Kurz gesagt: Bei Sepsisverdacht laufen in der Notaufnahme mehrere Dinge parallel: Blutkulturen abnehmen, ohne die Antibiotikagabe zu verzögern, Laktat bestimmen, den Kreislauf stabilisieren und den Infektionsherd suchen. Eine positive Blutkultur benennt einen möglichen Erreger, löst aber nicht das anatomische Problem. Ein Abszess, ein infizierter Fremdkörper oder ein blockierter Abfluss wie ein Harnstau muss dringlich entlastet werden. Negative Kulturen nach Vorbehandlung schließen eine Sepsis nicht aus.
In Famulatur und PJ gehörst du oft zu den Ersten, die eine Person mit Sepsisverdacht sehen. Du nimmst Blut ab, legst Zugänge, schreibst die Anamnese und stellst den Fall vor. Dabei hilft es enorm, die Logik hinter den Abläufen zu kennen: Warum werden Kulturen vor dem Antibiotikum abgenommen, aber das Antibiotikum nicht für die Kulturen verschoben? Warum fragt die Oberärztin nach dem Ultraschall der Nieren, obwohl die Urinkultur schon läuft? Dieser Artikel ordnet die Schritte und zeigt, welche Aufgaben du sinnvoll übernehmen kannst.
Was passiert in der ersten Stunde bei Sepsisverdacht?
Sepsis ist eine zeitkritische Arbeitshypothese. Sobald eine Infektion mit neuer Organdysfunktion im Raum steht, laufen die Maßnahmen parallel, nicht nacheinander. Die Leitlinien betonen eine frühe antimikrobielle Therapie, beim septischen Schock möglichst innerhalb der ersten Stunde. Die genaue Auswahl und Dosierung legt das ärztliche Team nach lokalem Standard und Erregerlage fest.
| Maßnahme | Ziel | Deine Rolle als Studierende oder Studierender |
|---|---|---|
| Blutkulturen | Erreger und Resistenz bestimmen | Abnahme unter Anleitung, korrekte Beschriftung, Zeitpunkt dokumentieren |
| Laktat und Labor | Schwere und Organdysfunktion einschätzen | Blutgasanalyse, Labor mit Kreatinin, Bilirubin, Thrombozyten, Gerinnung |
| Antimikrobielle Therapie | Erregerlast früh senken | Zeitpunkt der ersten Gabe festhalten, Allergien erfragen |
| Kreislauf | Perfusion sichern | Vitalzeichen im Verlauf, Urinmenge erfassen |
| Herdsuche | Quelle der Infektion finden | Gezielte Anamnese, körperliche Untersuchung, Vorbereitung der Bildgebung |
| Herdkontrolle | Quelle beseitigen oder entlasten | Befunde zusammenfassen, Konsile vorbereiten |
Wie nimmst du Blutkulturen richtig ab?
Blutkulturen sind der wichtigste Weg, den Erreger einer Sepsis zu identifizieren. Üblich sind mindestens zwei Blutkulturpaare aus getrennten Punktionen, jeweils mit aerober und anaerober Flasche. Die Abnahme erfolgt vor der ersten Antibiotikagabe, weil eine Vorbehandlung den Nachweis erschwert. Sie darf die Therapie aber nicht nennenswert verzögern.
- Hautdesinfektion: sorgfältig und mit ausreichender Einwirkzeit, um Kontamination durch Hautkeime zu vermeiden
- Flaschen: Septum desinfizieren, Füllvolumen nach Herstellerangabe beachten, denn zu wenig Blut senkt die Ausbeute
- Getrennte Punktionen: ein Erreger in mehreren Paaren spricht für Bakteriämie, ein Hautkeim in nur einer Flasche eher für Kontamination
- Katheter: bei Verdacht auf Katheterinfektion zusätzlich aus dem Katheter und peripher abnehmen
- Dokumentation: Uhrzeit, Entnahmeort und laufende Antibiotika auf dem Auftrag vermerken
Daneben gehören je nach Verdacht weitere Proben dazu: Urin, Sputum, Wundabstriche, Punktate. Auch hier gilt: vor der Antibiotikagabe, wenn es ohne Verzögerung möglich ist.
Warum beantwortet eine positive Blutkultur nur einen Teil der Frage?
Die Blutkultur sagt dir, welcher Erreger im Blut zirkuliert und welche Antibiotika wirken. Sie sagt dir nicht, woher er kommt und ob eine anatomische Ursache die Infektion unterhält. Genau hier liegt eine typische Prüfungs- und Stationsfalle.
Ein Beispiel: Eine Person hat eine Urosepsis mit E. coli in der Blutkultur. Die Antibiotikatherapie ist passend. Trotzdem bleibt sie instabil. Der Ultraschall zeigt einen Harnstau durch einen Ureterstein. Solange der infizierte Urin nicht abfließen kann, erreicht das Antibiotikum den Herd nur unzureichend, und die Infektion wird weiter unterhalten. Die Abflussbehinderung ist ein eigenständiges Problem, das dringlich entlastet werden muss, etwa durch eine Harnleiterschiene oder eine perkutane Nephrostomie.
