Kurz gesagt: Ein gutes Stations-EKG entsteht in drei Schritten. Erst legst du die Elektroden nach Landmarken an, nicht nach Gefühl. Dann prüfst du Identität, Geschwindigkeit, Kalibrierung und Qualität, bevor du eine einzige Zacke deutest. Zum Schluss formulierst du einen Vorbefund, der Beobachtung, Interpretation und Konsequenz trennt. Gefährliche Muster gibst du nicht in den Stapel für die Visite, sondern sofort an die zuständige Ärztin oder den zuständigen Arzt weiter.
In Famulatur, Blockpraktikum und PJ gehört das EKG zu den ersten Aufgaben, die du selbstständig übernimmst. Oft heißt es nur: „Schreib mal ein EKG bei Zimmer 12 und schau es dir an.“ Was dann zwischen Elektrodenpaket und Oberarztvisite passiert, entscheidet darüber, ob dein Befund brauchbar ist. Viele Fehler entstehen nicht beim Interpretieren, sondern schon beim Anlegen und bei der technischen Kontrolle. Dieser Artikel führt dich durch den Ablauf, wie er auf internistischen und chirurgischen Stationen üblich ist. Die lokalen Standards deiner Klinik haben dabei immer Vorrang.
Wie legst du die Elektroden richtig an?
Ein Standard-EKG braucht zehn Elektroden: vier an den Extremitäten und sechs an der Brustwand. Daraus berechnet das Gerät zwölf Ableitungen. Bei den Extremitätenelektroden ist in Europa eine Farbcodierung verbreitet: Rot am rechten Arm, Gelb am linken Arm, Grün am linken Bein und Schwarz am rechten Bein. Die schwarze Elektrode dient der technischen Referenz und Störunterdrückung.
Bei den Brustwandelektroden lohnt sich eine feste Reihenfolge. Suche zuerst die Landmarken für V1, V2 und V4 und schließe dann die Lücken.
- V1: 4. Interkostalraum rechts parasternal
- V2: 4. Interkostalraum links parasternal
- V4: 5. Interkostalraum links in der Medioklavikularlinie
- V3: zwischen V2 und V4
- V5 und V6: auf derselben Höhe wie V4, in der vorderen beziehungsweise mittleren Axillarlinie
Den 4. Interkostalraum findest du am sichersten über den Angulus sterni: Dort setzt die zweite Rippe an, darunter liegt der 2. Interkostalraum, von dem aus du nach unten zählst. Zwei Fehler sind besonders häufig. V1 und V2 werden zu hoch geklebt, was auffällige Muster in den rechtspräkordialen Ableitungen erzeugen kann. Und V5 und V6 folgen dem schräg abfallenden Rippenverlauf statt der Höhe von V4. Bei Brustgewebe werden die anatomisch korrekten Positionen an der Thoraxwand verwendet, die Elektroden kommen also nicht einfach auf die Brust. Weicht eine Position ab, etwa wegen Verband oder Drainage, dokumentierst du das auf dem Ausdruck.
Was prüfst du, bevor du die Kurve deutest?
Der erste Blick gilt nicht dem ST-Segment, sondern dem Kopf des Ausdrucks. Stimmen Name, Geburtsdatum, Datum und Uhrzeit? Mit welcher Geschwindigkeit wurde geschrieben, 25 oder 50 mm/s? Ist die Kalibrierung 10 mm/mV, und ist der Eichimpuls zu sehen? Wer diese Angaben überspringt, kann sich bei der Frequenz um den Faktor zwei verrechnen oder Spannungskriterien falsch anwenden.
| Prüfschritt | Was du kontrollierst | Typischer Fehler |
|---|---|---|
| Identität | Name, Geburtsdatum, Zeitpunkt | EKG dem falschen Patienten oder Tag zugeordnet |
| Geschwindigkeit | 25 oder 50 mm/s | 300er-Regel bei 50 mm/s angewendet |
| Kalibrierung | 10 mm/mV, Eichimpuls sichtbar | Hypertrophie bei verdoppelter Verstärkung diagnostiziert |
| Qualität | Grundlinie, Rauschen, alle Ableitungen vorhanden | Muskelzittern als Vorhofflimmern gedeutet |
| Plausibilität | Bild passt zur Elektrodenlage | Armvertauschung als Pathologie befundet |
| Vergleich | Vor-EKG verfügbar | Bekannten Schenkelblock als neu gemeldet |
Wie erkennst du Artefakte und vertauschte Elektroden?
Muskelzittern, Bewegung, schlechter Hautkontakt und vertauschte Elektroden können krankhafte Muster nachahmen. Eine wandernde Grundlinie passt zu Atmung oder Kontaktproblemen. Feines, regelmäßiges Rauschen hat oft technische Ursachen. Die wichtigste Frage lautet: Läuft ein plausibler QRS-Rhythmus durch das scheinbar chaotische Signal hindurch? Wenn ja, spricht viel für ein Artefakt.
Die häufigste Vertauschung betrifft die Armelektroden. Typisch ist eine plötzlich negative Ableitung I mit negativer P-Welle, negativem QRS und negativer T-Welle, während aVR auffällig positiv wird und aVR und aVL scheinbar die Rollen tauschen. Die Brustwandableitungen bleiben davon unberührt. Das unterscheidet die Vertauschung von einer echten Dextrokardie, bei der auch die R-Progression in V1 bis V6 ungewöhnlich verläuft. Die Lösung ist banal: Elektroden kontrollieren und neu schreiben.
