Kurz gesagt: Ein Hirnnervenstatus prüft jeden Nerv mit einer kurzen, gezielten Aufgabe und vergleicht immer beide Seiten. Du gehst von I bis XII in fester Reihenfolge vor, beobachtest erst in Ruhe und prüfst dann die Funktion. Dokumentiert wird nur, was du tatsächlich geprüft hast. „HN o. B.“ ist nur dann ein Befund, wenn dahinter eine vollständige Untersuchung steht.
In der ersten Neurologie-Famulatur oder im Blockpraktikum wird der Hirnnervenstatus schnell zur Routine, die man von anderen abschaut. Genau dabei schleichen sich Fehler ein: Die Pupille wird nur mit Raumlicht beurteilt, der Riechtest wird ausgelassen, die Zunge wird nur in Ruhe angesehen. Dieser Artikel zeigt dir einen Ablauf, der in wenigen Minuten machbar ist, und erklärt zu jeder Prüfung, was sie eigentlich aussagt.
Warum lohnt sich eine feste Reihenfolge?
Eine feste Reihenfolge verhindert, dass Nerven vergessen werden, und sie macht deinen Befund für andere nachvollziehbar. Bewährt hat sich, vom Kopf nach unten zu arbeiten: erst Riechen und Sehen, dann Pupillen und Augenbewegungen, danach Gesicht, Ohr, Rachen, Schulter und Zunge. Vor jeder Prüfung erklärst du kurz, was du machen wirst. Das erhöht die Mitarbeit und reduziert Fehler durch Missverständnisse.
Wichtig ist außerdem der Seitenvergleich. Fast jede Hirnnervenfunktion ist paarig angelegt, und viele Befunde werden erst durch die Differenz zur Gegenseite sichtbar: ein schwächerer Lidschluss, ein verstrichener Mundwinkel, eine schwächere Schulterhebung.
Welche Prüfung gehört zu welchem Nerv?
| Nerv | Basisprüfung | Worauf du achtest |
|---|---|---|
| I Olfactorius | Vertraute, nicht stechende Gerüche, jede Nasenseite einzeln | Keine reizenden Stoffe wie Ammoniak, die zusätzlich den Trigeminus erregen |
| II Opticus | Visus, Fingerperimetrie, Pupillenreaktion | Visus und Gesichtsfeld getrennt prüfen, beide Augen einzeln |
| III, IV, VI | Lidstellung, Folgebewegungen in alle Richtungen, Konvergenz | Doppelbilder erfragen, beide Augen gleichzeitig beobachten, Nystagmus notieren |
| V Trigeminus | Berührung in V1, V2, V3 im Seitenvergleich, Kaumuskeln tasten | V3 führt auch motorische Fasern für die Kaumuskulatur |
| VII Facialis | Stirnrunzeln, Augen fest schließen, Zähne zeigen, Backen aufblasen | Stirnbeteiligung und Lidschluss getrennt bewerten |
| VIII Vestibulocochlearis | Fingerreiben, Weber und Rinne, Nystagmus beobachten | Stimmgabeltests geben Hinweise, ersetzen keine Audiometrie |
| IX und X | Gaumensegel beim „Ah“, Stimme, Schlucken | Die Uvula weicht bei einseitiger Parese zur gesunden Seite ab |
| XI Accessorius | Schulterhebung und Kopfwendung gegen Widerstand | Kopfwendung nach links prüft den rechten M. sternocleidomastoideus |
| XII Hypoglossus | Zunge in Ruhe, herausstrecken, seitlich bewegen | Atrophie, Faszikulationen, Abweichen zur Seite der peripheren Läsion |
Wie prüfst du Augen, Pupillen und Gesicht ohne typische Fehler?
Für die Pupillen brauchst du eine Lampe und einen etwas abgedunkelten Raum. Du beurteilst zuerst Größe und Form im Seitenvergleich, dann die direkte Lichtreaktion am beleuchteten Auge und die konsensuelle Reaktion am anderen Auge. Erinnere dich an den Reflexbogen: Der afferente Schenkel verläuft über II, die Verschaltung im Prätektum ist beidseitig, der efferente Schenkel läuft über III. Lichtreflex und Sehschärfe sind zwei verschiedene Prüfungen.
Bei den Augenbewegungen lässt du einen Finger in Form eines H oder eines Sterns verfolgen, ohne dass der Kopf mitgeht. Halte in den Endstellungen kurz an und frage nach Doppelbildern. Am Gesicht prüfst du die Sensibilität in allen drei Trigeminusästen und die Mimik in drei Etagen. Den Kornealreflex prüfst du nur, wenn es klinisch nötig ist und du ihn sicher und schonend durchführen kannst. In der Famulatur sprichst du das vorher mit der Betreuung ab.
Probefrage im Prüfungsstil
Bei einer Patientin wird der Kornealreflex geprüft. Berührung der rechten Hornhaut löst an keinem Auge einen Lidschluss aus. Berührung der linken Hornhaut führt zu einem kräftigen Lidschluss an beiden Augen. Die Mimik ist seitengleich. Wo liegt die Störung am ehesten?
