Homunkulus und Somatotopie: wie der Kortex den Körper abbildet

Kurz gesagt: Im primär motorischen Kortex (Gyrus praecentralis) und im primär somatosensiblen Kortex (Gyrus postcentralis) ist der Körper geordnet abgebildet, das nennt man Somatotopie. Das Bein liegt medial an der Mantelkante, Rumpf und Arm weiter lateral, Hand und Gesicht ganz lateral. Hand, Lippen und Zunge nehmen besonders viel Fläche ein, weil Feinmotorik und dichte Rezeptoren viel Verarbeitung brauchen. Die Größe folgt also der Funktion, nicht der Körpergröße.

  • Physikum und Neurologie
  • Modul 12 im Lernheft
  • Bein medial, Hand lateral
Lernheft Neuroanatomie & Bahnsysteme von Medizin Helden
Lernheft Neuroanatomie & Bahnsysteme18 Module von ZNS und PNS bis zur Lokalisationsdiagnose, mit Fallfragen und Selbsttest. Zum passenden Material

Der Homunkulus ist eines der bekanntesten Bilder der Neuroanatomie, das verzerrte Männchen mit riesigen Händen und Lippen. Für das Physikum und die Klinik ist weniger das Bild wichtig als das, was du daraus ableiten kannst: Welche Körperregion ist bei einer Läsion an dieser Stelle betroffen? Und welches Gefäß versorgt diese Stelle?

Wie ist der Kortex somatotop gegliedert?

Der Gyrus praecentralis liegt vor dem Sulcus centralis und steuert die Willkürmotorik, der Gyrus postcentralis liegt dahinter und empfängt die bewusste Körperwahrnehmung. Beide sind spiegelbildlich gegliedert und repräsentieren jeweils die Gegenseite des Körpers.

Region im Kortex Körperregion Arterielle Versorgung, vereinfacht Klinischer Hinweis
Medial, in der Mantelkante Fuß und Bein, angrenzend Blase A. cerebri anterior beinbetonte Parese oder Sensibilitätsstörung
Obere Konvexität Rumpf und Schulter Grenzbereich ACA und MCA bei Grenzzoneninfarkten betroffen
Laterale Konvexität Arm und Hand A. cerebri media armbetonte Parese, Feinmotorik gestört
Ganz lateral, nahe Sulcus lateralis Gesicht, Lippen, Zunge, Schlund A. cerebri media zentrale Fazialisparese, Dysarthrie

Warum ist die Hand so groß?

Die Größe eines Areals hängt davon ab, wie viel Verarbeitung eine Körperregion braucht. Die Hand führt sehr feine, unabhängige Fingerbewegungen aus und hat eine hohe Rezeptordichte. Lippen und Zunge sind für Sprechen, Essen und Tasten ebenfalls hoch differenziert. Der Rücken dagegen ist groß, aber grob innerviert und motorisch wenig fein gesteuert. Deshalb ist der Homunkulus eine Funktionskarte und keine Flächenvorlage des Körpers. Genau diese Frage stellt das Lernheft im Modul zur Somatotopie.

Kortikale Karten sind außerdem plastisch und überlappend. Nach einer Amputation oder durch intensives Training, etwa bei Musikern, können sich Repräsentationen verschieben. Die klassische Darstellung ist also ein Modell, kein starres Raster.

Häufige Verwechslung

Gyrus praecentralis ist motorisch, Gyrus postcentralis ist sensibel. Eine Läsion im Gyrus postcentralis macht keine Parese, sondern Störungen der Berührungs-, Lage- und Formwahrnehmung auf der Gegenseite.

Wie hilft Somatotopie bei der Lokalisation?

Wenn bei einer zentralen Parese Bein und Arm unterschiedlich stark betroffen sind, liefert die Somatotopie einen Hinweis auf den Ort. Beinbetonte Ausfälle sprechen für eine mediale Läsion im Versorgungsgebiet der A. cerebri anterior. Arm- und gesichtsbetonte Ausfälle sprechen für eine laterale Läsion im Mediagebiet. Eine gleichmäßige Hemiparese von Gesicht, Arm und Bein passt eher zu einer Läsion in der Capsula interna, wo die Fasern gebündelt verlaufen. Gefäßterritorien sind allerdings eine Hypothese, die Bildgebung entscheidet mit.

Auch fokale Anfälle folgen der Somatotopie. Beim sogenannten Jackson-Anfall breiten sich Zuckungen zum Beispiel von der Hand über den Arm ins Gesicht aus, weil die Erregung über benachbarte Kortexareale wandert.

Wie lernst du den Homunkulus?

Zeichne einen Frontalschnitt durch den Gyrus praecentralis und lege den Körper kopfüber hinein: Füße in der Mantelkante, dann Bein, Rumpf, Arm, Hand, Gesicht und Zunge nach lateral unten. Markiere daneben, welche Arterie welchen Abschnitt versorgt. Mit dieser einen Skizze löst du Fragen zur Somatotopie, zu Gefäßterritorien und zu fokalen Anfällen. Wie die motorischen Fasern danach weiterziehen, zeigt die Seite zur Pyramidenbahn.

Lernheft 06

Neuroanatomie & Bahnsysteme

64 Seiten mit 18 Modulen, die Kortex, Bahnen und Gefäße zu einer Lokalisationslogik verbinden.

  • Kortex, Somatotopie und Sprachsysteme
  • Pyramidenbahn und Gefäßterritorien
  • Fallfragen, Bildtafeln und Selbsttests

29,90 €

Lernheft ansehen

Häufig gestellte Fragen

1. Was ist Somatotopie?

Die geordnete Abbildung des Körpers in einem Hirnareal, sodass benachbarte Körperregionen auch im Kortex benachbart repräsentiert sind.

2. Wo liegt das Bein im motorischen Kortex?

Medial an der Mantelkante und auf der Innenseite der Hemisphäre, im Versorgungsgebiet der A. cerebri anterior.

3. Warum sind Hand und Lippen so groß dargestellt?

Weil Feinmotorik und hohe Rezeptordichte viel kortikale Verarbeitung benötigen. Die Größe spiegelt die Funktion wider, nicht die Körperfläche.

4. Ist der Homunkulus bei jedem Menschen gleich?

Im Grundmuster ja, im Detail nein. Kortikale Karten sind plastisch und können sich durch Training oder nach Verletzungen verändern.

5. Was ist ein Jackson-Anfall?

Ein fokaler motorischer Anfall, bei dem sich die Zuckungen entlang der somatotopen Anordnung ausbreiten, zum Beispiel von der Hand über den Arm ins Gesicht.

Weiterlesen

Passendes Material

  • Lernheft Neuroanatomie & Bahnsysteme

    Wenn du Kortexareale für die Lokalisation nutzen willst.

    • 18 Module
    • Fallfragen mit Auflösung
    • Bildtafeln und Selbsttests

    29,90 €

    Lernheft ansehen
  • Anatomie Komplettkurs

    Wenn du Großhirn und Neuroanatomie im Gesamtzusammenhang lernen willst.

    • Innere Organe und Neuroanatomie
    • Physikumsfokus
    • Digitaler Download
  • Neurologie Klinikkurs

    Wenn du fokale Anfälle und Schlaganfall klinisch vertiefen willst.

    • Klinische Neurologie
    • M2 und Famulatur
    • Digitaler Download

Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Sie dienen dem Lernen und ersetzen keine ärztliche Befundung. Verbindlich sind die Veröffentlichungen des IMPP, die Approbationsordnung und die Auskünfte deiner Fakultät.