Sphärozyten oder Fragmentozyten? Den Blutausstrich gezielt lesen
Kurz gesagt: Fragmentozyten sind unregelmäßige Bruchstücke von Erythrozyten, die durch mechanische Scherkräfte entstehen. Zusammen mit Thrombozytopenie und Hämolyse weisen sie auf eine thrombotische Mikroangiopathie hin, einen zeitkritischen Befund. Sphärozyten sind kleine, runde, dichte Zellen ohne zentrale Aufhellung. Sie entstehen durch Membranverlust, zum Beispiel bei hereditärer Sphärozytose oder autoimmunhämolytischer Anämie. Beide Formen zeigen ein Muster, die Ursache braucht weitere Abklärung.
M2 und Labor
Form verrät Mechanismus
Lernheft Modul 15
Lernheft Anämien & Blutbild18 Module mit Fallfragen, Bildtafeln und Selbsttests. Zum passenden Material
Der Blutausstrich ist im Zeitalter der Analyseautomaten nicht überflüssig geworden. Er zeigt Dinge, die kein Messwert erfasst: Zellformen, Einschlüsse, Fragmente. Im M2 kommen Ausstrichbefunde regelmäßig vor, oft als Textbeschreibung im Fall, manchmal als Bild. Wer die wichtigsten Formen einem Mechanismus zuordnen kann, gewinnt in solchen Fragen den entscheidenden Hinweis.
Wie entstehen Fragmentozyten?
Fragmentozyten, auch Schistozyten genannt, entstehen, wenn Erythrozyten an Fibrinfäden oder Thromben in kleinen Gefäßen zerschnitten werden oder an künstlichen Oberflächen wie mechanischen Herzklappen zerbrechen. Typisch sind Helmzellen, Dreiecksformen und kleine Bruchstücke. Ein Anteil über etwa 1 % gilt als bedeutsam. Die Merkkette im Lernheft: mechanische Scherkräfte, Erythrozyten fragmentiert, Fragmentozyten.
Klinisch entscheidend ist die Kombination. Fragmentozyten, Thrombozytopenie und Zeichen der Hämolyse ergeben das Bild der thrombotischen Mikroangiopathie. Dazu gehören die thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP) mit schwerem Mangel der Protease ADAMTS13, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), oft nach Infektion mit Shigatoxin-bildenden E. coli, sowie Formen bei maligner Hypertonie, HELLP-Syndrom oder bestimmten Medikamenten. Auch die disseminierte intravasale Gerinnung kann Fragmentozyten erzeugen.
Wie entstehen Sphärozyten?
Ein normaler Erythrozyt hat mehr Membran, als er für sein Volumen braucht, daher die bikonkave Form mit zentraler Aufhellung. Verliert er Membran, wird er kugelig, kleiner im Durchmesser und dichter. Bei der hereditären Sphärozytose fehlen Gerüstproteine wie Spektrin, Ankyrin oder Bande 3. Bei der Wärmeautoimmunhämolyse knabbern Makrophagen der Milz antikörperbeladene Membranstücke ab. Sphärozyten sind weniger verformbar und bleiben in der Milz hängen. Im Blutbild ist die MCHC oft erhöht.
Welche anderen Zellformen solltest du kennen?
Befund im Ausstrich
Aussehen
Typische Zuordnung
Targetzellen
Schießscheibenform mit zentralem Hämoglobinfleck
Thalassämie, Lebererkrankung, nach Splenektomie
Tränenzellen (Dakryozyten)
Tropfenform
Myelofibrose, Knochenmarkinfiltration
Sichelzellen
Halbmondform
Sichelzellkrankheit
Heinz-Innenkörper, Bisszellen
Denaturiertes Hämoglobin, ausgestanzte Zellränder
G6PD-Mangel unter oxidativem Stress
Howell-Jolly-Körperchen
Kleine Kernreste
Asplenie oder funktionelle Asplenie
Basophile Tüpfelung
Feine blaue Punkte
Bleivergiftung, Thalassämie
Geldrollenbildung
Gestapelte Erythrozyten
Vermehrte Plasmaproteine, z. B. multiples Myelom
Hypersegmentierte Neutrophile
Sechs oder mehr Kernsegmente
Vitamin-B12- oder Folatmangel
Vorklinik bis Klinik
Lernheft Anämien & Blutbild
Ausstrich, Hämolyse und das histologische Vorgehen vom Überblick zum Detail als Module mit Fallfragen.
Fragmentozyten gegen Sphärozyten mit Gegenfall
Vom Überblick zum Detail als Grundlagenmodul
64 Seiten PDF mit Selbsttests und Lösungsschlüssel
Beginne bei geringer Vergrößerung und suche die Zone, in der die Zellen nebeneinander liegen und sich nicht überlappen. Erst dann vergrößerst du und beurteilst Form, Farbe und Einschlüsse. Am dicken Ende liegen Zellen gestapelt und können Geldrollen vortäuschen, am dünnen Ende werden sie flachgedrückt und verlieren die Aufhellung, was Sphärozyten vortäuscht. Dasselbe Prinzip gilt in der Histologie: erst die Architektur, dann die Einzelzelle.
Häufig gestellte Fragen
1. Ab welchem Anteil sind Fragmentozyten bedeutsam?
Ein Anteil über etwa 1 % der Erythrozyten gilt als deutlicher Hinweis auf eine mikroangiopathische Hämolyse, wenn die klinische Konstellation passt.
2. Woran erkennt man Sphärozyten?
An kleinen, runden, dicht gefärbten Zellen ohne zentrale Aufhellung. Sie sind im Ausstrich kleiner als normale Erythrozyten.
3. Beweisen Sphärozyten eine hereditäre Sphärozytose?
Nein. Sie kommen auch bei Wärmeautoimmunhämolyse vor. Der direkte Coombs-Test und die Familienanamnese helfen bei der Unterscheidung.
4. Warum ist die TTP ein Notfall?
Mikrothromben können Gehirn, Herz und Niere schädigen. Ohne rasche Therapie mit Plasmaaustausch ist die Sterblichkeit hoch.
5. Was bedeuten Howell-Jolly-Körperchen?
Sie sind Kernreste, die normalerweise in der Milz entfernt werden. Ihr Nachweis spricht für eine fehlende oder funktionsuntaugliche Milz.
Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Die Inhalte dienen dem Lernen im Studium und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Verbindlich sind die aktuellen Leitlinien, die Veröffentlichungen des IMPP und die Auskünfte deiner Fakultät.