Fallvignette: Einsatzmeldung „unklare Bewusstseinslage“. Der Patient sitzt auf dem Sofa, atmet schnell, ist blass und antwortet nur mit einzelnen Wörtern. Womit fängst du an?
Kurz gesagt: Das ABCDE-Schema ist der strukturierte Untersuchungsgang für jeden Notfallpatienten. Du arbeitest Airway, Breathing, Circulation, Disability und Exposure in fester Reihenfolge ab und behandelst jedes lebensbedrohliche Problem sofort, bevor du weitergehst. Nach jeder Maßnahme und bei jeder Zustandsänderung beginnst du erneut bei A. Das Prinzip lautet: treat first what kills first.
Im Einsatz entscheidet nicht die Menge deines Wissens, sondern die Reihenfolge, in der du es abrufst. Genau dafür gibt es das ABCDE-Schema: Es zwingt dich, die Probleme in der Reihenfolge ihrer Tödlichkeit abzuarbeiten – und verhindert, dass du dich an einer beeindruckenden Platzwunde festbeißt, während der Atemweg zuläuft.
Was ist das ABCDE-Schema – und warum ist das Thema prüfungsrelevant?
Was leistet das Schema konkret? Es ist eine Priorisierungsregel, keine Checkliste zum Abhaken. Die Reihenfolge bildet ab, wie schnell ein Problem tödlich wird: Ein verlegter Atemweg tötet in Minuten, eine Störung der Oxygenierung etwas langsamer, ein Kreislaufproblem noch etwas später. Deshalb wird A vor B und B vor C bearbeitet.
Warum taucht es in jeder Prüfung auf? Weil die praktische Prüfung im Rettungsdienst genau daran entlang bewertet wird. Prüfer achten weniger darauf, ob du die richtige Verdachtsdiagnose nennst, sondern ob du strukturiert vorgehst, laut kommunizierst und nach jeder Maßnahme reevaluierst. Wer das Schema verinnerlicht hat, besteht auch dann, wenn ihm ein Detail fehlt.
A – Airway: Atemweg mit HWS-Kontrolle
Zuerst prüfst du, ob der Atemweg frei ist. Der schnellste Test ist die Ansprache: Wer klar antwortet, hat in diesem Moment einen offenen Atemweg. Warnzeichen sind Schnarchen, Gurgeln, Stridor, sichtbare Fremdkörper oder Blut im Mundraum, Erbrochenes und paradoxe Atembewegungen.
Maßnahmen sind Kopfüberstreckung mit Kinnanhebung, bei Traumaverdacht der Esmarch-Handgriff unter manueller Stabilisierung der Halswirbelsäule, Absaugen und gegebenenfalls das Einlegen eines Guedel- oder Wendl-Tubus. Beim Trauma gilt: Atemweg und HWS werden gemeinsam gedacht. Die konkreten Techniken vertieft der Beitrag zum Atemwegsmanagement im Rettungsdienst.
B – Breathing: Belüftung und Oxygenierung
Jetzt beurteilst du, ob die Atmung ausreicht. Du zählst die Atemfrequenz über mindestens 15 Sekunden, beurteilst die Atemtiefe, achtest auf Einsatz der Atemhilfsmuskulatur, Zyanose und Thoraxsymmetrie, auskultierst seitenvergleichend und misst die Sauerstoffsättigung. Als Normbereich gelten beim Erwachsenen 12 bis 20 Atemzüge pro Minute und eine Sättigung von mindestens 94 Prozent; bei bekannter COPD wird ein niedrigerer Zielbereich angestrebt.
Kritische B-Probleme sind der Spannungspneumothorax, das Lungenödem, der schwere Asthmaanfall und die Ateminsuffizienz jeder Ursache. Maßnahmen auf Basisniveau: Oberkörperhochlagerung, Sauerstoffgabe über Reservoirmaske, bei unzureichender Eigenatmung assistierte oder kontrollierte Beutel-Masken-Beatmung. Eine auffallend hohe Atemfrequenz ist einer der zuverlässigsten Frühwarnhinweise überhaupt – sie steigt oft, lange bevor der Blutdruck fällt.
