Postrenales Nierenversagen: Harnverhalt und Harnstau sicher erkennen
Kurz gesagt: Postrenal heißt, dass der Urin nicht abfließen kann. Ein Harnverhalt sitzt in der Blase oder Harnröhre und zeigt sich als prall gefüllter Blasenspeicher. Eine Obstruktion oberhalb der Blase weitet das Nierenbecken auf, während die Blase leer bleibt. Für ein ausgeprägtes akutes Nierenversagen müssen meist beide Seiten oder eine funktionelle Einzelniere betroffen sein. Die Sonografie von Blase und Nieren gehört deshalb zu jedem unklaren Kreatininanstieg.
Blase und Harnleiter getrennt
Sonografie zuerst
Oft rasch reversibel
Lernheft Akutes Nierenversagen & Elektrolyte18 Module mit Fallfragen, Merkskizzen und Selbsttest. Zum passenden Material
Das postrenale Nierenversagen ist die Ursache, die man am leichtesten beheben kann, und die, die am häufigsten zu spät gesucht wird. Ein älterer Mann mit Prostatavergrößerung, der seit dem Vortag kaum Wasser lässt, ist der Klassiker. Schwieriger wird es, wenn die Blase leer ist. Dann denken viele nicht mehr an ein Abflusshindernis, obwohl es weiter oben sitzen kann.
Wie führt ein Abflusshindernis zum Nierenversagen?
Staut sich Urin zurück, steigt der Druck im Tubulussystem und in der Bowman-Kapsel. Dieser Druck wirkt der Filtration entgegen. Der effektive Filtrationsdruck sinkt, damit sinkt die GFR. Hält der Stau an, kommen eine verminderte Nierendurchblutung und eine Schädigung des Parenchyms hinzu. Wird das Hindernis früh beseitigt, erholt sich die Funktion meist rasch. Ein langer Stau kann bleibende Schäden hinterlassen.
Weil eine gesunde zweite Niere die Ausscheidung übernehmen kann, führt ein einseitiger Harnleiterstein bei sonst Nierengesunden meist nicht zu einem relevanten Kreatininanstieg. Anders bei beidseitiger Obstruktion, bei Einzelniere oder bei vorbestehender Niereninsuffizienz.
Merkmal
Harnverhalt
Harnleiterobstruktion
Ort des Hindernisses
Blasenauslass oder Harnröhre
oberhalb der Blase, Harnleiter oder Nierenbecken
Blasenbefund
stark gefüllt, tastbar, hoher Restharn
wenig gefüllt oder leer
Typische Ursachen
Prostatahyperplasie, Prostatakarzinom, Medikamente mit anticholinerger Wirkung, neurogene Blase, Harnröhrenstriktur
beidseitige Steine, Tumoren im kleinen Becken, retroperitoneale Fibrose, Lymphknotenmetastasen
Erste Maßnahme
Harnableitung über Blasenkatheter
Entlastung über Harnleiterschiene oder perkutane Nephrostomie
Sonografie
volle Blase, später auch beidseitiger Harnstau
erweitertes Nierenbeckenkelchsystem auf der betroffenen Seite
Warum schließt eine leere Blase ein Abflusshindernis nicht aus?
Eine leere Blase bei Anurie zeigt nur, dass kein Urin in die Blase gelangt. Das kann an fehlender Produktion liegen, aber genauso an einem Hindernis oberhalb. Blasenbefund und obere Harnwege müssen deshalb getrennt beurteilt werden. Im Fall erkennst du die Falle an Formulierungen wie „Blasenkatheter fördert kaum Urin“. Der nächste Schritt ist dann die Sonografie der Nieren und nicht die Annahme, dass die Niere nichts mehr bildet.
