs.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Ab wie vielen Verletzten spricht man von einem MANV?
Es gibt keine bundesweit einheitliche Zahl. Maßgeblich ist, ob die verfügbaren Rettungsmittel für die Zahl der Betroffenen ausreichen.
2. Was bedeuten die Sichtungskategorien I bis IV?
SK I steht für akute vitale Bedrohung, SK II für aufgeschobene Behandlungsdringlichkeit, SK III für Leichtverletzte und SK IV für Betroffene ohne Überlebenschance.
3. Wofür steht die Kategorie EX?
Für Verstorbene. Sie werden nicht transportiert; Auffindeort und Zeitpunkt werden dokumentiert.
4. Wer darf sichten?
Die Sichtung ist ärztliche Aufgabe und liegt beim Leitenden Notarzt. Nichtärztliches Personal führt bis dahin die Vorsichtung durch.
5. Was ist mSTaRT?
Ein Algorithmus zur Vorsichtung anhand von Gehfähigkeit, Atmung, Atemfrequenz, Radialispuls und Reaktion auf Aufforderungen.
6. Welche Maßnahme ist während der Vorsichtung erlaubt?
Das Stillen kritischer Blutungen und das einfache Öffnen der Atemwege. Alles andere würde den Ablauf blockieren.
7. Worin unterscheiden sich LNA und OrgL?
Der Leitende Notarzt entscheidet medizinisch, der Organisatorische Leiter verantwortet Kräfte, Raumordnung und Kommunikation.
8. Wozu dient die Patientenablage?
Als geschützter Sammelpunkt nahe der Schadensstelle, an dem Betroffene gebündelt und zum Behandlungsplatz weitergeleitet werden.
9. Warum ist die Anhängekarte so wichtig?
Sie bleibt am Patienten, zeigt die Sichtungskategorie farbig an und ersetzt im MANV das übliche Einsatzprotokoll.
Weiterlesen zum Rettungsdienst
Passend dazu: Trauma-Management im Rettungsdienst: cABCDE, Immobilisation und Transportentscheidung, Das ABCDE-Schema im Rettungsdienst, Kommunikation im Rettungsdienst: Funkdisziplin, Übergabe und SBAR sowie Einsatzpsychologie und Stressbewältigung im Rettungsdienst.
Einsatzlehre, die im Ernstfall trägt
MANV-Lagen funktionieren nur mit sitzenden Abläufen – dafür gibt es strukturierte Lernunterlagen:
- Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre – Sichtung, Raumordnung und Lagebilder Schritt für Schritt (59,90 €)
- Modul 3: Recht, Kommunikation & Einsatzpsychologie – Meldewege, Führung und Nachbereitung (59,90 €)
- Rettungssanitäter-Kurs – Theorie & Praxis – der komplette Lehrgang bis zur Prüfung (189,90 €)
Kommentare
Noch keine Kommentare — stell gerne deine Frage oder teile deine Erfahrung.
Kommentar hinterlassen
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.
Danke für deinen Kommentar!
Dein Kommentar wird nach kurzer Prüfung freigeschaltet.