Pseudohyperkaliämie: wenn das Kalium in der Probe steigt
Kurz gesagt: Bei einer Pseudohyperkaliämie ist das Kalium nur im Röhrchen erhöht. Es tritt nach der Blutentnahme aus Erythrozyten, Thrombozyten oder Leukozyten aus, etwa durch Hämolyse, langes Stauen oder späte Verarbeitung. Im Patienten ist der Wert normal. Die Falle: Eine hämolytische Probe beweist keinen Messfehler. Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann beides gleichzeitig vorliegen, deshalb gehören EKG und eine rasche, saubere Kontrollmessung zusammen.
In vitro statt in vivo
EKG und Kontrolle
Präanalytik zählt
Lernheft Akutes Nierenversagen & Elektrolyte18 Module mit Fallfragen, Merkskizzen und Selbsttest. Zum passenden Material
Kalium liegt zu etwa 98 Prozent in den Zellen. Schon ein kleiner Teil, der aus Blutzellen austritt, verschiebt den gemessenen Serumwert deutlich. Deshalb ist Kalium der Elektrolyt, bei dem Präanalytik am häufigsten zu falschen Befunden führt. In der Famulatur wirst du erleben, dass das Labor bei einer hämolytischen Probe einen Hinweis mitschickt. In der Prüfung musst du entscheiden, ob du dem Hinweis traust oder dem Patienten.
Wie entsteht eine Pseudohyperkaliämie?
Der Mechanismus ist immer derselbe: Kalium wandert erst nach der Entnahme aus Zellen in das Serum oder Plasma. Die Auslöser liegen bei der Abnahme, beim Transport oder im Blut selbst.
Ursache
Was passiert
Woran du es erkennst
Hämolyse bei der Abnahme
Erythrozyten platzen durch dünne Kanülen, starkes Aspirieren oder Schütteln
Hämolyseindex des Labors, rötliches Serum, oft auch LDH erhöht
Langes Stauen und Faustschluss
Muskelarbeit und lokale Azidose setzen Kalium aus Muskelzellen frei
erhöhter Wert bei schwieriger Venenpunktion, Kontrolle ohne Stau unauffällig
Verzögerte Verarbeitung oder Kühlung
Die Natrium-Kalium-ATPase arbeitet in der kalten Probe nicht, Kalium tritt aus
Probe lange unterwegs, etwa aus der Hausarztpraxis
Ausgeprägte Thrombozytose
Bei der Gerinnung im Serumröhrchen geben Thrombozyten Kalium ab
Serumkalium höher als Plasmakalium aus Heparinröhrchen
Extreme Leukozytose
Fragile Zellen, etwa bei Leukämie, setzen Kalium frei
sehr hohe Leukozytenzahl im Blutbild
Kontamination mit EDTA
Kalium-EDTA aus dem Blutbildröhrchen gelangt in die Probe
Kalium hoch bei auffällig niedrigem Kalzium
Woran erkennst du eine echte Hyperkaliämie?
Eine echte Hyperkaliämie entsteht durch verminderte Ausscheidung oder durch Verschiebung aus den Zellen in den Extrazellulärraum. Typische Konstellationen sind akutes oder chronisches Nierenversagen, Medikamente, die das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System hemmen oder kaliumsparend wirken, Hypoaldosteronismus, metabolische Azidose, Insulinmangel, Rhabdomyolyse und Tumorlyse.
Gefährlich wird Kalium über die Erregbarkeit von Herz und Muskulatur. Das Ruhemembranpotenzial wird weniger negativ, die Erregungsleitung verlangsamt sich. Im EKG zeigen sich zuerst hohe, spitze T-Wellen, dann abgeflachte P-Wellen, eine Verlängerung der PQ-Zeit, verbreiterte QRS-Komplexe und schließlich sinuswellenartige Kurven bis zum Kammerflimmern oder zur Asystolie.
Passt die Klinik? Niereninsuffizienz, kaliumsparende Medikamente oder Zellzerfall machen eine echte Erhöhung wahrscheinlich
Passt das EKG? neue Veränderungen erhöhen die Dringlichkeit sofort
Passt die Probe? Hämolyse, Stauung und Laufzeit beim Labor erfragen
Passt der Verlauf? Vorwerte und Trend helfen bei der Einschätzung
Ein normales EKG schließt nichts aus
Viele Patienten mit deutlich erhöhtem Kalium haben ein unauffälliges EKG, und Rhythmusstörungen können ohne Vorwarnung auftreten. Das EKG steigert die Dringlichkeit, wenn es verändert ist. Es beruhigt nicht, wenn es normal ist.
Lernheft 23
Akutes Nierenversagen & Elektrolyte
Echte und scheinbare Elektrolytstörungen an konstruierten Fällen unterscheiden.
Kalium und Kaliumbilanz mit Fall und Gegenfall
Natrium, Wasserverlust und Kalzium im Kontext
Akute Nierenschädigung von Zeitverlauf bis Abfluss
Für die Prüfung reicht es, die Prinzipien in der richtigen Reihenfolge zu kennen. Bei EKG-Veränderungen wird zuerst die Membran des Herzmuskels mit Kalzium stabilisiert. Danach wird Kalium mit Insulin und Glukose oder Beta-2-Sympathomimetika in die Zellen verschoben. Beide Maßnahmen senken das Gesamtkörperkalium nicht. Dafür braucht es eine Elimination über Niere, Darm oder Dialyse. Parallel werden auslösende Medikamente geprüft und die Ursache geklärt. Konkrete Dosierungen richten sich nach den lokalen Standards und Leitlinien.
Häufig gestellte Fragen
1. Ab welchem Wert spricht man von Hyperkaliämie?
Üblicherweise ab einem Serumkalium über etwa 5,0 bis 5,5 mmol/l, je nach Labor. Entscheidend für die Dringlichkeit sind Höhe, Geschwindigkeit des Anstiegs, EKG und Ursache.
2. Warum ist Kalium im Serum höher als im Plasma?
Bei der Gerinnung im Serumröhrchen geben Thrombozyten etwas Kalium ab. Bei sehr hohen Thrombozytenzahlen wird dieser Unterschied groß genug, um eine Hyperkaliämie vorzutäuschen. Plasma aus Heparinröhrchen umgeht das.
3. Ist eine Blutgasanalyse für Kalium geeignet?
Sie liefert schnell einen Vollblutwert und eignet sich zur raschen Orientierung, wenn das Laborergebnis unklar ist. Abweichungen zum Zentrallabor sind möglich, deshalb werden beide Werte im Kontext beurteilt.
4. Warum erniedrigt EDTA-Kontamination das Kalzium?
EDTA bindet zweiwertige Ionen wie Kalzium und Magnesium. Gelangt Kalium-EDTA in die Probe, steigt das gemessene Kalium und das Kalzium fällt. Diese Kombination ohne passende Klinik ist ein Hinweis auf einen Abnahmefehler.
5. Senkt Insulin das Gesamtkörperkalium?
Nein. Insulin verschiebt Kalium in die Zellen und senkt damit nur den Serumwert. Ohne Ausscheidung kehrt das Kalium wieder in den Extrazellulärraum zurück, wenn die Wirkung nachlässt.
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