EKG-Ableitungen fürs Physikum: Einthoven, Goldberger, Wilson und der Summenvektor

Kurz gesagt: Das EKG misst Spannungsunterschiede an der Körperoberfläche, die aus dem Summenvektor vieler gleichzeitig erregter Herzmuskelzellen entstehen. Jede Ableitung sieht nur die Projektion dieses Vektors auf ihre Achse. Zeigt die Depolarisation zum Pluspol, entsteht ein positiver Ausschlag. Aus vier Extremitäten- und sechs Brustwandelektroden werden so zwölf Ableitungen: drei nach Einthoven, drei nach Goldberger und sechs nach Wilson.

  • Physikum und Vorklinik
  • 10 Elektroden, 12 Ableitungen
  • Pfeil zum Plus: positiv
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Im Physikum wird das EKG selten als Mustererkennung geprüft. Gefragt ist, ob du die Physik dahinter verstanden hast: Was ist ein Vektor, warum ist eine Zacke positiv, wie hängen Elektroden und Ableitungen zusammen, welcher Winkel gehört zu welcher Ableitung? Wer das in der Vorklinik sauber lernt, hat es in der Klinik deutlich leichter. Diese Seite fasst die Grundlagen so zusammen, dass du sie in mündlicher und schriftlicher Prüfung erklären kannst.

Was misst ein EKG eigentlich?

Das EKG zeichnet elektrische Potentialdifferenzen an der Körperoberfläche auf. Es misst weder die Pumpkraft noch das Aktionspotential einer einzelnen Zelle. Viele gleichzeitig erregte Herzmuskelzellen erzeugen zusammen einen Summenvektor mit Richtung und Größe, der sich während eines Herzzyklus ständig ändert. Die P-Welle steht für die Vorhofdepolarisation, der QRS-Komplex für die Kammerdepolarisation, die T-Welle für die Kammerrepolarisation. Ein geordneter elektrischer Rhythmus beweist deshalb noch keinen wirksamen Kreislauf, und ein normales EKG schließt eine reduzierte Pumpfunktion nicht aus.

Warum zeigt eine Zacke nach oben oder unten?

Entscheidend ist die Projektion des Summenvektors auf die Achse der jeweiligen Ableitung. Läuft eine Depolarisationsfront auf den Pluspol zu, entsteht ein positiver Ausschlag, läuft sie weg, ein negativer. Steht der Vektor ungefähr senkrecht zur Ableitungsachse, bleibt die Nettosumme klein, und der Komplex wirkt flach oder biphasisch. Ein kleiner Ausschlag bedeutet also nicht automatisch schwache elektrische Aktivität.

Die Repolarisation ist eine andere elektrische Front mit umgekehrtem Vorzeichen. Dass die T-Welle in vielen Ableitungen trotzdem gleichsinnig zum QRS verläuft, liegt daran, dass die Kammern in anderer Richtung repolarisieren, als sie depolarisiert wurden. Das ist kein Widerspruch zur Vektorregel, solange du benennst, welche Erregungsart du gerade betrachtest.

Welche Ableitungen gibt es und welche Winkel haben sie?

Ableitung System Positiver Pol Ebene
I Einthoven, bipolar 0° frontal
II Einthoven, bipolar +60° frontal
III Einthoven, bipolar +120° frontal
aVR Goldberger, augmentiert −150° frontal
aVL Goldberger, augmentiert −30° frontal
aVF Goldberger, augmentiert +90° frontal
V1–V6 Wilson, unipolar Brustwandposition von rechts parasternal bis mittlere Axillarlinie horizontal

Ein nützlicher Kontrollsatz für die Einthoven-Ableitungen lautet: Die Spannung in II entspricht der Summe aus I und III. Wenn du in einer Aufgabe zwei Werte kennst, kannst du den dritten berechnen.

Wie werden aus zehn Elektroden zwölf Ableitungen?

Eine Elektrode ist ein physischer Kontakt auf der Haut, eine Ableitung eine berechnete Perspektive. Aus den Extremitätenelektroden an rechtem Arm, linkem Arm und linkem Bein entstehen die sechs Ableitungen der Frontalebene. Die Elektrode am rechten Bein dient als technische Referenz zur Störunterdrückung. Die sechs Brustwandelektroden liefern V1 bis V6 und damit die Horizontalebene.

  • V1: 4. Interkostalraum rechts parasternal
  • V2: 4. Interkostalraum links parasternal
  • V4: 5. Interkostalraum links in der Medioklavikularlinie
  • V3: zwischen V2 und V4
  • V5 und V6: auf Höhe von V4 in vorderer beziehungsweise mittlerer Axillarlinie

Wie hängen Aktionspotential und EKG zusammen?

Im Arbeitsmyokard beruht der schnelle Aufstrich vor allem auf Natriumeinstrom, das Plateau auf dem Zusammenspiel von Calcium- und Kaliumströmen, die Repolarisation auf Kaliumausstrom. Schrittmacherzellen im Sinusknoten haben dagegen kein stabiles Ruhepotential: Eine langsame diastolische Depolarisation führt sie immer wieder zur Schwelle, der Aufstrich ist vor allem calciumgetragen. Sympathikus macht die Rampe steiler und die Frequenz höher, Parasympathikus flacher.

Die Phasen der Einzelzelle lassen sich nicht eins zu eins auf die Zacken des Oberflächen-EKG übertragen. Der QRS beschreibt die Ausbreitung der Depolarisation über die Kammern, ST-Strecke und T-Welle hängen mit der ventrikulären Repolarisation zusammen. Diese Unterscheidung wird im Physikum gern als Falle eingebaut.

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Häufig gestellte Fragen

1. Was ist der Unterschied zwischen Elektrode und Ableitung?

Die Elektrode ist der Kontakt auf der Haut, die Ableitung die daraus berechnete elektrische Perspektive. Deshalb genügen zehn Elektroden für zwölf Ableitungen.

2. Welche Ableitungen sind bipolar?

Die Einthoven-Ableitungen I, II und III messen zwischen zwei Extremitätenelektroden. Goldberger und Wilson werden als unipolar bezeichnet, weil sie gegen eine zusammengeschaltete Referenz messen.

3. Wozu dient die Elektrode am rechten Bein?

Sie ist eine technische Referenz zur Störunterdrückung und liefert keine eigene Ableitung.

4. Welcher Winkel gehört zu aVF?

Der positive Pol von aVF liegt bei +90°, also nach inferior in der Frontalebene.

5. Warum ist die T-Welle meist positiv, obwohl Repolarisation das Gegenteil von Depolarisation ist?

Weil die Kammern in umgekehrter Richtung repolarisieren. Zwei Umkehrungen ergeben zusammen wieder einen gleichsinnigen Ausschlag.

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