C – Circulation: Kreislauf und Blutungskontrolle
Bei C erfasst du Pulsfrequenz und Pulsqualität an Radialis und Carotis, Hautfarbe, Hauttemperatur, Rekapillarisierungszeit und Blutdruck. Eine Rekapillarisierungszeit über zwei Sekunden, kalte und blasse Peripherie sowie ein tachykarder, fadenförmiger Puls sprechen für eine Zentralisation. Der Schockindex aus Herzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck hilft bei der schnellen Einordnung: Werte um oder über eins sind ein Alarmzeichen.
Gleichzeitig suchst und stillst du bedrohliche Blutungen – beim Trauma passiert das sogar vorgezogen als „c“ vor dem A, wie im Beitrag zum Trauma-Management im Rettungsdienst beschrieben. Weitere Maßnahmen sind Flachlagerung mit angehobenen Beinen bei Volumenmangel, Wärmeerhalt und die Vorbereitung eines Zugangs. Welche Schockform vorliegt und was daraus folgt, klärt der Beitrag zu den Schockformen im Rettungsdienst.
D – Disability: neurologischer Status
D steht für die orientierende neurologische Beurteilung. Standard sind die Glasgow Coma Scale mit den drei Komponenten Augenöffnen, verbale Reaktion und motorische Reaktion (3 bis 15 Punkte), die Pupillenkontrolle auf Weite, Seitengleichheit und Lichtreaktion sowie eine grobe Prüfung auf Lateralisation. Zwei Untersuchungen dürfen hier nie fehlen: die Blutzuckermessung und der FAST-Test bei jedem Verdacht auf ein zentrales Ereignis.
Die Blutzuckermessung ist deshalb Pflicht, weil die Hypoglykämie praktisch jedes neurologische Bild imitieren kann – von der Verwirrtheit über die Halbseitensymptomatik bis zum Krampfanfall. Sie ist gleichzeitig eine der wenigen Ursachen, die sich präklinisch sofort beheben lassen.
E – Exposure und Environment: entkleiden, untersuchen, wärmen
Zum Schluss verschaffst du dir einen Überblick über den gesamten Körper: Bodycheck von Kopf bis Fuß, Suche nach Verletzungen, Blutungen, Exanthemen, Einstichstellen, Ödemen und Schmerzlokalisationen, dazu die Temperaturmessung. Entkleiden heißt dabei immer: gezielt, so kurz wie nötig und mit anschließendem Wärmeerhalt.
Der Wärmeerhalt wird unterschätzt. Auskühlung verschlechtert die Blutgerinnung und verstärkt jeden Schockzustand – auch im Sommer, auch auf kurzen Transportwegen. Decke, Rettungsdecke und ein geheizter Innenraum gehören deshalb zum Standard und nicht zur Kür.
Reevaluation und typische Fehler
| Schritt | Was du erhebst | Kritische Befunde | Sofortmaßnahmen |
|---|---|---|---|
| A – Airway | Ansprechbarkeit, Atemgeräusche, Mundraum | Schnarchen, Stridor, Fremdkörper, Blut | Esmarch, Absaugen, Guedel- oder Wendl-Tubus |
| B – Breathing | Atemfrequenz, Tiefe, SpO2, Auskultation | Tachypnoe, Zyanose, einseitiges Atemgeräusch | Oberkörper hoch, Sauerstoff, Beatmung |
| C – Circulation | Puls, Rekap-Zeit, Blutdruck, Blutungen | Tachykardie, kalte Peripherie, starke Blutung | Blutungskontrolle, Lagerung, Wärmeerhalt |
| D – Disability | GCS, Pupillen, Blutzucker, FAST | GCS-Abfall, Anisokorie, Hypoglykämie | Ursache behandeln, Atemweg sichern, Voranmeldung |
| E – Exposure | Bodycheck, Temperatur, Haut | übersehene Verletzungen, Unterkühlung | gezielt entkleiden, Wärmeerhalt, Wundversorgung |
Die häufigsten Fehler sind immer dieselben: das Schema wird abgehakt statt behandelt, ein Problem wird erkannt, aber die Untersuchung läuft trotzdem weiter; die Reevaluation nach einer Maßnahme fällt aus; der Blutzucker wird vergessen; und die Befunde werden nicht laut ausgesprochen, sodass der Partner nicht mitdenken kann. Nach jeder Intervention und bei jeder Zustandsänderung gilt: zurück zu A. Die Anamnese läuft parallel und strukturiert – wie das funktioniert, zeigt SAMPLER und OPQRST. Für das systematische Training der Abläufe eignet sich Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre.