Anurie: komplette Anurie ist bei prärenalen und renalen Ursachen selten und lenkt an Obstruktion oder Gefäßverschluss
Wechselnde Urinmengen: Phasen mit viel und wenig Urin können auf ein intermittierendes Hindernis hinweisen
Tumoranamnese: Zervix-, Blasen-, Prostata- oder Rektumkarzinom können beide Harnleiter einengen
Katheterproblem: ein verstopfter oder abgeknickter Katheter ist auf Station eine banale, aber häufige Ursache
Was passiert nach der Entlastung?
Nach Beseitigung einer länger bestehenden beidseitigen Obstruktion kann eine ausgeprägte Polyurie einsetzen, die postobstruktive Diurese. Zurückgehaltene Flüssigkeit, Harnstoff und Natrium werden ausgeschieden, außerdem ist die Konzentrationsfähigkeit der Tubuli vorübergehend eingeschränkt. Daraus können Volumenmangel, Hypokaliämie und Natriumstörungen entstehen. Auf Station werden deshalb Ein- und Ausfuhr bilanziert und Elektrolyte engmaschig kontrolliert.
Infizierter Harnstau ist ein Notfall
Fieber, Flankenschmerz und Harnstau zusammen bedeuten eine mögliche Urosepsis hinter einem Hindernis. Antibiotika allein reichen dann nicht. Die gestaute Niere muss rasch entlastet werden. In Fallfragen ist die Antwort „Antibiose und Abwarten“ in dieser Konstellation meist falsch.
Lernheft 23
Akutes Nierenversagen & Elektrolyte
Prärenal, renal und postrenal an konstruierten Fällen unterscheiden, mit Merkskizzen und Selbsttest.
Abfluss, Filtrationsdruck und Flüssigkeitsbilanz
Zeitverlauf und Kreatinin im Kontext
Kalium, Natrium und Kalzium mit typischen Laborfallen
In Klausuren und im M2 taucht die Obstruktion in Urologie-, Gynäkologie-, Onkologie- und Geriatriefällen auf. Die Fragen zielen auf drei Punkte: Welcher Befund passt zum Ort des Hindernisses, welcher Schritt kommt als Nächstes und welche Komplikation droht nach der Entlastung. Im Physikum steckt das Thema in der Physiologie des Filtrationsdrucks. Steigt der Druck in der Bowman-Kapsel, sinkt der effektive Filtrationsdruck.
Häufig gestellte Fragen
1. Macht ein einseitiger Harnleiterstein ein akutes Nierenversagen?
Bei sonst gesunden Nieren meist nicht, weil die Gegenseite die Ausscheidung übernimmt. Relevant wird er bei Einzelniere, vorgeschädigter Niere oder wenn beide Seiten betroffen sind.
2. Welche Untersuchung kommt zuerst?
Die Sonografie von Blase und Nieren. Sie ist schnell verfügbar, ohne Strahlung und zeigt Restharn und Harnstau. Weitere Bildgebung folgt, wenn die Ursache des Hindernisses geklärt werden muss.
3. Was ist eine postobstruktive Diurese?
Eine ausgeprägte Polyurie nach Beseitigung einer länger bestehenden Obstruktion. Sie entsteht durch ausgeschiedene Flüssigkeits- und Harnstoffmengen und eine vorübergehend gestörte Konzentrationsfähigkeit. Bilanz und Elektrolyte müssen engmaschig kontrolliert werden.
4. Welche Medikamente können einen Harnverhalt auslösen?
Vor allem Wirkstoffe mit anticholinerger Wirkung, etwa bestimmte Antidepressiva, Antihistaminika und Spasmolytika, außerdem Opioide. Bei älteren Männern mit Prostatavergrößerung ist das Risiko besonders hoch.
5. Kann ein Harnstau ohne Erweiterung des Nierenbeckens vorliegen?
Selten ja, etwa ganz früh nach Beginn oder bei retroperitonealer Fibrose, wenn das Gewebe die Erweiterung behindert. Bei passendem klinischem Verdacht wird die Untersuchung wiederholt oder ergänzt.
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