Harnkonzentrierung und ADH: Markgradient und Diabetes insipidus
Kurz gesagt: Konzentrierter Urin braucht zwei Dinge gleichzeitig: einen hyperosmolaren Markgradienten als Triebkraft und wasserdurchlässige Sammelrohre. Den Gradienten bauen die Henle-Schleife und das Harnstoffrecycling auf, die Durchlässigkeit schaltet ADH über V2-Rezeptoren und Aquaporin-2 ein. Fehlt ADH, spricht man vom zentralen Diabetes insipidus, wirkt ADH an der Niere nicht, vom renalen. Beide führen zu großen Mengen verdünnten Urins.
Physikum und M2
Gradient plus Kanal
Zentral oder renal
Lernheft Niere, Nephron & RAASHenle-Schleife, Sammelrohr und ADH als eigene Module mit Fallfragen. Zum passenden Material
Die Niere kann den Urin je nach Bedarf stark verdünnen oder stark konzentrieren. Die Spanne reicht beim Gesunden von etwa 50 bis über 1000 mOsm/kg. Im Physikum werden die Mechanismen dahinter abgefragt, im klinischen Abschnitt kommen Polyurie, Durstversuch und Hyponatriämie dazu. Diese Seite verbindet beide Ebenen: erst der Mechanismus, dann die Störungen, die sich direkt aus ihm ableiten lassen.
Wie entsteht der Markgradient?
Der dicke aufsteigende Schenkel der Henle-Schleife pumpt Natriumchlorid über NKCC2 ins Interstitium, lässt aber kein Wasser folgen. Dadurch wird das Interstitium hyperosmolar und der Tubulusinhalt hypoton. Der absteigende Schenkel ist dagegen wasserdurchlässig: Wasser tritt ins hyperosmolare Mark aus, und die Flüssigkeit im Tubulus konzentriert sich auf dem Weg zur Schleifenspitze. Weil Hin- und Rückweg gegeneinander laufen, vervielfacht sich der kleine Unterschied an jeder Stelle zu einem großen Gradienten von der Rinde bis zur Papille. Das ist das Gegenstromprinzip.
Salztransport ohne Wasser: dicker aufsteigender Schenkel, Motor des Gradienten
Harnstoffrecycling: unter ADH tritt Harnstoff im inneren Mark aus dem Sammelrohr aus und trägt etwa zur Hälfte zur Osmolalität bei
Vasa recta: Haarnadelverlauf der Markgefäße, damit der Blutfluss den Gradienten nicht auswascht
Sammelrohr unter ADH: Wasser folgt dem Gradienten, der Urin wird konzentriert
Was macht ADH genau?
ADH, auch Vasopressin genannt, wird im Hypothalamus gebildet und aus dem Hypophysenhinterlappen freigesetzt, vor allem bei steigender Plasmaosmolalität und bei deutlichem Volumenmangel. In den Hauptzellen des Sammelrohrs bindet es an V2-Rezeptoren. Über cAMP und Proteinkinase A werden Vesikel mit Aquaporin-2 in die apikale Membran eingebaut. Das Sammelrohr wird wasserdurchlässig, Wasser strömt dem Gradienten folgend ins Mark und verlässt die Zelle basolateral über Aquaporin-3 und -4.
Ein Kanal erzeugt aber selbst keinen Gradienten. Ohne hyperosmolares Mark kann auch viel ADH den Urin nicht ausreichend konzentrieren. Das ist der Grund, warum Schleifendiuretika die Konzentrierungsfähigkeit beeinträchtigen und warum ein ausgewaschener Gradient bei langer Polyurie die Diagnostik erschwert.
Konstellation
Problem
Typischer Befund
Antwort auf Desmopressin
Zentraler Diabetes insipidus (Vasopressin-Mangel)
Zu wenig ADH, etwa nach Schädel-Hirn-Trauma, Operation oder bei Tumoren
Polyurie mit hypotonem Urin, Serumnatrium hochnormal bis erhöht
Konzentrierung unter Durst möglich, oft eingeschränkt durch ausgewaschenen Gradienten
SIADH
Unangemessen viel ADH
Hyponatriämie mit inadäquat konzentriertem Urin bei Euvolämie
nicht relevant, Gegenstück zum Diabetes insipidus
In der aktuellen Nomenklatur werden die beiden Formen des Diabetes insipidus zunehmend als Arginin-Vasopressin-Mangel und Arginin-Vasopressin-Resistenz bezeichnet. In Prüfungen kannst du beiden Begriffen begegnen.
Lernheft 03
Niere, Nephron & RAAS
Vom Gegenstromprinzip bis zur Hyponatriämie: Wasser und Salz als zusammenhängende Module mit Fallfragen.
Henle-Schleife mit Markgradient und Verdünnung
Sammelrohr, V2-Rezeptor und Aquaporin-2
Wasser und Natrium getrennt nach Konzentration und Volumen
Polyurie bedeutet mehr als etwa drei Liter Urin pro Tag beim Erwachsenen. Der erste Schritt ist die Unterscheidung zwischen Wasserdiurese mit hypotonem Urin und osmotischer Diurese, etwa durch Glucose bei entgleistem Diabetes mellitus oder durch Harnstoff. Erst wenn der Urin hypoton ist und eine osmotische Ursache ausgeschlossen wurde, geht es um die Frage zentral, renal oder Trinkverhalten. Dafür werden Durstversuch, Desmopressin-Test und zunehmend Copeptin als stabiler Ersatzmarker für ADH eingesetzt.
Durstversuch nur unter Aufsicht
Bei ausgeprägtem Diabetes insipidus können Betroffene im Durstversuch schnell Flüssigkeit verlieren und hypernatriäm werden. Der Test wird deshalb stationär mit engmaschigen Kontrollen von Gewicht, Natrium und Osmolalität durchgeführt.
Häufig gestellte Fragen
1. Reicht ADH allein für konzentrierten Urin?
Nein. ADH macht das Sammelrohr wasserdurchlässig, die Triebkraft liefert der hyperosmolare Markgradient. Erst beide zusammen ermöglichen eine normale Konzentrierung.
2. Welche Rolle spielt Harnstoff bei der Harnkonzentrierung?
Unter ADH tritt Harnstoff im inneren Mark aus dem Sammelrohr ins Interstitium über und trägt dort einen großen Teil zur Osmolalität bei. Bei sehr eiweißarmer Ernährung ist die Konzentrierungsfähigkeit deshalb eingeschränkt.
3. Wie unterscheidet man zentralen und renalen Diabetes insipidus?
Beim zentralen Diabetes insipidus fehlt ADH, nach Desmopressin steigt die Urinosmolalität deutlich. Beim renalen Diabetes insipidus wirkt ADH an der Niere nicht, Desmopressin bewirkt kaum einen Anstieg.
4. Warum kann Lithium einen renalen Diabetes insipidus auslösen?
Lithium reichert sich in den Hauptzellen des Sammelrohrs an und stört die Signalkette nach dem V2-Rezeptor. Aquaporin-2 wird vermindert gebildet und eingebaut, die Wasserrückresorption sinkt.
5. Warum schützen die Vasa recta den Markgradienten?
Ihr haarnadelförmiger Verlauf erlaubt einen Austausch im Gegenstrom. Gelöste Teilchen, die das Blut im aufsteigenden Teil mitnimmt, gibt es im absteigenden Teil wieder ab, sodass der Gradient nicht ausgewaschen wird.
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