Anamnese und körperliche Untersuchung: Die Struktur, die im Examen trägt
Eine gute Anamnese ist keine Frageliste, sondern eine feste Reihenfolge, die man nicht mehr vergessen kann. Wer immer denselben Ablauf geht – aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Familie, Sozialanamnese, Systemdurchgang – bekommt in fünf Minuten mehr verwertbare Information als jemand, der frei assoziiert. Dasselbe gilt für die körperliche Untersuchung: Inspektion, Palpation, Perkussion, Auskultation, immer in dieser Folge, immer im Seitenvergleich. Diese zwei Gerüste tragen dich durch OSCE, mündliche Prüfung, Famulatur und PJ.
Auf einen Blick
- Anamnese-Gerüst: Beschwerden – Vorerkrankungen – Medikamente – Allergien – Familie – Sozial – System.
- Schmerzcharakterisierung: Beginn, Lokalisation, Ausstrahlung, Charakter, Intensität, Verlauf, Auslöser, Begleitsymptome.
- Untersuchungsfolge: Inspektion, Palpation, Perkussion, Auskultation.
- Immer zuerst: offene Frage stellen und mindestens 30 Sekunden nicht unterbrechen.
- Immer zuletzt: zusammenfassen und rückversichern lassen.
Der Einstieg entscheidet über den Rest
Beginne offen: „Was führt Sie zu uns?“ – und dann still bleiben. Studien zum Erstgespräch zeigen, dass Patientinnen und Patienten meist unter zwei Minuten sprechen, wenn man sie lässt, dabei aber oft schon die entscheidende Information liefern. Wer nach zehn Sekunden mit geschlossenen Fragen einsteigt, erfährt genau das, wonach er gefragt hat – und nichts sonst. Erst danach wird strukturiert nachgefragt.
Schmerz vollständig charakterisieren
Acht Punkte, die keinen Schmerz unbeschrieben lassen:
- Beginn: plötzlich oder allmählich, seit wann genau
- Lokalisation: zeigen lassen, nicht beschreiben lassen
- Ausstrahlung: wohin
- Charakter: stechend, dumpf, brennend, kolikartig
- Intensität: Skala 0–10, jetzt und im Maximum
- Verlauf: konstant, wellenförmig, zunehmend
- Modulation: was verstärkt, was lindert
- Begleitsymptome: gezielt nach den gefährlichen fragen
Der letzte Punkt ist der prüfungsrelevanteste. Bei Brustschmerz gehören Luftnot, Schweißausbruch und Vernichtungsgefühl dazu, bei Kopfschmerz der plötzliche Beginn und neurologische Ausfälle, bei Bauchschmerz Erbrechen, Stuhlverhalt und Fieber. Wer diese Fragen stellt, zeigt klinisches Denken – und genau das wird bewertet.
Der Systemdurchgang, den fast alle abkürzen
Kurz und in fester Reihenfolge: Allgemeinsymptome (Fieber, Gewicht, Nachtschweiß, Leistungsfähigkeit), Herz und Kreislauf, Lunge, Verdauung, Urogenital, Bewegungsapparat, Neurologie, Haut, Psyche. Zwei Sätze pro System reichen. Der Durchgang kostet 60 bis 90 Sekunden und fängt regelmäßig die Diagnose ein, die niemand erwartet hat.
Untersuchung: Reihenfolge schlägt Vollständigkeit
Am Bauch gilt eine wichtige Ausnahme: Erst inspizieren, dann auskultieren, dann perkutieren und zuletzt palpieren – weil Palpation die Darmgeräusche verändert. Überall sonst bleibt es bei Inspektion, Palpation, Perkussion, Auskultation. Grundsätzlich gilt: von distal nach proximal, von unauffällig nach auffällig, schmerzhafte Regionen zuletzt. Immer im Seitenvergleich, immer mit angesagten Handgriffen.
Praktisch bedeutet das für die häufigsten Untersuchungsgänge:
- Herz: Inspektion, Pulsstatus, Herzspitzenstoß tasten, Auskultation an allen vier Punkten, im Sitzen und Liegen.
- Lunge: Atemmuster, Klopfschall im Seitenvergleich, Stimmfremitus, Auskultation von oben nach unten, immer beide Seiten direkt nacheinander.
- Abdomen: Inspektion, Auskultation aller vier Quadranten, Perkussion, oberflächliche und dann tiefe Palpation, Leber und Milz, Nierenlager, Bruchpforten.
- Neurologie: Bewusstsein, Hirnnerven, Motorik, Reflexe, Sensibilität, Koordination, Gang – in dieser Reihenfolge.
Befund formulieren
Ein Befund beschreibt, er interpretiert nicht: „Leise Herztöne, kein vitientypisches Geräusch, Herzfrequenz 78 pro Minute, rhythmisch“ ist ein Befund. „Herz unauffällig“ ist keiner. In Prüfungen zählt genau diese Trennung: Erst beschreiben, was du wahrnimmst, dann einordnen, was es bedeutet. Dieselbe Systematik gilt für Hautbefunde – wie sie dort funktioniert, zeigt unsere Seite zu Effloreszenzen.
Wo du das übst
Untersuchungstechnik lernt man nicht durch Lesen. Drei Wege funktionieren: gegenseitig in der Lerngruppe, in der Famulatur mit jeder Patientin und jedem Patienten, den man mituntersuchen darf, und in Simulationen mit Checkliste. Wie sich eine Famulatur dafür sinnvoll nutzen lässt, beschreibt die Seite Famulatur: Pflichtwochen, Ablauf und Vorbereitung; die Prüfungslogik dahinter findest du unter OSCE bestehen.
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Häufige Fragen
In welcher Reihenfolge führt man eine Anamnese?
Aktuelle Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien, Familienanamnese, Sozialanamnese und zum Schluss ein kurzer Systemdurchgang. Am Anfang steht eine offene Frage, am Ende eine Zusammenfassung zur Rückversicherung.
Wie charakterisiert man Schmerzen vollständig?
Über acht Punkte: Beginn, Lokalisation, Ausstrahlung, Charakter, Intensität auf einer Skala, Verlauf, verstärkende und lindernde Faktoren sowie Begleitsymptome. Die gezielte Frage nach gefährlichen Begleitsymptomen ist der prüfungsrelevanteste Teil.
Warum untersucht man das Abdomen in anderer Reihenfolge?
Weil die Palpation die Darmgeräusche verändert. Deshalb gilt am Bauch: Inspektion, Auskultation, Perkussion, Palpation. Überall sonst bleibt es bei Inspektion, Palpation, Perkussion, Auskultation.
Wie formuliert man einen körperlichen Befund richtig?
Beschreibend statt interpretierend. „Leise Herztöne, kein Geräusch, 78 pro Minute, rhythmisch“ ist ein Befund; „Herz unauffällig“ ist bereits eine Bewertung. Erst beschreiben, dann einordnen.
Wie lange sollte man Patienten am Anfang ausreden lassen?
Mindestens 30 Sekunden ohne Unterbrechung, besser länger. Die meisten sprechen von sich aus unter zwei Minuten und nennen dabei häufig schon die entscheidende Information. Geschlossene Fragen kommen erst danach.