Kurz gesagt: Beim Aufstehen versackt Blut in den Beinvenen, der venöse Rückstrom und das Schlagvolumen sinken, und der Blutdruck droht zu fallen. Dehnungsrezeptoren in Karotissinus und Aortenbogen melden den Druckabfall an den Hirnstamm. Der steigert innerhalb von Sekunden die Sympathikusaktivität und senkt den Vagotonus: Herzfrequenz, Kontraktilität und Gefäßtonus steigen. Versagt diese Gegenregulation, entsteht eine orthostatische Hypotonie, die du im Schellong-Test am Verhalten von Blutdruck und Puls erkennst.
Der Baroreflex ist ein Physikumklassiker, weil er alle Elemente eines Regelkreises zeigt: Sensor, Afferenz, Zentrum, Efferenz und Stellglied. In der Famulatur begegnet er dir wieder, wenn eine ältere Patientin nach dem Aufstehen kollabiert oder wenn du einen Schellong-Test dokumentieren sollst. Dieser Artikel verbindet beide Seiten und zeigt dir, wie du aus dem Physiologiewissen die klinischen Muster ableitest.
Was passiert im Kreislauf beim Aufstehen?
Im Liegen verteilt sich das Blut gleichmäßig. Beim Wechsel in den Stand zieht die Schwerkraft einen Teil des Blutvolumens in die Venen der Beine und des Bauchraums. Die Venen sind dehnbar und nehmen dieses Blut als Kapazitätsreservoir auf. Der zentrale Venendruck sinkt, die Vorlast des Herzens nimmt ab, und über den Frank-Starling-Mechanismus sinkt das Schlagvolumen. Ohne Gegenregulation würde der arterielle Druck deutlich abfallen, und die Hirndurchblutung wäre gefährdet.
Zwei Mechanismen wirken sofort gegen. Die Muskelpumpe der Beine drückt beim Anspannen Blut zum Herzen zurück, die Venenklappen verhindern den Rückfluss. Und der Baroreflex stellt innerhalb weniger Herzschläge Frequenz und Gefäßtonus nach. Normalerweise steigt die Herzfrequenz beim Aufstehen moderat an, der Blutdruck bleibt nahezu stabil.
Wie ist der Reflexbogen aufgebaut?
- Sensor: Dehnungsrezeptoren in der Wand von Karotissinus und Aortenbogen. Sie feuern umso häufiger, je stärker die Gefäßwand gedehnt wird.
- Afferenz: vom Karotissinus über den N. glossopharyngeus, vom Aortenbogen über den N. vagus zum Nucleus tractus solitarii in der Medulla oblongata.
- Zentrum: Kreislaufzentren in der Medulla, die Sympathikus und Parasympathikus gegensätzlich einstellen.
- Efferenz: Sympathikus zu Herz, Arteriolen und Venen, Vagus zu Sinus- und AV-Knoten.
- Wirkung bei Druckabfall: Herzfrequenz und Kontraktilität steigen, Arteriolen und Venen verengen sich, der Druck wird stabilisiert.
Der Baroreflex ist ein Kurzzeitregler. Er reagiert auf schnelle Druckänderungen, passt sich aber bei anhaltend verändertem Druck an. Bei chronischer Hypertonie wird der Sollwert verstellt, man spricht von Resetting. Die langfristige Blutdruckregulation übernehmen Niere, RAAS und ADH über das Volumen. Im Lernheft Herzphysiologie & Kreislauf ist genau dieser Gegensatz von kurzfristig neural und langfristig renal-hormonell das Vergleichspaar im Modul Baroreflex.
Wie führst du den Schellong-Test durch und wie liest du ihn?
Beim Schellong-Test liegt die Person zunächst einige Minuten ruhig, während Blutdruck und Puls mehrfach gemessen werden. Dann steht sie zügig auf und bleibt stehen, während die Messungen in kurzen Abständen über mehrere Minuten weiterlaufen. Wichtig sind eine sichere Umgebung, eine zweite Person in der Nähe und der sofortige Abbruch bei Präsynkope. Als orthostatische Hypotonie gilt nach gängiger Definition ein Abfall des systolischen Drucks um mindestens 20 mmHg oder des diastolischen um mindestens 10 mmHg innerhalb von drei Minuten im Stehen.