Das gleiche Prinzip gilt für Abszesse, Empyeme, infizierte Gallenwege, infizierte Fremdkörper wie Katheter oder Prothesen und nekrotisierende Weichteilinfektionen. Im Lernheft wird dieser Gedanke als Vergleich „mikrobiologische Probe gegen Herdkontrolle“ geübt, mit dem Fall eines infizierten Harnstaus und dem Gegenfall negativer Kulturen nach Vorbehandlung.
Probefrage im Prüfungsstil
Ein 63-jähriger Mann mit Fieber, Flankenschmerz rechts und Hypotonie erhält nach Abnahme von Blutkulturen eine kalkulierte Antibiotikatherapie und Volumen. In den Blutkulturen wächst E. coli, sensibel auf das gegebene Antibiotikum. Nach zwölf Stunden ist er weiterhin hypoton und oligurisch. Die Sonografie zeigt eine deutlich gestaute rechte Niere. Was ist der nächste entscheidende Schritt?
- AAntibiotikum wechseln, da es nicht wirkt
- BWeitere Blutkulturen abwarten
- CDringliche Entlastung des Harnstaus als Herdkontrolle
- DElektive Steinentfernung nach Abklingen der Infektion als alleinige Maßnahme
- EDiuretikum zur Steigerung der Urinmenge
Lösung zeigen
Wie suchst du den Infektionsherd systematisch?
Die häufigsten Sepsisquellen sind Lunge, Harnwege, Abdomen sowie Haut und Weichteile. Hinzu kommen Fremdkörper und Katheter. Eine kurze Liste hilft dir, in der Anamnese und Untersuchung nichts zu übersehen:
- Lunge: Husten, Auswurf, Atemfrequenz, Auskultation, Thoraxröntgen
- Harnwege: Dysurie, Flankenschmerz, Urinstatus, Sonografie der Nieren auf Harnstau
- Abdomen: Schmerzlokalisation, Peritonismus, Galle und Appendix, Bildgebung
- Haut und Weichteile: den ganzen Körper anschauen, auch Rücken und Gesäß, Schmerz außer Verhältnis zum Befund beachten
- Fremdkörper: zentrale Zugänge, Ports, Blasenkatheter, Gelenkprothesen, Herzklappen
- Weitere Quellen: Meningitis bei Kopfschmerz und Bewusstseinsstörung, Endokarditis bei neuem Herzgeräusch
Gerade Punkt 4 wird in der Hektik gern vergessen. Die Exposition nach dem ABCDE-Schema gehört deshalb zur Herdsuche dazu.
Was bedeuten negative Blutkulturen?
Nicht viel, wenn das klinische Bild stimmt. Viele Sepsisfälle bleiben kulturnegativ, besonders nach antibiotischer Vorbehandlung, bei zu wenig abgenommenem Blut oder bei schwer anzüchtbaren Erregern. Ein fehlender Nachweis schließt eine Infektion nicht sicher aus. Herdsuche und Beurteilung der Organdysfunktion bleiben relevant. Umgekehrt ist ein einzelner Nachweis eines typischen Hautkeims in nur einer Flasche häufig eine Kontamination.
Wenn du die Sepsis von der Immunantwort bis zur Herdkontrolle zusammenhängend lernen willst, findest du im Lernheft Schock, Sepsis & Notfallgrundlagen die Module zu Infektion, Mustererkennung, Neutrophilen, Blutkultur und Herd sowie Kreatinin im Kontext.
Häufige Fragen
Wie viele Blutkulturen werden bei Sepsisverdacht abgenommen?
Üblich sind mindestens zwei Blutkulturpaare aus getrennten Punktionen, jeweils mit aerober und anaerober Flasche.
Dürfen Blutkulturen die Antibiotikagabe verzögern?
Nein. Kulturen werden vor der ersten Gabe abgenommen, wenn das ohne relevante Verzögerung möglich ist. Bei septischem Schock hat die frühe Therapie Vorrang.
Was versteht man unter Herdkontrolle?
Die Beseitigung oder Entlastung der Infektionsquelle, etwa die Drainage eines Abszesses, die Entfernung eines infizierten Katheters oder die Entlastung eines infizierten Harnstaus.
Schließen negative Blutkulturen eine Sepsis aus?
Nein. Besonders nach Vorbehandlung bleiben Kulturen häufig negativ. Die Diagnose stützt sich auf Infektverdacht und Organdysfunktion.
Welche Aufgaben kann ich im PJ bei Sepsis übernehmen?
Unter Anleitung Blutentnahmen und Kulturen, Zugänge, Blutgasanalyse, strukturierte Anamnese und Untersuchung zur Herdsuche, Verlaufsdokumentation und die Fallvorstellung.
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Dieser Artikel dient der Prüfungsvorbereitung und ersetzt keine ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung. Verbindlich sind die aktuellen Leitlinien (u. a. S3-Leitlinie Sepsis), die Empfehlungen der Deutschen Sepsis-Gesellschaft und die Standards deiner Klinik.

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