Fallvignette: Eine 68-jährige Patientin stellt sich mit seit Monaten zunehmenden Schmerzen im rechten Hüftgelenk vor, die typischerweise nach längerem Sitzen bei den ersten Schritten auftreten (Anlaufschmerz) und im Tagesverlauf bei Belastung zunehmen. Die Innenrotation der Hüfte ist schmerzhaft eingeschränkt. Im Beckenröntgenbild zeigt sich eine deutliche Gelenkspaltverschmerung mit subchondraler Sklerosierung und osteophytären Anbauten – vereinbar mit einer fortgeschrittenen Coxarthrose Kellgren-Lawrence Grad 3.
Was sind Coxarthrose und Gonarthrose und warum sind sie prüfungsrelevant?
Was ist eine Coxarthrose bzw. Gonarthrose? Coxarthrose und Gonarthrose bezeichnen die degenerative Gelenkerkrankung (Arthrose) des Hüft- bzw. Kniegelenks mit fortschreitendem Knorpelverlust, subchondraler Knochenreaktion und sekundärer Gelenkdeformierung.
Warum ist das Thema prüfungsrelevant? Arthrosen der großen Gelenke gehören zu den häufigsten orthopädischen Krankheitsbildern überhaupt und sind fester Bestandteil des IMPP-Gegenstandskatalogs. Geprüft werden regelmäßig die radiologische Klassifikation nach Kellgren und Lawrence sowie das Stufenschema der Therapie von konservativ bis zur Endoprothetik.
Definition und Grundlagen
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Definition | Degenerative Gelenkerkrankung mit progredientem Knorpelverlust, subchondraler Sklerosierung und Osteophytenbildung |
| Primäre Arthrose | Idiopathisch, ohne fassbare Ursache, meist multifaktoriell (Alter, genetische Disposition, Übergewicht) |
| Sekundäre Arthrose | Folge einer bekannten Vorschädigung, z. B. Hüftdysplasie, Trauma, Achsfehlstellung, entzündliche Gelenkerkrankung |
| Leitsymptome | Anlaufschmerz, Belastungsschmerz, im fortgeschrittenen Stadium auch Ruhe- und Nachtschmerz, Bewegungseinschränkung |
| Häufig betroffene Gelenke | Hüfte (Coxarthrose), Knie (Gonarthrose), zunehmend häufig mit steigendem Lebensalter |
Klinik
Typisch ist der Anlaufschmerz nach Ruhephasen, der sich nach kurzer Bewegung zunächst bessert, sowie ein zunehmender Belastungsschmerz im Tagesverlauf. Im fortgeschrittenen Stadium kommen Ruhe- und Nachtschmerz sowie zunehmende Kontrakturen und Bewegungseinschränkungen hinzu, bei der Coxarthrose insbesondere der Innenrotation, bei der Gonarthrose häufig mit Krepitation und Erguss.
Diagnostik und Kellgren-Lawrence-Klassifikation
Neben der klinischen Untersuchung ist das konventionelle Röntgenbild des betroffenen Gelenks (Hüfte a. p./axial bzw. Knie a. p./seitlich, ggf. unter Belastung) die Basisdiagnostik. Die radiologische Schweregradeinteilung erfolgt anhand der Kellgren-Lawrence-Klassifikation:
| Grad | Radiologische Charakteristik |
|---|---|
| Grad 0 | Kein Anhalt für Arthrose |
| Grad 1 | Fragliche Gelenkspaltverschmerung, beginnende osteophytäre Anbauten |
| Grad 2 | Geringe, aber eindeutige Osteophyten, mögliche Gelenkspaltverschmerung |
| Grad 3 | Deutliche Gelenkspaltverschmerung, multiple Osteophyten, subchondrale Sklerosierung |
| Grad 4 | Hochgradige Gelenkspaltverschmerung bis -aufhebung, ausgeprägte Sklerosierung und Deformierung, Geröllzysten |
Stufentherapie
Die Behandlung folgt einem klaren Stufenschema:
- Basistherapie: Gewichtsreduktion bei Übergewicht, Bewegungs- und Physiotherapie zum Muskelaufbau und Erhalt der Beweglichkeit, Anpassung von Alltagsbelastungen, ggf. Gehhilfen
- Medikamentöse Therapie: nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) systemisch oder topisch, bei Bedarf intraartikuläre Injektionen (z. B. Hyaluronsäure oder Kortikosteroide) im Rahmen individueller Therapieentscheidungen
- Gelenkerhaltende operative Verfahren: bei jüngeren Patienten mit umschriebener Fehlstellung, z. B. Umstellungsosteotomien zur Korrektur der Beinachse und Entlastung des betroffenen Kompartiments
- Endoprothetischer Gelenkersatz: bei fortgeschrittener Arthrose (höhergradige Kellgren-Lawrence-Stadien) und Versagen konservativer Maßnahmen – Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP) bzw. Knie-Totalendoprothese (Knie-TEP)
Die Indikation zur Endoprothetik ergibt sich aus dem Zusammenspiel von radiologischem Schweregrad, subjektivem Leidensdruck und Einschränkung der Lebensqualität – nicht allein aus dem radiologischen Befund.