| Muster | Blutdruck im Stehen | Herzfrequenz im Stehen | Typische Ursachen |
|---|---|---|---|
| Normale Reaktion | Nahezu stabil | Moderater Anstieg | Intakter Baroreflex |
| Orthostatische Hypotonie mit Gegenregulation | Deutlicher Abfall | Kräftiger Anstieg | Volumenmangel, Blutung, Diuretika, Vasodilatatoren |
| Neurogene orthostatische Hypotonie | Deutlicher Abfall | Kaum Anstieg | Autonome Neuropathie bei Diabetes, Parkinson-Syndrome, Multisystematrophie |
| Posturales Tachykardiesyndrom (POTS) | Weitgehend stabil | Ausgeprägter, anhaltender Anstieg | Meist jüngere Menschen, häufig nach Infekten, Ursache oft multifaktoriell |
Der Puls ist der Schlüssel. Fällt der Druck und steigt die Frequenz kräftig, funktioniert der Reflex, ihm fehlt aber Volumen oder Gefäßtonus. Fällt der Druck und bleibt die Frequenz gleich, ist der Reflex selbst gestört. Diese Unterscheidung gelingt nur, wenn du beide Werte gemeinsam dokumentierst. Betablocker können den Frequenzanstieg dämpfen und müssen bei der Beurteilung mitgedacht werden.
Probefrage im Prüfungsstil
Ein 68-jähriger Mann mit seit 20 Jahren bekanntem Diabetes mellitus klagt über Schwindel nach dem Aufstehen. Im Schellong-Test fällt der Blutdruck nach zwei Minuten im Stehen von 138/82 auf 108/66 mmHg, die Herzfrequenz ändert sich von 72 auf 75/min. Er nimmt keine frequenzsenkenden Medikamente ein. Welche Erklärung ist am wahrscheinlichsten?
- AIsolierter Volumenmangel bei intaktem Baroreflex
- BPosturales Tachykardiesyndrom
- CGestörte sympathische Gegenregulation bei autonomer Neuropathie
- DÜberempfindlicher Karotissinus mit Vagusaktivierung
- ENormale Kreislaufreaktion beim älteren Menschen
Lösung zeigen
Welche Ursachen solltest du in der Famulatur zuerst prüfen?
Die häufigsten Ursachen einer orthostatischen Hypotonie sind banal und behandelbar. Prüfe zuerst die Medikation: Antihypertensiva, Diuretika, Alpha-Blocker, Nitrate, trizyklische Antidepressiva und Dopaminagonisten senken Volumen oder Gefäßtonus. Dann den Volumenstatus: wenig getrunken, Durchfall, Erbrechen, Fieber, Blutung. Erst wenn beides unauffällig ist und der Puls nicht ansteigt, rückt eine autonome Störung in den Vordergrund. Besonders bei älteren Menschen ist die orthostatische Hypotonie ein wichtiger Sturz- und Synkopenauslöser.
Wer Regelkreis, Reaktionsmuster und Gegenregulation im Zusammenhang lernen will, findet im Lernheft zur Herzphysiologie die Module zu Arterien und Venen, Sympathikus und Vagus und Baroreflex direkt nebeneinander.
Häufige Fragen
Wo sitzen die Barorezeptoren?
Vor allem in der Wand des Karotissinus an der Teilungsstelle der A. carotis communis und im Aortenbogen. Ihre Afferenzen laufen über den N. glossopharyngeus und den N. vagus zum Hirnstamm.
Was passiert reflexhaft beim schnellen Aufstehen?
Der zentrale Druck sinkt, die Barorezeptoren feuern weniger. Der Hirnstamm steigert die Sympathikusaktivität und senkt den Vagotonus. Herzfrequenz, Kontraktilität und Gefäßtonus nehmen zu, und der Blutdruck wird stabilisiert.
Ab wann spricht man von orthostatischer Hypotonie?
Nach gängiger Definition bei einem Abfall des systolischen Blutdrucks um mindestens 20 mmHg oder des diastolischen um mindestens 10 mmHg innerhalb von drei Minuten nach dem Aufstehen.
Wie erkennt man eine neurogene orthostatische Hypotonie?
Der Blutdruck fällt im Stehen deutlich ab, die Herzfrequenz steigt aber kaum an. Das zeigt, dass die sympathische Gegenregulation selbst gestört ist, etwa bei autonomer Neuropathie.
Warum reguliert der Baroreflex den Blutdruck nicht langfristig?
Weil sich die Barorezeptoren an einen anhaltend veränderten Druck anpassen und ihren Sollwert verschieben. Die langfristige Regulation läuft über das Volumen, gesteuert von Niere, RAAS und ADH.
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Dieser Artikel dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung. Er enthält bewusst keine Dosierungen. Verbindlich sind die aktuellen Leitlinien, die jeweilige Fachinformation und die IMPP-Gegenstandskataloge. Stand: November 2026.

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