Sauerstoffsättigung oder Sauerstoffgehalt? Warum Anämie die SpO2 nicht senkt
Kurz gesagt: Die Sauerstoffsättigung gibt an, welcher Anteil des vorhandenen Hämoglobins Sauerstoff trägt. Der Sauerstoffgehalt gibt an, wie viel Sauerstoff tatsächlich im Blut ist, und hängt vor allem von Hämoglobin und Sättigung ab. Bei schwerer Anämie fehlen Bindungsplätze, die verbleibenden sind aber voll besetzt. Die Sättigung bleibt normal, Gehalt und Sauerstoffangebot an das Gewebe sinken.
Physiologie Physikum
Sättigung ist nicht Gehalt
Lernheft Modul 02 und 17
Lernheft Anämien & Blutbild18 Module mit Fallfragen, Bildtafeln und Selbsttests. Zum passenden Material
Eine Patientin mit Hämoglobin 6 g/dl klagt über Luftnot beim Treppensteigen. Das Pulsoxymeter zeigt 99 %. Viele Studierende sind an dieser Stelle irritiert. Dabei erklärt die Physiologie den scheinbaren Widerspruch vollständig. Die Unterscheidung von Sättigung und Gehalt ist außerdem eine der häufigsten Verwechslungen im Physikum und taucht im M2 bei Anämie, Kohlenmonoxidvergiftung und Schock wieder auf.
Wie wird der Sauerstoffgehalt berechnet?
Der arterielle Sauerstoffgehalt (CaO2) setzt sich aus gebundenem und gelöstem Sauerstoff zusammen. Ein Gramm Hämoglobin bindet bei voller Sättigung etwa 1,34 ml Sauerstoff. Der physikalisch gelöste Anteil ist mit 0,003 ml pro mmHg Partialdruck und 100 ml Blut sehr klein.
Beispiel normal: 1,34 × 15 × 0,98 ergibt etwa 19,7 ml/dl, der gelöste Anteil liegt bei etwa 0,3 ml/dl
Beispiel Anämie: 1,34 × 7 × 0,98 ergibt etwa 9,2 ml/dl, also weniger als die Hälfte
Die Formel zeigt sofort, dass das Hämoglobin der Haupthebel ist. Eine Verdopplung des Partialdrucks durch Sauerstoffgabe bringt bei voll gesättigtem Blut kaum zusätzlichen Gehalt.
Was beeinflusst die Sauerstoffbindungskurve?
Die Bindungskurve ist S-förmig, weil Hämoglobin kooperativ bindet. In der Lunge bei hohem Partialdruck liegt die Kurve im flachen oberen Abschnitt, die Beladung ist sicher. Im Gewebe bei niedrigeren Drücken liegt sie im steilen Abschnitt, schon kleine Druckänderungen setzen viel Sauerstoff frei. Der P50, also der Partialdruck bei halber Sättigung, liegt beim Erwachsenen bei etwa 27 mmHg.
Verschiebung
Auslöser
Folge
Rechtsverschiebung
Mehr CO2, saurer pH (Bohr-Effekt), höhere Temperatur, mehr 2,3-Bisphosphoglycerat
Affinität sinkt, Abgabe im Gewebe erleichtert
Linksverschiebung
Alkalose, Hypothermie, weniger 2,3-BPG, fetales Hämoglobin, Kohlenmonoxid
Daraus folgt die Fallfrage des Lernhefts: Aktives, warmes, saures Gewebe erleichtert die Sauerstoffabgabe, weil die Affinität bei Rechtsverschiebung sinkt. Die Merkkette: Gewebe-pH fällt, O2-Affinität sinkt, O2-Abgabe erleichtert. Bei chronischer Anämie steigt 2,3-BPG in den Erythrozyten, auch das ist eine Anpassung, die die Abgabe verbessert.
Wie kompensiert der Körper eine Anämie?
Das Sauerstoffangebot an das Gewebe ist das Produkt aus Herzzeitvolumen und arteriellem Sauerstoffgehalt. Sinkt der Gehalt, kann der Körper das Herzzeitvolumen steigern: Die Herzfrequenz steigt, die geringere Viskosität senkt die Nachlast. Außerdem schöpft das Gewebe mehr Sauerstoff aus, und die Rechtsverschiebung der Bindungskurve erleichtert die Abgabe. In Ruhe reicht das oft. Unter Belastung, wo Bedarf, Herzzeitvolumen und Ausschöpfung ohnehin steigen müssen, stößt die Reserve an ihre Grenze. Daher die Belastungsdyspnoe bei normaler Sättigung.
Vorklinik bis Klinik
Lernheft Anämien & Blutbild
Sauerstoffbindung, Sauerstofftransport, Herzzeitvolumen und Belastung als Physiologie-Brücke zur Anämie.
Sättigung gegen Sauerstoffgehalt mit Gegenfall
Bindungskurve mit Rechts- und Linksverschiebung
64 Seiten PDF mit Selbsttests und Lösungsschlüssel
Herkömmliche Pulsoxymeter unterscheiden Oxy-Hämoglobin kaum von Carboxyhämoglobin. Bei einer Kohlenmonoxidvergiftung zeigen sie deshalb oft normale Werte, obwohl der Sauerstoffgehalt stark reduziert ist und die Bindungskurve nach links verschoben wird. Die Diagnose stellt die CO-Oxymetrie in der Blutgasanalyse.
Häufig gestellte Fragen
1. Warum ist die Sättigung bei Anämie normal?
Die Sättigung ist ein Prozentwert der Besetzung des vorhandenen Hämoglobins. Weniger Hämoglobin bedeutet weniger Bindungsplätze, aber keine geringere Besetzung.
2. Wie viel Sauerstoff bindet ein Gramm Hämoglobin?
Etwa 1,34 ml bei vollständiger Sättigung. In manchen Lehrbüchern wird auch 1,36 oder 1,39 ml angegeben.
3. Was verschiebt die Bindungskurve nach rechts?
Mehr CO2, saurer pH, höhere Temperatur und mehr 2,3-Bisphosphoglycerat. Die Abgabe im Gewebe wird dadurch erleichtert.
4. Was ist das Sauerstoffangebot?
Das Produkt aus Herzzeitvolumen und arteriellem Sauerstoffgehalt. Es beschreibt, wie viel Sauerstoff pro Minute das Gewebe erreicht.
5. Hilft Sauerstoffgabe bei schwerer Anämie?
Nur wenig, wenn die Sättigung schon normal ist. Der gelöste Anteil steigt zwar, bleibt aber klein. Entscheidend ist die Behandlung der Anämie und ihrer Ursache.
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