Riechprüfung, Visus und Gesichtsfeld: I und II richtig untersuchen
Kurz gesagt: Den N. olfactorius prüfst du mit vertrauten, nicht stechenden Gerüchen, jede Nasenseite einzeln. Ammoniak oder Essig sind ungeeignet, weil sie zusätzlich den Trigeminus reizen. Beim N. opticus untersuchst du Sehschärfe, Gesichtsfeld und Pupillenreaktion getrennt. Ein normaler Visus schließt einen Gesichtsfeldausfall nicht aus, und das Muster des Ausfalls zeigt, ob die Läsion vor, im oder hinter dem Chiasma liegt.
Die ersten beiden Hirnnerven werden in der Routineuntersuchung am häufigsten verkürzt. Der Riechtest wird ausgelassen, das Sehen mit einem kurzen „Sehen Sie mich?“ abgehakt. Dabei geben gerade I und II wichtige Hinweise auf Prozesse an der vorderen Schädelbasis, an der Hypophyse und in der Sehbahn. Diese Seite zeigt dir, wie du beide Nerven sauber prüfst und die Befunde einordnest.
Wie prüfst du den N. olfactorius?
Die Riechzellen liegen im Dach der Nasenhöhle. Ihre Fortsätze ziehen als Fila olfactoria durch die Lamina cribrosa des Siebbeins zum Bulbus olfactorius, wo die erste Verarbeitung stattfindet. Von dort laufen die Signale über den Tractus olfactorius zu den Riechrindenarealen.
Vorbereitung: Nasenatmung prüfen, sichtbare lokale Ursachen ausschließen
Durchführung: ein Nasenloch zuhalten, Augen geschlossen, vertraute Duftstoffe wie Kaffee oder Vanille
Seitenvergleich: jede Seite einzeln, mehrere Proben
Vermeiden: stechende Stoffe, die über den Trigeminus wahrgenommen werden
Riechstörungen entstehen häufig peripher, etwa durch Schnupfen, Polypen oder nach Virusinfekten. Vor einer zentralen Diagnose prüfst du deshalb lokale Ursachen. Nach einem Schädel-Hirn-Trauma können die Fila an der Lamina cribrosa abreißen. Ein einseitiger Riechverlust kann auf eine Raumforderung an der vorderen Schädelbasis hinweisen, und Riechstörungen kommen früh bei manchen neurodegenerativen Erkrankungen vor.
Was prüfst du beim N. opticus?
Der Sehnerv führt die Signale der Netzhaut zum Chiasma opticum, wo sich die Fasern der nasalen Netzhauthälften kreuzen. Danach verlaufen die Fasern als Tractus opticus zum Corpus geniculatum laterale und über die Sehstrahlung zur Sehrinde im Okzipitallappen. Drei Prüfungen erfassen unterschiedliche Aspekte: Der Visus prüft die zentrale Sehschärfe, das Gesichtsfeld die räumliche Ausdehnung, die Pupillenreaktion den afferenten Reflexschenkel. Dazu kommt die Spiegelung des Augenhintergrunds, etwa bei Verdacht auf Stauungspapille.
Welcher Gesichtsfeldausfall passt zu welchem Ort?
Läsionsort
Gesichtsfeldausfall
Typisches Beispiel
Netzhaut oder N. opticus
Nur ein Auge betroffen
Entzündung des Sehnervs, Gefäßverschluss
Chiasma opticum
Bitemporale Hemianopsie
Hypophysentumor, der von unten drückt
Tractus opticus
Homonyme Hemianopsie zur Gegenseite
Raumforderung oder Ischämie
Sehstrahlung im Temporallappen
Homonyme obere Quadrantenanopsie zur Gegenseite
Temporallappenläsion
Sehrinde
Homonyme Hemianopsie zur Gegenseite, oft mit Aussparung der Makula
Infarkt im Versorgungsgebiet der A. cerebri posterior
Wie führst du die Fingerperimetrie durch?
Setz dich der Person auf Augenhöhe gegenüber, etwa eine Armlänge entfernt. Sie deckt ein Auge ab und fixiert dein gegenüberliegendes Auge. Du führst einen bewegten Finger aus allen vier Quadranten von außen nach innen und fragst, ab wann er gesehen wird. Dein eigenes Gesichtsfeld dient als Vergleich. Danach folgt das andere Auge. Die Methode ist grob, deckt aber größere Ausfälle wie eine Hemianopsie zuverlässig auf. Feinere Ausfälle erfordert eine apparative Perimetrie.
Plötzlicher Sehverlust
Ein plötzlicher ein- oder beidseitiger Sehverlust oder ein neuer Gesichtsfeldausfall ist ein Notfall und wird sofort augenärztlich oder neurologisch abgeklärt.
Lernheft 07
Die zwölf Hirnnerven
Die speziellen Sinne I und II als Einstieg, danach Augenmotorik und Pupillenreflex, alles mit Fallfragen.
Riechen: Riechepithel, Fila, Bulbus und Kortex
Sehen: Retina, Optikus, Chiasma und zentrale Bahnen
Fallfragen zu Ammoniak und Visus gegenüber Gesichtsfeld
Ammoniak reizt zusätzlich trigeminale sensible Fasern in der Nasenschleimhaut. Die Person nimmt den Reiz dann auch ohne funktionierenden Riechnerv wahr.
2. Kann ein normaler Visus einen Gesichtsfeldausfall ausschließen?
Nein. Visus und Gesichtsfeld prüfen unterschiedliche Funktionen und müssen getrennt untersucht werden.
3. Was ist eine bitemporale Hemianopsie?
Der Ausfall beider äußerer Gesichtsfeldhälften. Sie entsteht typischerweise bei einer Läsion im Chiasma opticum, etwa durch einen Hypophysentumor.
4. Welche Ursachen hat eine Riechstörung?
Häufig lokale Ursachen wie Schnupfen oder Polypen, außerdem Virusinfekte, Schädel-Hirn-Trauma, Raumforderungen an der vorderen Schädelbasis und neurodegenerative Erkrankungen.
5. Ist jede Sehbeschwerde eine Optikusläsion?
Nein. Sehbeschwerden können von Hornhaut, Linse, Netzhaut, Sehbahn oder Augenmotorik ausgehen. Die Prüfung trennt diese Ebenen.
Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Die Inhalte dienen dem Lernen und ersetzen keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.