Probefrage im Prüfungsstil
Du schreibst in der Famulatur bei einer beschwerdefreien 45-jährigen Patientin ein Aufnahme-EKG. In Ableitung I sind P-Welle, QRS und T-Welle negativ, aVR ist überwiegend positiv. Die Brustwandableitungen zeigen eine regelrechte R-Progression. Das Vor-EKG vom Vorjahr war unauffällig. Was ist die wahrscheinlichste Erklärung?
- ADextrokardie
- BVertauschung der Armelektroden
- CAkuter Rechtstyp bei Lungenembolie
- DAbgelaufener Lateralinfarkt
- EMuskelzittern
Lösung zeigen
Wie formulierst du einen Vorbefund?
Ein guter Befund trennt drei Ebenen: Was sehe und messe ich, wie deute ich es, was folgt daraus? Arbeite die Kurve dabei in einer festen Reihenfolge ab: Rhythmus und Frequenz, Lagetyp, Zeiten PQ, QRS und QT, dann Morphologie mit R-Progression, ST-Strecke und T-Welle. Ein Beispiel für einen Normalbefund lautet: „Sinusrhythmus, 72/min, Indifferenztyp, PQ 160 ms, QRS 90 ms, QTc 410 ms nach Bazett, regelrechte R-Progression, keine auffälligen ST-T-Veränderungen. Kein Vor-EKG zum Vergleich.“
Der letzte Satz ist kein Detail. Einschränkungen wie Artefakte, fehlende Voraufnahmen oder abweichende Elektrodenlage gehören in den Befund. Und Formulierungen müssen genau das sagen, was geprüft wurde. „Kein Hinweis auf akute Ischämie im vorliegenden EKG“ ist korrekt, „Herzinfarkt ausgeschlossen“ nicht, denn ein einzelnes EKG kann ein akutes Koronarsyndrom nicht sicher ausschließen. Wie du die Zeiten im Detail misst und typische Fehlschlüsse vermeidest, übt das Lernheft EKG verstehen mit eigenen Modulen zu Befundreihenfolge, Artefakten und Befundsprache.
Welche Befunde gibst du sofort weiter?
Als Studierende oder Studierender trägst du nicht die Verantwortung für den endgültigen Befund. Du trägst aber Verantwortung dafür, dass ein auffälliges EKG nicht unbemerkt liegen bleibt. Die erste Frage ist immer, ob der Mensch vor dir stabil ist: Bewusstsein, Atmung, Kreislauf und Beschwerden. Ohne Reaktion und normale Atmung wird sofort nach lokalem Standard Hilfe beziehungsweise Reanimation veranlasst.
- Breite Tachykardie, besonders mit Beschwerden
- Höhergradiger AV-Block, vor allem mit Schwindel oder Synkope
- Neue ST-Hebungen oder andere akute Ischämiezeichen bei Brustschmerz
- Stark verlängerte QTc, besonders unter neuer Medikation oder nach Synkope
- Hinweise auf schwere Elektrolytstörung wie spitze T-Wellen mit breitem QRS
In diesen Situationen sagst du klar, was du gesehen hast: „Frau M. in Zimmer 12 hat Brustschmerzen, im EKG sehe ich neue ST-Hebungen inferior. Kannst du bitte sofort kommen?“ Ein Monitorbild allein ist keine vollständige Beurteilung, und Übungsschemata sind keine Akuttherapieanleitung. Wie du ST-Hebungen einer Region zuordnest, liest du auf der Seite Infarktlokalisation im EKG.
Wie lernst du das EKG während der Famulatur am schnellsten?
Nutze jedes EKG, das du schreibst, als Übungsfall. Befunde es selbst in der festen Reihenfolge, bevor du den Gerätebefund oder die Einschätzung der Ärztin liest, und vergleiche dann. Halte Abweichungen in einem kleinen Heft fest, sortiert nach Fehlerart: Messung, Muster oder Formulierung. Bitte gezielt darum, bei auffälligen EKGs zuhören zu dürfen, wenn sie besprochen werden. Nach zwei bis drei Wochen hast du so mehr EKGs gesehen als in einem ganzen Semester Vorlesung.
Häufige Fragen
Welche Farbe gehört an welchen Arm?
In der in Europa verbreiteten Codierung kommt Rot an den rechten Arm, Gelb an den linken Arm, Grün an das linke Bein und Schwarz an das rechte Bein. Prüfe trotzdem die Beschriftung am Kabel.
Wo genau liegt V4?
Im 5. Interkostalraum links in der Medioklavikularlinie. V5 und V6 werden auf derselben Höhe in der vorderen und mittleren Axillarlinie platziert.
Woran erkenne ich vertauschte Armelektroden?
An einer komplett negativen Ableitung I mit negativer P-Welle und auffällig positivem aVR, während die Brustwandableitungen unverändert bleiben.
Darf ich als Famulant ein EKG befunden?
Einen Vorbefund zum Lernen ja, die verbindliche Beurteilung trifft aber die zuständige Ärztin oder der zuständige Arzt. Auffällige Befunde gibst du sofort weiter.
Was schreibe ich, wenn kein Vor-EKG vorliegt?
Du vermerkst es ausdrücklich im Befund. Ohne Vergleich lässt sich oft nicht sagen, ob ein Befund neu oder bekannt ist.
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Dieser Artikel dient der Ausbildung und ersetzt weder klinische Anleitung noch ärztliche Beurteilung. Verbindlich sind die Standards deiner Klinik, die Empfehlungen der Fachgesellschaften (u. a. AHA/ACCF/HRS zur EKG-Aufzeichnung, ESC) und die Anweisungen der zuständigen Ärztinnen und Ärzte.

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