Applikationsweg und Bioverfügbarkeit: warum gleiche Milligramm nicht gleich wirken

Kurz gesagt: Bioverfügbarkeit ist der Anteil einer Dosis, der unverändert den systemischen Kreislauf erreicht. Intravenös gegeben liegt sie definitionsgemäß bei 100 Prozent. Bei oraler Gabe sinkt sie durch unvollständige Resorption und durch Abbau in Darmwand und Leber vor dem Kreislauf. Gemessen wird sie über das Verhältnis der Flächen unter der Konzentrations-Zeit-Kurve. Deshalb lassen sich Dosen verschiedener Applikationswege nicht einfach gleichsetzen.

  • F = AUC oral / AUC i.v.
  • Pharmakologie-Basis
  • Oral ist nicht i.v.
Lernheft Pharmakologie: Prinzipien von Medizin Helden
Lernheft Pharmakologie: PrinzipienModule zu Applikationsweg, Bioverfügbarkeit und First Pass. Zum passenden Material

Auf Station wird ein Medikament von intravenös auf oral umgestellt, und plötzlich stimmt die Wirkung nicht mehr. In der Klausur soll man berechnen, welche orale Dosis einer intravenösen entspricht. Beide Situationen haben dieselbe Grundlage: Der Applikationsweg bestimmt, wie viel Wirkstoff wie schnell im Blut ankommt. Diese Seite erklärt Bioverfügbarkeit, ihre Einflussfaktoren und die Eigenschaften der wichtigsten Applikationswege.

Was bedeutet Bioverfügbarkeit genau?

Die Bioverfügbarkeit F beschreibt zwei Dinge: das Ausmaß, also welcher Anteil der Dosis unverändert systemisch verfügbar wird, und die Geschwindigkeit, mit der das geschieht. In der Prüfung ist meist das Ausmaß gemeint. Man bestimmt es, indem man die Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve (AUC) nach oraler Gabe mit der AUC nach intravenöser Gabe derselben Dosis vergleicht. Liegt die AUC oral bei einem Drittel der intravenösen, beträgt F etwa 33 Prozent.

Wichtig ist die Abgrenzung zu zwei ähnlichen Begriffen. Resorption meint nur den Übertritt aus dem Darm in die Darmwand oder das Pfortaderblut. Ein Stoff kann fast vollständig resorbiert werden und trotzdem eine geringe Bioverfügbarkeit haben, wenn er in Darmwand und Leber stark abgebaut wird. Potenz wiederum beschreibt, welche Konzentration für eine Wirkung nötig ist. Eine niedrige Bioverfügbarkeit sagt nichts darüber, wie stark ein Wirkstoff am Ziel wirkt.

Welche Faktoren senken die orale Bioverfügbarkeit?

  • Freisetzung: Tablette muss zerfallen, der Wirkstoff sich lösen
  • Stabilität: Abbau durch Magensäure oder Verdauungsenzyme, etwa bei Peptiden wie Insulin
  • Permeabilität: geladene, sehr polare oder sehr große Moleküle passieren die Darmwand schlecht
  • Efflux: P-Glykoprotein pumpt Wirkstoffe aus den Enterozyten zurück ins Lumen
  • Präsystemischer Metabolismus: CYP3A4 in der Darmwand und Leberenzyme beim ersten Durchgang
  • Interaktionen: Komplexbildung mit Calcium, Eisen oder Antazida, Einfluss von Nahrung

Wie unterscheiden sich die Applikationswege?

Weg Bioverfügbarkeit Wirkeintritt Typischer Einsatz
Intravenös 100 Prozent per Definition Sofort Notfall, Intensivstation, Wirkstoffe ohne orale Verfügbarkeit
Oral Variabel, oft deutlich unter 100 Prozent Verzögert Dauertherapie, ambulante Behandlung
Sublingual, bukkal Umgeht den First Pass der Leber Schnell Glyceroltrinitrat beim Angina-pectoris-Anfall
Subkutan, intramuskulär Meist hoch Abhängig von Durchblutung und Formulierung Heparine, Insulin, Impfstoffe, Depotpräparate
Transdermal Gleichmäßige Aufnahme über Stunden bis Tage Langsam Opioid- und Hormonpflaster, Nikotinpflaster
Rektal Teilweise Umgehung der Pfortader, schwer vorhersagbar Mittel Kinder, Erbrechen, Fieberkrampf
Inhalativ Ziel ist hohe lokale bei geringer systemischer Exposition Schnell am Ort Asthma und COPD

Was bedeutet das für die Umstellung von i.v. auf oral?

