Mitochondriale Vererbung: maternaler Erbgang, Heteroplasmie und Schwelleneffekt
Kurz gesagt: Mitochondriale DNA wird im klinischen Standardmodell nur von der Mutter weitergegeben, weil die Mitochondrien der Eizelle die Grundlage des Embryos bilden. Eine betroffene Mutter kann die Variante an alle Kinder weitergeben, ein betroffener Vater an keines. Weil jede Zelle viele mtDNA-Kopien besitzt, liegen veränderte und normale Kopien oft gemischt vor. Diese Heteroplasmie und ein gewebespezifischer Schwellenwert erklären, warum Geschwister sehr unterschiedlich schwer erkranken.
Nur über die Mutter
Modul 14 im Lernheft
Heteroplasmie und Schwelle
Lernheft Molekularbiologie & Genetik18 Module von der DNA bis zum genetischen Befund. Zum passenden Material
Die mitochondriale Vererbung ist der Erbgang, der sich am wenigsten an die Mendel-Regeln hält. Im Stammbaum sieht man betroffene Frauen, die die Erkrankung an Söhne und Töchter weitergeben, und betroffene Männer, deren Kinder alle gesund sind. Gleichzeitig unterscheiden sich die Verläufe innerhalb einer Familie stark. Beides lässt sich aus wenigen Grundprinzipien ableiten.
Was ist mitochondriale DNA?
Mitochondrien besitzen ein eigenes, ringförmiges Genom von rund 16.500 Basenpaaren. Es enthält 37 Gene: 13 davon codieren Untereinheiten der Atmungskette, die übrigen 24 rRNAs und tRNAs für die mitochondriale Translation. Der größte Teil der mitochondrialen Proteine wird dagegen im Zellkern codiert, im Zytoplasma gebildet und in die Mitochondrien importiert. Jede Zelle enthält je nach Gewebe hunderte bis tausende mtDNA-Kopien.
Maternale Weitergabe: die Mitochondrien des Embryos stammen aus der Eizelle
Viele Kopien pro Zelle: Grundlage für Heteroplasmie
Schwelleneffekt: Symptome erst ab einem gewissen Anteil veränderter Kopien
Gewebe mit hohem Energiebedarf: Gehirn, Skelett- und Herzmuskel, Netzhaut und Innenohr
Was bedeuten Heteroplasmie und Schwelleneffekt?
Tragen alle mtDNA-Kopien einer Zelle dieselbe Sequenz, spricht man von Homoplasmie. Liegen veränderte und normale Kopien nebeneinander vor, von Heteroplasmie. Bei der Zellteilung werden die Mitochondrien zufällig auf die Tochterzellen verteilt. So kann der Anteil veränderter Kopien von Zelle zu Zelle und von Gewebe zu Gewebe schwanken. Bei der Bildung der Eizellen kommt ein Engpass hinzu: Nur ein kleiner Teil der Kopien gelangt in jede Eizelle, wodurch sich die Anteile zwischen Geschwistern stark unterscheiden können.
Erst wenn der Anteil veränderter Kopien in einem Gewebe eine Schwelle überschreitet, reicht die Energieproduktion nicht mehr aus, und Symptome treten auf. Gewebe mit hohem Energiebedarf erreichen diese Schwelle zuerst.
Merkmal
Nukleäre Vererbung
Mitochondriale Vererbung
Herkunft
Je ein Allel von beiden Eltern
Im Standardmodell nur von der Mutter
Kopien pro Zelle
Zwei (autosomal)
Hunderte bis tausende
Verteilung bei Teilung
Geordnet über Mitose und Meiose
Zufällig, Anteile können sich verschieben
Risiko für Kinder eines betroffenen Vaters
Je nach Erbgang
Im Standardmodell keins
Schweregrad in Familien
Je nach Penetranz und Expressivität
Sehr variabel durch Heteroplasmie
Welche mitochondrialen Erkrankungen kommen in Prüfungen vor?
Die Lebersche hereditäre Optikusneuropathie, kurz LHON, führt meist bei jungen Männern zu einem beidseitigen, nacheinander auftretenden Sehverlust. Das MELAS-Syndrom verbindet mitochondriale Enzephalomyopathie, Laktatazidose und schlaganfallähnliche Episoden. Beim MERRF-Syndrom stehen Myoklonusepilepsie und sogenannte ragged red fibers in der Muskelbiopsie im Vordergrund. Gemeinsame Hinweise sind eine Kombination aus Muskel-, Nerven- und Sinnesorgansymptomen und ein erhöhtes Laktat.
Häufige Verwechslung
Nicht jede mitochondriale Erkrankung wird maternal vererbt. Viele Atmungskettendefekte beruhen auf Varianten in nukleären Genen und folgen dann einem autosomalen oder X-chromosomalen Erbgang.
Wie lernst du den Erbgang für den Stammbaum?
Merk dir eine einzige Prüfregel: Gibt ein betroffener Mann die Erkrankung an ein Kind weiter, ist mitochondriale Vererbung im Standardmodell ausgeschlossen. Gibt eine betroffene Frau sie an Söhne und Töchter weiter, während die Kinder betroffener Männer gesund bleiben, spricht das für den mitochondrialen Erbgang. Unterschiedliche Schweregrade bei Geschwistern sind kein Widerspruch, sondern ein Zeichen der Heteroplasmie.
Lernheft 13
Molekularbiologie & Genetik
Vom Mendel-Schema bis zur mitochondrialen Vererbung, jedes Modul mit Fallfrage, Auflösung und Abrufcheck.
1. Warum wird mitochondriale DNA nur von der Mutter vererbt?
Die Mitochondrien des Embryos stammen aus der Eizelle. Väterliche Mitochondrien aus dem Spermium werden nach der Befruchtung im Regelfall abgebaut.
2. Was ist Heteroplasmie?
Das Nebeneinander von veränderter und normaler mitochondrialer DNA in einer Zelle oder einem Gewebe. Der Anteil kann zwischen Geweben und Personen schwanken.
3. Warum können Geschwister unterschiedlich schwer betroffen sein?
Weil der Anteil veränderter mtDNA bei der Bildung der Eizellen zufällig verteilt wird und sich auch zwischen den Geweben unterscheidet.
4. Welche Gewebe sind bei mitochondrialen Erkrankungen typischerweise betroffen?
Gewebe mit hohem Energiebedarf, vor allem Gehirn, Skelett- und Herzmuskulatur, Netzhaut und Innenohr.
5. Sind alle mitochondrialen Erkrankungen maternal vererbt?
Nein. Viele beruhen auf Varianten in Kerngenen für mitochondriale Proteine und folgen dann autosomalen oder X-chromosomalen Erbgängen.
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