Kurz gesagt: Die drei großen Hirnarterien versorgen unterschiedliche Schwerpunkte. Die A. cerebri anterior (ACA) versorgt die Innenseite von Frontal- und Parietallappen, also auch das Bein im motorischen und sensiblen Kortex. Die A. cerebri media (MCA) versorgt die laterale Konvexität mit Arm, Gesicht und bei der dominanten Hemisphäre den Sprachregionen. Die A. cerebri posterior (PCA) versorgt Okzipitallappen, Teile des Temporallappens und den Thalamus. Daraus folgen typische Ausfallmuster, die aber durch Variationen und Überlappungen nie absolut sind.
Gefäßterritorien verbinden zwei Welten. Im Physikum werden sie als Neuroanatomie gefragt, im M2 und auf der Stroke Unit als Teil der Schlaganfalldiagnostik. In beiden Fällen ist die Aufgabe gleich: aus einem Befund auf das Versorgungsgebiet schließen. Das Modul zu den Gefäßterritorien im Lernheft Neuroanatomie & Bahnsysteme stellt dazu die Fallfrage, auf welches kortikale Gebiet eine beinbetonte Parese hinweisen kann. Die Antwort lautet: ein mediales motorisches Areal im Versorgungsbereich der ACA. Wer versteht, warum, kann auch die anderen Territorien ableiten.
Wie hängen Gefäße und Somatotopie zusammen?
Im motorischen und sensiblen Kortex ist der Körper geordnet abgebildet. Das Bein liegt medial an der Mantelkante und auf der Innenseite der Hemisphäre, Arm und Hand weiter lateral auf der Konvexität, das Gesicht ganz lateral nahe der Sylvischen Furche. Die ACA zieht über das Corpus callosum und versorgt die mediale Fläche, die MCA zieht durch die Sylvische Furche zur lateralen Fläche. Legt man die beiden Bilder übereinander, ergibt sich die Grundregel: ACA bedeutet Bein, MCA bedeutet Arm und Gesicht.
Tiefer im Gehirn liegt die Capsula interna. Sie wird überwiegend von kleinen Perforatoren versorgt, vor allem lentikulostriären Ästen der MCA, dazu kommen Zuflüsse aus anderen Gefäßen. Weil dort die motorischen Fasern für Gesicht, Arm und Bein gebündelt verlaufen, verursacht ein kleiner Infarkt in der Capsula oft eine gleichmäßige, rein motorische Hemiparese ohne kortikale Zeichen.
Welche Ausfälle passen zu welchem Gefäß?
| Gefäß | Versorgungsschwerpunkt | Typische Ausfälle auf der Gegenseite | Zusatzzeichen |
|---|---|---|---|
| A. cerebri anterior | mediale Frontal- und Parietalfläche | beinbetonte Parese und Sensibilitätsstörung | Antriebsminderung, Blasenstörung |
| A. cerebri media, dominante Seite | laterale Konvexität, meist links | arm- und gesichtsbetonte Hemiparese und Hemihypästhesie | Aphasie, Blickwendung zur Herdseite |
| A. cerebri media, nicht dominante Seite | laterale Konvexität, meist rechts | arm- und gesichtsbetonte Hemiparese und Hemihypästhesie | Neglect, Anosognosie, Blickwendung zur Herdseite |
| Lentikulostriäre Äste | Capsula interna, Basalganglien | gleichmäßige, oft rein motorische Hemiparese | keine kortikalen Zeichen |
| A. cerebri posterior | Okzipitallappen, mediobasaler Temporallappen, Thalamus | homonyme Hemianopsie, häufig mit Makulaaussparung | Gedächtnisstörung, thalamische Sensibilitätsstörung |
| A. basilaris | Hirnstamm, Kleinhirn, Teile der PCA-Gebiete | gekreuzte Syndrome, Tetraparese | Bewusstseinsstörung, Augenbewegungsstörungen |
Der Neglect ist eine typische Prüfungsfalle. Er ist ein Aufmerksamkeitsdefizit für die Gegenseite, kein Gesichtsfeldausfall. Betroffene können Reize links sehen, beachten sie aber nicht. Er entsteht vor allem bei Läsionen der nicht dominanten, meist rechten Hemisphäre im Parietallappen.
Probefrage im Prüfungsstil
Ein 74-jähriger rechtshändiger Patient wird mit plötzlich aufgetretener Schwäche von linkem Arm und linker Gesichtshälfte aufgenommen. Er isst nur die rechte Tellerhälfte leer, reagiert kaum auf Ansprache von links und bestreitet, gelähmt zu sein. Die Sprache ist inhaltlich unauffällig. Welches Gefäßgebiet ist am ehesten betroffen?