- ARechter N. facialis
- BLinker N. facialis
- CRechter N. ophthalmicus (V1)
- DLinker N. ophthalmicus (V1)
- ERechter N. oculomotorius
Lösung zeigen
Wie prüfst du Ohr, Rachen, Schulter und Zunge?
Für das Gehör reicht als Screening Fingerreiben vor beiden Ohren. Bei Auffälligkeit folgen Weber und Rinne. Beim Weber-Versuch steht die Stimmgabel auf dem Scheitel. Bei einer Schallleitungsstörung hört die Person den Ton im kranken Ohr lauter, bei einer Schallempfindungsstörung im gesunden. Der Rinne-Versuch vergleicht Luft- und Knochenleitung auf einer Seite. Denk daran, dass eine Hörstörung auch bei intaktem VIII entstehen kann, etwa durch Cerumen oder einen Paukenerguss.
Am Rachen lässt du „Ah“ sagen und beobachtest, ob sich das Gaumensegel symmetrisch hebt. Hör auf Heiserkeit und frag nach Verschlucken. Schlucken ist kein Test eines einzelnen Nervs, weil IX, X, XII und zentrale Programme zusammenwirken. Danach prüfst du XI mit Schulterhebung gegen Widerstand und Kopfwendung. Bei der Zunge schaust du erst in Ruhe nach Atrophie und Faszikulationen, dann beim Herausstrecken und bei Seitwärtsbewegungen.
Wie dokumentierst du einen Hirnnervenstatus?
Gute Dokumentation ist kurz, aber prüfbar. Statt „HN unauffällig“ schreibst du, was du gemacht hast: Pupillen isokor, direkte und konsensuelle Lichtreaktion beidseits prompt, Okulomotorik frei, keine Doppelbilder, kein Nystagmus, Gesichtssensibilität in V1 bis V3 seitengleich, Mimik seitengleich, Gaumensegel symmetrisch, Zunge mittig. Was nicht geprüft wurde, etwa der Riechtest, wird auch so benannt.
Bei auffälligem Befund beschreibst du zuerst das Beobachtete und erst dann deine Interpretation. Mehrere benachbarte Ausfälle sind ein Hinweis auf einen gemeinsamen Ort, zum Beispiel im Hirnstamm. Kommen Lähmungen an Arm oder Bein dazu, gewinnt diese Vermutung an Gewicht.
Den kompletten Ablauf mit 18 Modulen, Fallfragen und einem Abschlussmodul zur Befundsynthese findest du im Lernheft Die zwölf Hirnnerven. Es eignet sich gut, um die Untersuchung vor dem ersten Stationstag einmal am Papier durchzugehen.
Häufige Fragen
Wie lange dauert ein Hirnnervenstatus?
Mit etwas Übung dauert eine orientierende Untersuchung drei bis fünf Minuten. Bei auffälligem Befund wird gezielt erweitert, etwa mit Gesichtsfeldprüfung, Stimmgabeltests oder genauer Blickprüfung.
Muss ich in der Famulatur den Riechtest machen?
In der Routine wird er oft ausgelassen. Wenn du ihn nicht prüfst, dokumentierst du das ehrlich. Bei Verdacht auf frontobasale Prozesse, nach Schädel-Hirn-Trauma oder bei neurodegenerativen Fragestellungen gehört er dazu.
Warum soll man beide Augen bei der Blickprüfung gleichzeitig beobachten?
So unterscheidest du, ob nur ein Auge zurückbleibt, wie bei einer Hirnnervenparese, oder ob sich beide Augen gemeinsam schlecht in eine Richtung bewegen, wie bei einer Blickparese.
Wohin weicht die Zunge bei einer Hypoglossusläsion ab?
Bei einer einseitigen peripheren Läsion weicht die herausgestreckte Zunge zur kranken Seite ab, weil der gesunde M. genioglossus die Zunge zur Gegenseite schiebt. Langfristig kann die betroffene Seite atrophieren.
Was bedeutet „HN o. B.“ in der Akte?
Die Abkürzung steht für Hirnnerven ohne Befund. Sie ist nur dann aussagekräftig, wenn die einzelnen Prüfungen tatsächlich durchgeführt wurden. Besser ist eine kurze Aufzählung der geprüften Funktionen.
Weiterlesen
Riechprüfung, Visus und Gesichtsfeld: I und II richtig untersuchen
Kornealreflex und Trigeminus: V1, V2, V3 und der Reflexbogen
Hörstörung und Schwindel: den VIII. Hirnnerv richtig zuordnen
Mehrere Hirnnerven ausgefallen: Läsionsort eingrenzen
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Dieser Artikel dient dem Lernen im Medizinstudium und ersetzt keine Anleitung durch deine Betreuung auf Station. Untersuchungen am Patienten führst du nur im Rahmen deiner Ausbildung und unter Aufsicht durch. Stand: November 2026.

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