Fallvignette
Eine 28-jährige Studentin stellt sich in der Notaufnahme vor, weil sie seit zwei Tagen auf dem rechten Auge verschwommen sieht und beim Blick nach lateral Schmerzen im Augapfel verspürt. Zusätzlich berichtet sie über ein vor vier Monaten aufgetretenes, drei Wochen anhaltendes „pelziges“ Gefühl im linken Bein, das sie damals nicht ärztlich abklären ließ. Die Untersuchung zeigt einen relativen afferenten Pupillendefekt rechts und eine Visusminderung auf 0,4. Die zerebrale MRT zeigt periventrikuläre und juxtakortikale T2-hyperintense Läsionen sowie eine Gadolinium-anreichernde Läsion im rechten Nervus opticus.
Was ist Multiple Sklerose und warum ist sie prüfungsrelevant?
Was ist Multiple Sklerose? Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, autoimmun vermittelte Erkrankung des zentralen Nervensystems mit Demyelinisierung und sekundärem axonalem Schaden in Gehirn, Rückenmark und Sehnerv.
Warum ist MS prüfungsrelevant? MS ist die häufigste chronisch-entzündliche ZNS-Erkrankung junger Erwachsener und fester Bestandteil des IMPP-Gegenstandskatalogs für das M2-Staatsexamen. Regelmäßig geprüft werden die McDonald-Kriterien, die Verlaufsformen sowie das Stufenschema von Schub-, Basis- und Eskalationstherapie.
Definition und Grundlagen
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Erkrankung | Chronisch-entzündliche, demyelinisierende Autoimmunerkrankung des ZNS |
| Pathophysiologie | T-Zell-vermittelte Autoimmunreaktion gegen Myelin, disseminierte Entmarkungsherde (Plaques) in Gehirn und Rückenmark, im Verlauf zunehmende Neurodegeneration |
| Häufigkeitsgipfel | Meist Erstmanifestation zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr |
| Geschlechterverhältnis | Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer |
| Ätiologie | Multifaktoriell: genetische Prädisposition (u. a. HLA-DRB1*15:01), Umweltfaktoren wie EBV-Infektion, Vitamin-D-Mangel und Rauchen |
Klinik: typische Leitsymptome
Das klinische Bild ist durch die Lokalisation der Herde geprägt und daher sehr variabel. Häufige Erstmanifestationen sind die Retrobulbärneuritis (Optikusneuritis) mit schmerzhafter, meist einseitiger Visusminderung, sensible Störungen, eine spastische Paraparese bei spinaler Beteiligung, Doppelbilder durch internukleäre Ophthalmoplegie sowie Blasenstörungen und das Uhthoff-Phänomen (temperaturabhängige Verschlechterung). Charakteristisch ist der schubförmige Verlauf mit Symptomen, die sich über Tage entwickeln und über Wochen bis Monate zumindest teilweise remittieren.
Diagnostik: die McDonald-Kriterien (Revision 2017)
Die Diagnose stützt sich auf den Nachweis der räumlichen Dissemination (DIS) und zeitlichen Dissemination (DIT) von ZNS-Läsionen bei gleichzeitigem Ausschluss besser erklärender Differenzialdiagnosen.
| Kriterium | Nachweis |
|---|---|
| Räumliche Dissemination (DIS) | Mindestens eine T2-Läsion in mindestens 2 von 4 typischen ZNS-Regionen: periventrikulär, kortikal/juxtakortikal, infratentoriell, spinal |
| Zeitliche Dissemination (DIT) | Gleichzeitiges Vorliegen Gadolinium-anreichernder und nicht-anreichernder Läsionen in einer MRT ODER neue T2-/KM-Läsion in einer Verlaufs-MRT ODER Nachweis oligoklonaler Banden im Liquor (bei erfülltem DIS-Kriterium und typischem klinisch isoliertem Syndrom) |
| Klinische Schübe ≥ 2 mit objektivem Nachweis ≥ 2 Läsionen | Diagnose ohne weitere Zusatzdiagnostik möglich |
| Liquordiagnostik | Oligoklonale Banden (isoelektrische Fokussierung) als Nachweis intrathekaler IgG-Synthese, unterstützt DIT-Nachweis |
Wichtig für die Klinik: Neben MRT und Liquor gehören evozierte Potenziale (v. a. VEP bei Verdacht auf Optikusneuritis) zur ergänzenden Diagnostik, ersetzen aber nicht die McDonald-Kriterien selbst.
Verlaufsformen
| Verlaufsform | Charakteristik |
|---|---|
| Schubförmig-remittierend (RRMS) | Häufigste Verlaufsform bei Erstdiagnose; klar abgrenzbare Schübe mit vollständiger oder partieller Remission, dazwischen keine Progredienz |
| Sekundär progrediente MS (SPMS) | Nach initial schubförmigem Verlauf zunehmende kontinuierliche Behinderungsprogredienz, mit oder ohne aufgesetzte Schübe |
| Primär progrediente MS (PPMS) | Von Beginn an kontinuierliche Progredienz ohne klar abgrenzbare Schübe, seltener, oft späteres Erkrankungsalter |
Therapie: Schub-, Basis- und Eskalationstherapie
Die Schubtherapie erfolgt mit hochdosiertem intravenösem Methylprednisolon über mehrere Tage; bei fehlendem Ansprechen kann eine Plasmapherese erwogen werden.