Gleiche Milligramm bedeuten nur dann gleiche systemische Exposition, wenn die Bioverfügbarkeit beider Wege gleich ist. Bei Wirkstoffen mit hoher oraler Verfügbarkeit, etwa vielen Fluorchinolonen, Metronidazol oder Linezolid, ist eine Umstellung oft ohne große Änderung möglich. Bei Wirkstoffen mit starkem First Pass, etwa Morphin, Propranolol oder Verapamil, braucht die orale Gabe eine höhere Dosis für dieselbe Exposition. Auch der zeitliche Verlauf unterscheidet sich: Oral steigt die Konzentration langsamer an und erreicht einen niedrigeren Gipfel. Welche Dosis konkret passt, steht in der Fachinformation und wird vom Team festgelegt.

Lernheft 16

Pharmakologie: Prinzipien

64 Seiten allgemeine Pharmakologie mit 18 Modulen, Merkskizzen, Fallfragen und zwei Selbsttests.

  • Applikationsweg, Bioverfügbarkeit und First Pass
  • Verteilung, Clearance, Halbwertszeit und Steady State
  • Rezeptoren, Potenz, Wirksamkeit und Interaktionen

29,90 €

Lernheft ansehen

Dosisvergleich braucht den Applikationsweg

Eine Dosisangabe ohne Applikationsweg ist unvollständig. Beim Umstellen gelten die Angaben der Fachinformation, nicht eine einfache Milligramm-Gleichung.

Häufig gestellte Fragen

1. Warum hat intravenöse Gabe eine Bioverfügbarkeit von 100 Prozent?

Weil der Wirkstoff direkt in den systemischen Kreislauf gelangt. Es gibt keine Resorptionsbarriere und keinen präsystemischen Abbau. Die intravenöse Gabe dient deshalb als Bezugsgröße.

2. Was ist der Unterschied zwischen absoluter und relativer Bioverfügbarkeit?

Die absolute Bioverfügbarkeit vergleicht eine Darreichungsform mit der intravenösen Gabe. Die relative vergleicht zwei nicht intravenöse Formen miteinander, etwa ein Generikum mit dem Originalpräparat.

3. Warum wird Glyceroltrinitrat sublingual gegeben?

Oral würde es in der Leber großteils abgebaut. Über die Mundschleimhaut gelangt es direkt in den systemischen Kreislauf und wirkt innerhalb von Minuten.

4. Beeinflusst Nahrung die Bioverfügbarkeit?

Ja, je nach Wirkstoff. Nahrung kann Resorption verzögern, verringern oder bei lipophilen Stoffen auch verbessern. Deshalb enthalten Fachinformationen Angaben zur Einnahme mit oder ohne Mahlzeit.

Weiterlesen

Passendes Material

  • Lernheft Pharmakologie: Prinzipien

    Wenn du Kinetik und Dynamik mit Skizzen und Fallfragen verstehen willst.

    • 18 Module
    • Fallfragen mit Auflösung
    • Zwei Selbsttests

    29,90 €

    Lernheft ansehen
  • Physiologie Physikum

    Wenn du Resorption im Darm und Leberkreislauf physiologisch wiederholen willst.

    • Alle Organsysteme
    • Verdauung und Leber
    • Fürs Physikum
  • Innere Medizin Komplettkurs

    Wenn du die Prinzipien bei den großen klinischen Wirkstoffgruppen anwenden willst.

    • Über 450 Seiten
    • Alle internistischen Fächer
    • Für M2 und PJ

Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Die Inhalte dienen dem Lernen im Studium, enthalten keine Dosierungsempfehlungen und ersetzen keine Diagnose oder Behandlung. Verbindlich sind die Fachinformationen, die aktuellen Leitlinien und die Vorgaben deiner Fakultät.