- ALinke A. cerebri media
- BRechte A. cerebri media
- CRechte A. cerebri anterior
- DLinke A. cerebri posterior
- EA. basilaris
Lösung zeigen
Was passiert bei Infarkten im Posteriorgebiet?
Die PCA entspringt meist aus der A. basilaris und versorgt die Sehrinde, mediobasale Anteile des Temporallappens und über kleine Äste den Thalamus. Leitsymptom ist die homonyme Hemianopsie zur Gegenseite, häufig mit Makulaaussparung, weil der Okzipitalpol oft zusätzlich aus dem Mediagebiet versorgt wird. Bei Beteiligung des Thalamus können Sensibilitätsstörungen und später Schmerzsyndrome hinzukommen. Beidseitige Posteriorinfarkte können zu kortikaler Blindheit führen. Wie die Sehbahn den Ausfall erklärt, zeigt die Seite zu den Gesichtsfeldausfällen.
Was sind Grenzzoneninfarkte?
Zwischen den Versorgungsgebieten liegen Grenzzonen, die von den äußersten Ausläufern zweier Arterien versorgt werden. Bei einem starken Blutdruckabfall oder einer hochgradigen Stenose der A. carotis interna sind sie besonders gefährdet, weil der Perfusionsdruck dort am niedrigsten ist. Grenzzoneninfarkte zwischen ACA und MCA betreffen typischerweise Schulter und proximalen Arm sowie die Hüfte. Das Bild unterscheidet sich von einem Territorialinfarkt und ist ein guter Hinweis darauf, dass die Ursache in der Durchblutung insgesamt liegt.
Wo liegen die Grenzen der Zuordnung?
Territorien sind eine Hypothese, keine Diagnose. Der Circulus arteriosus Willisii ist bei vielen Menschen nicht vollständig angelegt, Versorgungsgebiete variieren, und Kollateralen können Ausfälle kleiner machen als erwartet. Außerdem können nicht vaskuläre Ursachen wie Tumoren, Blutungen oder Entzündungen dieselben Areale betreffen. Das Lernheft fasst das in einem Satz zusammen: Territorium ist eine Hypothese, Bildgebung entscheidet mit.
Für die Praxis bedeutet das: Ein plötzlich aufgetretenes fokales Defizit ist ein Notfall, und die Zeit bis zur Bildgebung entscheidet über die Behandlungsmöglichkeiten. Die Lokalisation aus dem Befund hilft, die Bildgebung gezielt zu lesen und Befunde zu kommunizieren. Wer Bahnen, Somatotopie und Gefäße zusammen lernen will, findet sie im Lernheft Neuroanatomie & Bahnsysteme als aufeinander aufbauende Module mit Fallfragen.
Häufige Fragen
Welche Arterie versorgt das Bein im motorischen Kortex?
Die A. cerebri anterior, weil das Bein medial an der Mantelkante und auf der Innenseite der Hemisphäre repräsentiert ist.
Warum ist eine Aphasie typisch für den linken Mediainfarkt?
Weil die Sprachregionen bei den meisten Menschen in der linken Hemisphäre liegen und im Versorgungsgebiet der A. cerebri media.
Was ist ein Neglect?
Ein Aufmerksamkeitsdefizit für eine Raum- oder Körperhälfte, meist links nach einer Läsion der rechten Hemisphäre. Es ist kein Gesichtsfeldausfall.
Welche Ausfälle macht ein Posteriorinfarkt?
Vor allem eine homonyme Hemianopsie zur Gegenseite, oft mit Makulaaussparung. Je nach Ausdehnung kommen Gedächtnisstörungen und thalamische Sensibilitätsstörungen hinzu.
Warum macht ein kleiner Infarkt in der Capsula interna eine große Parese?
Weil dort die motorischen Fasern für Gesicht, Arm und Bein auf engem Raum verlaufen. Ein kleiner Infarkt kann sie gleichzeitig treffen.
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Dieser Artikel dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt keine ärztliche Beurteilung oder Therapieentscheidung. Ein plötzlich aufgetretenes neurologisches Defizit ist immer ein Notfall. Alle Fälle sind konstruiert. Verbindlich sind die aktuellen Leitlinien und die IMPP-Gegenstandskataloge. Stand: November 2026.

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