Reflexbogen und Eigenreflexe: Segmente, peripher abgeschwächt oder zentral gesteigert
Kurz gesagt: Ein Reflexbogen besteht aus Rezeptor, Afferenz, zentraler Verschaltung und Efferenz. Beim Eigenreflex ist der Muskel gleichzeitig Sensor und Erfolgsorgan: Die Muskelspindel wird gedehnt, die Ia-Afferenz erregt monosynaptisch das Alpha-Motoneuron, und der Muskel kontrahiert. Ist der Bogen peripher unterbrochen, etwa an der Wurzel, wird der Reflex schwächer. Fällt die zentrale Hemmung über absteigende Bahnen weg, wird er im Verlauf stärker.
Physikum und Famulatur
Modul 17 im Lernheft
Schwach peripher, stark zentral
Lernheft Neuroanatomie & Bahnsysteme18 Module von ZNS und PNS bis zur Lokalisationsdiagnose, mit Fallfragen und Selbsttest. Zum passenden Material
Reflexe sind die Untersuchung, bei der du in der Famulatur am schnellsten vom Zuschauen zum Mitmachen kommst. Sie sind aber auch ein Physikumsthema mit klaren Fragen: Welcher Reflex gehört zu welchem Segment, wie ist der Reflexbogen aufgebaut, und was bedeutet ein abgeschwächter oder gesteigerter Reflex? Diese Seite verbindet Physiologie, Anatomie und Untersuchungsbefund.
Wie ist der Reflexbogen aufgebaut?
Rezeptor: Muskelspindel, misst Dehnung des Muskels
Afferenz: Ia-Faser über Spinalnerv und Hinterwurzel ins Rückenmark
Zentrale Verschaltung: monosynaptisch auf das Alpha-Motoneuron im Vorderhorn, dazu Hemmung des Antagonisten über Interneurone
Efferenz: Alpha-Motoneuron über Vorderwurzel und peripheren Nerv zum selben Muskel
Fremdreflexe sind dagegen polysynaptisch, und Rezeptor und Erfolgsorgan liegen in verschiedenen Organen, zum Beispiel beim Bauchhautreflex oder beim Fluchtreflex. Sie werden bei wiederholter Auslösung schwächer (Habituation) und haben eine längere Latenz.
Welche Kennreflexe solltest du kennen?
Reflex
Muskel
Nerv
Hauptsegment
Bizepssehnenreflex (BSR)
M. biceps brachii
N. musculocutaneus
C5 bis C6
Radiusperiostreflex (RPR)
M. brachioradialis
N. radialis
C5 bis C6
Trizepssehnenreflex (TSR)
M. triceps brachii
N. radialis
C7
Patellarsehnenreflex (PSR)
M. quadriceps femoris
N. femoralis
L3 bis L4
Achillessehnenreflex (ASR)
M. triceps surae
N. tibialis
S1
Was bedeuten abgeschwächte und gesteigerte Reflexe?
Eine Wurzelläsion oder Nervenschädigung unterbricht einen Teil des afferenten oder efferenten Schenkels. Der Reflex wird schwächer oder fällt aus. Bei einem Bandscheibenvorfall mit Kompression der Wurzel S1 ist deshalb typischerweise der Achillessehnenreflex abgeschwächt. Bei Polyneuropathien sind oft zuerst die distalen Reflexe betroffen, also der ASR.
Absteigende Bahnen üben normalerweise eine hemmende Wirkung auf die spinalen Reflexkreise aus. Fällt diese Kontrolle durch eine Läsion von Gehirn oder Rückenmark weg, werden die Reflexe im Verlauf lebhafter, die Reflexzonen verbreitern sich, und es können Kloni auftreten. Dazu kommen pathologische Reflexe wie das Babinski-Zeichen.
Häufige Verwechslung
Akute zentrale Läsionen können zunächst schlaff erscheinen. Im spinalen Schock nach einer akuten Rückenmarksverletzung sind die Reflexe unterhalb der Läsion vorübergehend erloschen. Gesteigerte Reflexe entwickeln sich erst im Verlauf. Ein fehlender Reflex in der Akutphase schließt eine zentrale Ursache deshalb nicht aus.
Wie prüfst du Reflexe sicher?
Der häufigste Grund für einen scheinbar fehlenden Reflex ist eine angespannte Muskulatur. Lagere die Extremität entspannt, schlage kurz und locker und vergleiche immer beide Seiten. Ist ein Reflex nicht auslösbar, hilft eine Bahnung, zum Beispiel der Jendrassik-Handgriff, bei dem der Patient die Hände ineinander verhakt und zieht. Dokumentiere Reflexe seitengetrennt als abgeschwächt, mittellebhaft oder gesteigert und achte auf Seitendifferenzen, die oft mehr aussagen als die absolute Stärke. Zur neurologischen Einordnung gehören immer Kraft und Sensibilität dazu, denn Mustererkennung ist der Beginn und nicht das Ende der Diagnostik.
Lernheft 06
Neuroanatomie & Bahnsysteme
64 Seiten mit 18 Modulen, die Untersuchungsbefunde mit Anatomie und Bahnen verbinden.
Ein Reflex, bei dem Rezeptor und Erfolgsorgan im selben Muskel liegen. Er ist monosynaptisch und wird durch Dehnung der Muskelspindel ausgelöst.
2. Welches Segment prüft der Patellarsehnenreflex?
Hauptsächlich L3 bis L4 über den N. femoralis.
3. Warum schwächt eine Wurzelläsion den Reflex ab?
Weil sie einen Teil des afferenten oder efferenten Schenkels des Reflexbogens unterbricht.
4. Warum sind Reflexe bei zentralen Läsionen gesteigert?
Weil die hemmende Kontrolle absteigender Bahnen auf die spinalen Reflexkreise wegfällt. Die Steigerung entwickelt sich meist erst im Verlauf.
5. Was ist der Jendrassik-Handgriff?
Eine Bahnungstechnik: Der Patient verhakt die Hände und zieht kräftig auseinander, während du einen Beinreflex auslöst. Das erleichtert das Auslösen schwacher Reflexe.
Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Sie dienen dem Lernen und ersetzen keine ärztliche Befundung. Verbindlich sind die Veröffentlichungen des IMPP, die Approbationsordnung und die Auskünfte deiner Fakultät.