Definition auf einen Blick
| Begriff | Definition |
|---|---|
| Rekapillarisierungszeit | Zeit bis zur Wiederdurchblutung der Haut nach Druck; über zwei Sekunden gilt als auffällig |
| Schockindex | Herzfrequenz geteilt durch systolischen Blutdruck; Werte ab etwa eins sprechen für Kreislaufversagen |
| Glasgow Coma Scale | Score aus Augenöffnen, verbaler und motorischer Reaktion mit 3 bis 15 Punkten |
| Zentralisation | Umverteilung des Blutvolumens zugunsten lebenswichtiger Organe bei Kreislaufversagen |
| Reevaluation | Erneuter Durchgang durch das Schema nach jeder Maßnahme oder Zustandsänderung |
Key Takeaways
- Die Reihenfolge A vor B vor C bildet ab, wie schnell ein Problem tödlich wird.
- Jedes gefundene lebensbedrohliche Problem wird sofort behandelt, bevor es weitergeht.
- Blutzuckermessung und FAST-Test gehören fest zu D – die Hypoglykämie imitiert fast jedes neurologische Bild.
- Wärmeerhalt ist Teil von E und beeinflusst Gerinnung und Schockverlauf messbar.
- Nach jeder Maßnahme und bei jeder Zustandsänderung beginnst du wieder bei A.
Einordnung
Die Systematik folgt den Leitlinien des European Resuscitation Council, den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin zur präklinischen Versorgung sowie der AWMF-S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung für die traumatologische Variante cABCDE. Die Zielbereiche für Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz entsprechen den gängigen notfallmedizinischen Standardwerten. Verbindlich sind im Einsatz immer die Algorithmen des zuständigen Ärztlichen Leiters Rettungsdienst.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Wofür stehen die Buchstaben im ABCDE-Schema?
A für Airway, B für Breathing, C für Circulation, D für Disability und E für Exposure beziehungsweise Environment.
2. Warum ist die Reihenfolge nicht verhandelbar?
Weil sie der Geschwindigkeit entspricht, mit der ein Problem tödlich wird. Ein verlegter Atemweg tötet schneller als ein Kreislaufproblem.
3. Was bedeutet treat first what kills first?
Jedes erkannte lebensbedrohliche Problem wird sofort behandelt, bevor die Untersuchung fortgesetzt wird.
4. Wann wechsle ich zum cABCDE?
Beim Trauma mit sichtbarer kritischer Blutung. Dann wird die Blutungskontrolle als kleines c vor den Atemweg gezogen.
5. Welche Werte gelten bei B als normal?
Beim Erwachsenen 12 bis 20 Atemzüge pro Minute und eine Sauerstoffsättigung von mindestens 94 Prozent, bei COPD ein niedrigerer Zielbereich.
6. Warum gehört die Blutzuckermessung zu D?
Weil eine Hypoglykämie nahezu jedes neurologische Bild nachahmen kann und präklinisch sofort behandelbar ist.
7. Wie oft soll reevaluiert werden?
Nach jeder Maßnahme, bei jeder Zustandsänderung und beim kritischen Patienten in kurzen, regelmäßigen Abständen.
8. Was ist der häufigste Fehler im Einsatz?
Das Schema wird durchgezählt, statt gefundene Probleme sofort zu behandeln – und die Reevaluation entfällt.
9. Gilt das Schema auch bei Kindern?
Ja, die Systematik bleibt gleich. Nur die Normwerte für Atemfrequenz, Herzfrequenz und Blutdruck sind altersabhängig anzupassen.
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Die strukturierte Anamnese parallel zum Schema beschreibt SAMPLER und OPQRST: Strukturierte Notfallanamnese im Einsatz. Für die Vertiefung von C ist Schockformen erkennen und behandeln der nächste Schritt, für A und B Atemwegsmanagement im Rettungsdienst und für die traumatologische Variante Trauma-Management im Rettungsdienst: cABCDE, Immobilisation und Transportentscheidung.
ABCDE sicher beherrschen – in Prüfung und Einsatz
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