EKG-Ableitungen fürs Physikum: Einthoven, Goldberger, Wilson und der Summenvektor
Kurz gesagt: Das EKG misst Spannungsunterschiede an der Körperoberfläche, die aus dem Summenvektor vieler gleichzeitig erregter Herzmuskelzellen entstehen. Jede Ableitung sieht nur die Projektion dieses Vektors auf ihre Achse. Zeigt die Depolarisation zum Pluspol, entsteht ein positiver Ausschlag. Aus vier Extremitäten- und sechs Brustwandelektroden werden so zwölf Ableitungen: drei nach Einthoven, drei nach Goldberger und sechs nach Wilson.
Physikum und Vorklinik
10 Elektroden, 12 Ableitungen
Pfeil zum Plus: positiv
EKG verstehen – Lernheft50 Lernmodule in 6 Kapiteln, 10 Fälle mit erklärten Lösungen. Zum passenden Material
Im Physikum wird das EKG selten als Mustererkennung geprüft. Gefragt ist, ob du die Physik dahinter verstanden hast: Was ist ein Vektor, warum ist eine Zacke positiv, wie hängen Elektroden und Ableitungen zusammen, welcher Winkel gehört zu welcher Ableitung? Wer das in der Vorklinik sauber lernt, hat es in der Klinik deutlich leichter. Diese Seite fasst die Grundlagen so zusammen, dass du sie in mündlicher und schriftlicher Prüfung erklären kannst.
Was misst ein EKG eigentlich?
Das EKG zeichnet elektrische Potentialdifferenzen an der Körperoberfläche auf. Es misst weder die Pumpkraft noch das Aktionspotential einer einzelnen Zelle. Viele gleichzeitig erregte Herzmuskelzellen erzeugen zusammen einen Summenvektor mit Richtung und Größe, der sich während eines Herzzyklus ständig ändert. Die P-Welle steht für die Vorhofdepolarisation, der QRS-Komplex für die Kammerdepolarisation, die T-Welle für die Kammerrepolarisation. Ein geordneter elektrischer Rhythmus beweist deshalb noch keinen wirksamen Kreislauf, und ein normales EKG schließt eine reduzierte Pumpfunktion nicht aus.
Warum zeigt eine Zacke nach oben oder unten?
Entscheidend ist die Projektion des Summenvektors auf die Achse der jeweiligen Ableitung. Läuft eine Depolarisationsfront auf den Pluspol zu, entsteht ein positiver Ausschlag, läuft sie weg, ein negativer. Steht der Vektor ungefähr senkrecht zur Ableitungsachse, bleibt die Nettosumme klein, und der Komplex wirkt flach oder biphasisch. Ein kleiner Ausschlag bedeutet also nicht automatisch schwache elektrische Aktivität.
Die Repolarisation ist eine andere elektrische Front mit umgekehrtem Vorzeichen. Dass die T-Welle in vielen Ableitungen trotzdem gleichsinnig zum QRS verläuft, liegt daran, dass die Kammern in anderer Richtung repolarisieren, als sie depolarisiert wurden. Das ist kein Widerspruch zur Vektorregel, solange du benennst, welche Erregungsart du gerade betrachtest.
Welche Ableitungen gibt es und welche Winkel haben sie?
Ableitung
System
Positiver Pol
Ebene
I
Einthoven, bipolar
0°
frontal
II
Einthoven, bipolar
+60°
frontal
III
Einthoven, bipolar
+120°
frontal
aVR
Goldberger, augmentiert
−150°
frontal
aVL
Goldberger, augmentiert
−30°
frontal
aVF
Goldberger, augmentiert
+90°
frontal
V1–V6
Wilson, unipolar
Brustwandposition von rechts parasternal bis mittlere Axillarlinie
horizontal
Ein nützlicher Kontrollsatz für die Einthoven-Ableitungen lautet: Die Spannung in II entspricht der Summe aus I und III. Wenn du in einer Aufgabe zwei Werte kennst, kannst du den dritten berechnen.
Wie werden aus zehn Elektroden zwölf Ableitungen?
Eine Elektrode ist ein physischer Kontakt auf der Haut, eine Ableitung eine berechnete Perspektive. Aus den Extremitätenelektroden an rechtem Arm, linkem Arm und linkem Bein entstehen die sechs Ableitungen der Frontalebene. Die Elektrode am rechten Bein dient als technische Referenz zur Störunterdrückung. Die sechs Brustwandelektroden liefern V1 bis V6 und damit die Horizontalebene.
V1: 4. Interkostalraum rechts parasternal
V2: 4. Interkostalraum links parasternal
V4: 5. Interkostalraum links in der Medioklavikularlinie
V3: zwischen V2 und V4
V5 und V6: auf Höhe von V4 in vorderer beziehungsweise mittlerer Axillarlinie
Wie hängen Aktionspotential und EKG zusammen?
Im Arbeitsmyokard beruht der schnelle Aufstrich vor allem auf Natriumeinstrom, das Plateau auf dem Zusammenspiel von Calcium- und Kaliumströmen, die Repolarisation auf Kaliumausstrom. Schrittmacherzellen im Sinusknoten haben dagegen kein stabiles Ruhepotential: Eine langsame diastolische Depolarisation führt sie immer wieder zur Schwelle, der Aufstrich ist vor allem calciumgetragen. Sympathikus macht die Rampe steiler und die Frequenz höher, Parasympathikus flacher.
Die Phasen der Einzelzelle lassen sich nicht eins zu eins auf die Zacken des Oberflächen-EKG übertragen. Der QRS beschreibt die Ausbreitung der Depolarisation über die Kammern, ST-Strecke und T-Welle hängen mit der ventrikulären Repolarisation zusammen. Diese Unterscheidung wird im Physikum gern als Falle eingebaut.
Vorklinik
EKG verstehen – Lernheft
Für die Vorklinik empfiehlt das Heft einen eigenen Weg durch die Grundlagen: Aktionspotential, Vektoren und Ableitungen, jeweils mit Lehrzeichnung zum Nachzeichnen.
Erregungsleitung, Arbeitsmyokard und Schrittmacherzelle
Vektorregel, Elektroden, Ableitungen, Papier und Kalibrierung
1. Was ist der Unterschied zwischen Elektrode und Ableitung?
Die Elektrode ist der Kontakt auf der Haut, die Ableitung die daraus berechnete elektrische Perspektive. Deshalb genügen zehn Elektroden für zwölf Ableitungen.
2. Welche Ableitungen sind bipolar?
Die Einthoven-Ableitungen I, II und III messen zwischen zwei Extremitätenelektroden. Goldberger und Wilson werden als unipolar bezeichnet, weil sie gegen eine zusammengeschaltete Referenz messen.
3. Wozu dient die Elektrode am rechten Bein?
Sie ist eine technische Referenz zur Störunterdrückung und liefert keine eigene Ableitung.
4. Welcher Winkel gehört zu aVF?
Der positive Pol von aVF liegt bei +90°, also nach inferior in der Frontalebene.
5. Warum ist die T-Welle meist positiv, obwohl Repolarisation das Gegenteil von Depolarisation ist?
Weil die Kammern in umgekehrter Richtung repolarisieren. Zwei Umkehrungen ergeben zusammen wieder einen gleichsinnigen Ausschlag.
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