Key Takeaways
- Coxarthrose/Gonarthrose: degenerative Gelenkerkrankung mit Knorpelverlust, Sklerosierung und Osteophyten
- Primäre Arthrose ist idiopathisch, sekundäre Arthrose folgt einer bekannten Vorschädigung (z. B. Dysplasie, Trauma)
- Leitsymptome: Anlauf- und Belastungsschmerz, später Ruhe-/Nachtschmerz
- Kellgren-Lawrence-Klassifikation (Grad 0–4) beschreibt den radiologischen Schweregrad
- Stufentherapie: Basistherapie → medikamentös → gelenkerhaltend operativ → Endoprothetik
- OP-Indikation ergibt sich aus Befund UND subjektivem Leidensdruck
Weiterführende Themen
Eine unbehandelte Hüftdysplasie im Kindesalter ist ein klassischer Risikofaktor für die spätere Entwicklung einer sekundären Coxarthrose. Auch nach kindlichen Erkrankungen wie Morbus Perthes besteht ein erhöhtes Langzeitrisiko für eine frühzeitige Arthroseentwicklung.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Was ist der Unterschied zwischen Coxarthrose und Gonarthrose?
Coxarthrose bezeichnet die Arthrose des Hüftgelenks, Gonarthrose die Arthrose des Kniegelenks – pathophysiologisch handelt es sich um dasselbe Krankheitsprinzip an unterschiedlichen Gelenken.
2. Was ist der Unterschied zwischen primärer und sekundärer Arthrose?
Die primäre Arthrose ist idiopathisch ohne fassbare Ursache, die sekundäre Arthrose entsteht als Folge einer bekannten Vorschädigung wie Hüftdysplasie, Trauma oder Achsfehlstellung.
3. Was ist ein Anlaufschmerz?
Ein Gelenkschmerz, der nach längerer Ruhephase bei den ersten Bewegungsschritten auftritt und sich nach kurzer Belastung zunächst bessert.
4. Wie wird der radiologische Schweregrad einer Arthrose klassifiziert?
Anhand der Kellgren-Lawrence-Klassifikation mit den Graden 0 (kein Anhalt) bis 4 (hochgradige Gelenkspaltaufhebung mit Deformierung).
5. Welche Basistherapiemaßnahmen stehen am Anfang der Behandlung?
Gewichtsreduktion, Bewegungs- und Physiotherapie sowie die Anpassung von Alltagsbelastungen.
6. Wann kommen gelenkerhaltende Operationen zum Einsatz?
Vor allem bei jüngeren Patienten mit umschriebener Achsfehlstellung, z. B. mittels Umstellungsosteotomie.
7. Wann ist eine Endoprothese indiziert?
Bei fortgeschrittener Arthrose und Versagen konservativer Maßnahmen, wenn zugleich ein hoher subjektiver Leidensdruck besteht.
8. Was ist eine Umstellungsosteotomie?
Ein gelenkerhaltender operativer Eingriff zur Korrektur der Beinachse, der eine Überlastung des arthrotisch veraänderten Gelenkkompartiments reduzieren soll.
9. Ist die Indikation zur Endoprothetik allein vom Röntgenbefund abhängig?
Nein, sie ergibt sich immer aus dem Zusammenspiel von radiologischem Schweregrad und subjektivem Leidensdruck bzw. Einschränkung der Lebensqualität.
Einordnung für die Prüfungsvorbereitung
Coxarthrose und Gonarthrose sind zentrale Themen im IMPP-Gegenstandskatalog für Orthopädie und werden regelmäßig in schriftlichen Prüfungen geprüft. Die gemäß Ärztlicher Approbationsordnung geforderte Vermittlung evidenzbasierter Therapiekonzepte orientiert sich an den aktuellen AWMF-Leitlinien sowie den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOU) zur Diagnostik und Therapie der Coxarthrose und Gonarthrose.
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