Die verlaufsmodifizierende Therapie orientiert sich an der Krankheitsaktivität und folgt einem Stufenschema:
- Basistherapie (milde/moderate Aktivität): Interferon-beta-Präparate, Glatirameracetat, Dimethylfumarat, Teriflunomid
- Eskalationstherapie (hochaktive/aggressive Verläufe): Natalizumab, Fingolimod (bzw. weitere S1P-Modulatoren), Ocrelizumab (auch zugelassen bei PPMS), Cladribin, Alemtuzumab, Ofatumumab
Die Auswahl richtet sich nach Schubfrequenz, MRT-Aktivität, Verträglichkeit, Familienplanung und Risikoprofil (u. a. JC-Virus-Serostatus vor Natalizumab-Gabe wegen PML-Risiko). Begleitend sind eine symptomatische Therapie (Spastik, Blasenstörungen, Fatigue) sowie Neurorehabilitation fester Bestandteil des Behandlungskonzepts.
Differenzialdiagnosen
Bei Verdacht auf MS müssen andere entzündliche und autoimmune Erkrankungen des Nervensystems abgegrenzt werden. Auch Erkrankungen der neuromuskulären Endplatte wie die Myasthenia gravis oder akute Polyradikuloneuropathien wie das Guillain-Barré-Syndrom können mit fluktuierenden bzw. akuten neurologischen Ausfällen imponieren und sind wichtige Prüfungsdifferenzialdiagnosen.
Key Takeaways
- MS ist die häufigste chronisch-entzündliche ZNS-Erkrankung junger Erwachsener, meist Erstmanifestation zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr
- Diagnosestellung nach den McDonald-Kriterien 2017 über den Nachweis der räumlichen und zeitlichen Dissemination
- Klassische Erstsymptome: Optikusneuritis, sensible Störungen, spastische Paraparese, internukleäre Ophthalmoplegie
- Drei Verlaufsformen: RRMS, SPMS, PPMS
- Therapiestufen: Schubtherapie mit Kortison, Basistherapie und Eskalationstherapie je nach Krankheitsaktivität
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Was ist der Unterschied zwischen einem klinisch isolierten Syndrom (KIS) und einer gesicherten MS?
Ein klinisch isoliertes Syndrom bezeichnet die erste neurologische Episode, die auf eine entzündliche ZNS-Erkrankung hindeutet, ohne dass die McDonald-Kriterien für DIS und DIT bereits vollständig erfüllt sind.
2. Welche Bedeutung haben oligoklonale Banden?
Sie weisen eine intrathekale IgG-Synthese nach und können bei erfülltem DIS-Kriterium das Kriterium der zeitlichen Dissemination ersetzen.
3. Was ist das Uhthoff-Phänomen?
Eine temperaturabhängige, reversible Verschlechterung bestehender neurologischer Symptome, typischerweise bei Erwärmung (z. B. Fieber, heißes Bad, körperliche Anstrengung).
4. Wie wird ein akuter Schub behandelt?
Mit hochdosiertem intravenösem Methylprednisolon über mehrere Tage; bei unzureichendem Ansprechen kann eine Plasmapherese erfolgen.
5. Was unterscheidet Basis- von Eskalationstherapie?
Die Basistherapie kommt bei milder bis moderater Krankheitsaktivität zum Einsatz, die Eskalationstherapie bei hochaktiven bzw. aggressiven Verläufen mit stärker wirksamen, aber risikoreicheren Substanzen.
6. Warum ist der JC-Virus-Status vor Natalizumab-Therapie relevant?
Ein positiver JC-Virus-Antikörperstatus erhöht das Risiko einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) unter Natalizumab, weshalb er vor und während der Therapie kontrolliert wird.
7. Welche MRT-Lokalisationen sind für die räumliche Dissemination relevant?
Periventrikulär, kortikal/juxtakortikal, infratentoriell und spinal.
8. Ist Multiple Sklerose heilbar?
Nein, MS ist derzeit nicht heilbar. Die verfügbaren Therapien können jedoch die Schubrate senken und die Krankheitsprogredienz verlangsamen.
9. Welche Verlaufsform liegt bei Erstdiagnose am häufigsten vor?
Die schubförmig-remittierende MS (RRMS) ist die bei Erstdiagnose häufigste Verlaufsform.
Fachliche Einordnung
Die Inhalte dieses Artikels orientieren sich am IMPP-Gegenstandskatalog für den Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung gemäß Approbationsordnung für Ärzte sowie an den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der AWMF zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose. Für die klinisch-praktische Vertiefung und Prüfungsvorbereitung ersetzt dieser Überblick keine individuelle ärztliche Beratung oder das Studium der Primärliteratur.
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