Peripheren Nervenbefund dokumentieren: Kraftgrade, Sensibilität, Reflexe

Kurz gesagt: Ein guter peripherer Nervenbefund beschreibt zuerst, was du beobachtet hast, und interpretiert erst danach. Kraft wird pro Muskel mit Kraftgrad von 0 bis 5 notiert, Sensibilität mit Modalität und genauem Areal, Reflexe im Seitenvergleich, dazu Trophik und zeitlicher Verlauf. „Nerv kaputt“ oder „Radialisparese“ allein lässt Ort, Ausmaß und Unsicherheit offen.

  • Blockpraktikum, Famulatur, PJ
  • Kraftgrade 0 bis 5
  • Erst beschreiben, dann deuten
Lernheft Plexus und periphere Nerven von Medizin Helden
Plexus & periphere NervenMit Abschlussmodul zur Befunddokumentation. Zum passenden Material

In der Famulatur und im PJ schreibst du Befunde, die andere lesen und mit denen sie weiterarbeiten: die Oberarzt-Visite, der Konsiliardienst, die Physiotherapie, die Nachuntersuchung in drei Wochen. Ein peripherer Nervenbefund ist nur dann nützlich, wenn jemand anderes ihn nachvollziehen und mit einem späteren Befund vergleichen kann. Diese Seite zeigt dir die Bausteine und ein Beispiel, wie ein solcher Befund aussieht.

Welche Bausteine gehören in den Befund?

  • Kraft: jeden geprüften Muskel oder jede Bewegung einzeln benennen und graduieren
  • Sensibilität: Modalität und Gebiet beschreiben, etwa Berührung vermindert am Kleinfinger palmar und dorsal
  • Reflexe: jeden Reflex beidseits mit Bewertung
  • Trophik: Atrophie, Faszikulationen, Haut- und Schweißveränderungen
  • Verlauf: Beginn, Dynamik, auslösendes Ereignis, Schmerz

Wie graduierst du die Kraft?

Kraftgrad Beobachtung
0 Keine sicht- oder tastbare Muskelkontraktion
1 Sicht- oder tastbare Kontraktion ohne Bewegungseffekt
2 Bewegung unter Aufhebung der Schwerkraft möglich
3 Bewegung gegen die Schwerkraft über das volle Bewegungsausmaß
4 Bewegung gegen leichten bis mäßigen Widerstand
5 Normale Kraft

Die Skala geht auf den britischen Medical Research Council zurück und wird in Deutschland in der Regel so verwendet. Zwischenstufen wie 4- oder 4+ sind verbreitet, sollten aber einheitlich benutzt werden. Schmerz kann die Kraftprüfung begrenzen. Notiere in diesem Fall, dass die Prüfung schmerzlimitiert war, statt einen niedrigen Kraftgrad zu vergeben.

Wie beschreibst du Sensibilität und Reflexe?

Bei der Sensibilität nennst du die geprüfte Qualität, etwa Berührung, Schmerz, Temperatur oder Vibration, und das betroffene Gebiet möglichst genau, am besten mit anatomischen Landmarken. Unterscheide eine Minderung von einem Ausfall und von Missempfindungen wie Kribbeln oder Brennen. Bei den Reflexen notierst du beide Seiten, zum Beispiel: Bizepssehnenreflex rechts abgeschwächt, links mittellebhaft. Ein fehlender Reflex sollte erst nach Bahnung, etwa durch kräftiges Zusammenhaken der Hände, als ausgefallen dokumentiert werden.

Wie sieht ein vollständiger Befund aus?

Ein Beispiel nach Humerusschaftfraktur rechts: Kraft der Handgelenkstreckung rechts 2/5, Fingerstreckung in den Grundgelenken rechts 1/5, Ellenbogenstreckung rechts 5/5, Ellenbogenbeugung in Mittelstellung rechts 3/5. Berührungsempfinden am Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger rechts vermindert. Trizepssehnenreflex seitengleich, Brachioradialisreflex rechts abgeschwächt. Keine Atrophie. Beginn unmittelbar nach dem Unfall. Beurteilung: am ehesten Läsion des N. radialis rechts in Höhe des Humerusschafts. Eine ergänzende Elektrophysiologie kann die Einordnung stützen.

So wird sichtbar, was geprüft wurde, wie ausgeprägt die Ausfälle sind und worauf die Interpretation beruht. Wer später nachuntersucht, kann jeden einzelnen Wert vergleichen.

Beschreibung vor Diagnose

Ein Befund sollte überprüfbar formuliert sein. Trenne in der Akte immer das Beobachtete von deiner Interpretation und kennzeichne Unsicherheit ausdrücklich, etwa mit „am ehesten“ oder „DD“.

Welche Rolle spielt die Elektrophysiologie?

Neurographie und Elektromyographie ergänzen den klinischen Befund. Sie können zeigen, ob eine Läsion vor oder hinter dem Spinalganglion liegt, ob eher die Markscheide oder das Axon betroffen ist und welche Muskeln beteiligt sind. Zeichen einer Denervierung im Muskel treten erst einige Wochen nach der Schädigung auf. Eine sehr frühe Untersuchung kann daher unauffällig sein, obwohl die Läsion klinisch eindeutig ist.

Lernheft 08

Plexus & periphere Nerven

17 Module zu Wurzel, Plexus und Nerven und ein Abschlussmodul, das zeigt, wie du den Befund am Ende formulierst.

  • Kraft, Sensibilität, Reflexe und Verlauf als Bausteine
  • Fallfrage zur Unterscheidung von Beschreibung und Diagnose
  • Zwei gemischte Selbsttests mit Lösungsschlüssel

29,90 €

Lernheft ansehen

Häufig gestellte Fragen

1. Warum nicht einfach „Nerv kaputt“ dokumentieren?

Weil Ort, Ausmaß, betroffene Modalitäten und Unsicherheit sonst unklar bleiben. Ein späterer Vergleich ist dann nicht möglich.

2. Was bedeutet Kraftgrad 3?

Die Bewegung gelingt über das volle Ausmaß gegen die Schwerkraft, aber nicht gegen zusätzlichen Widerstand.

3. Wie dokumentiere ich einen schmerzbedingt eingeschränkten Befund?

Mit dem Hinweis, dass die Prüfung schmerzlimitiert war. So wird keine falsche Parese dokumentiert.

4. Wann ist eine Elektrophysiologie sinnvoll?

Wenn die klinische Einordnung unsicher ist, zur Bestimmung von Läsionsort und Schweregrad und im Verlauf. Denervierungszeichen zeigen sich erst nach einigen Wochen.

5. Gehört die Trophik in jeden Befund?

Ja. Atrophie und Faszikulationen geben Hinweise auf Dauer und Art der Schädigung und sollten bei jeder peripheren Läsion beschrieben werden.

Weiterlesen

Passendes Material

  • Plexus & periphere Nerven

    Wenn du periphere Befunde sicher erheben und formulieren willst.

    • 18 Module mit Fallfragen
    • Bildatlas und Selbsttests
    • 64 Seiten PDF

    29,90 €

    Lernheft ansehen
  • Neurologie-Fallvignetten

    Wenn du Fälle bis zur strukturierten Übergabe üben willst.

    • 12 klinische Fälle
    • Lösungen
    • ISBAR-Übergabe
  • Neurologie Klinikkurs

    Wenn du neurologische Befunde in der Klinik einordnen willst.

    • Klinikkurs für M2
    • Lokalisation und Leitsymptome
    • Für Famulatur und PJ

Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Die Inhalte dienen dem Lernen und ersetzen keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.