Mehrere Hirnnerven ausgefallen: Läsionsort im Hirnstamm und an der Schädelbasis eingrenzen
Kurz gesagt: Fallen mehrere benachbarte Hirnnerven aus, suchst du die Struktur, an der sie gemeinsam verlaufen. Liegt die Läsion im Hirnstamm, kommt oft eine Lähmung oder Gefühlsstörung der Gegenseite am Körper hinzu, weil die langen Bahnen mitbetroffen sind. Liegt sie außerhalb, etwa im Kleinhirnbrückenwinkel, im Sinus cavernosus oder am Foramen jugulare, bleiben die Körperbahnen meist frei.
Einzelne Hirnnervenausfälle zu erkennen ist der erste Schritt. In der Klinik und in Fallfragen des M2 kommt es aber darauf an, mehrere Befunde zu einem Ort zusammenzuführen. Dabei helfen drei Fragen: Welche Nerven sind betroffen, auf welcher Seite, und gibt es Zeichen an Arm oder Bein? Diese Seite zeigt dir das Vorgehen und die Muster, die du kennen solltest.
Wo liegen die Hirnnervenkerne?
Mittelhirn: Kerne von III und IV
Pons: motorischer und Hauptkern von V, Kerne von VI und VII, Kerne von VIII an der Grenze zur Medulla
Medulla oblongata: Kerne von IX, X und XII sowie Anteile von V und XI
Lange Bahnen: Pyramidenbahn ventral, sensible Bahnen seitlich und medial durch alle Etagen
Die Pyramidenbahn kreuzt erst in der kaudalen Medulla. Eine Läsion oberhalb dieser Kreuzung lähmt deshalb die Gegenseite des Körpers, während der Hirnnerv auf der Seite der Läsion ausfällt. Daraus entsteht das typische gekreuzte Muster der Hirnstammsyndrome.
Welche Muster weisen auf welchen Ort?
Ort
Hirnnerven
Zusätzliche Befunde
Ventrales Mittelhirn
III auf der Seite der Läsion
Halbseitenlähmung der Gegenseite
Ventrale Pons
VI und oft VII auf der Seite der Läsion
Halbseitenlähmung der Gegenseite
Dorsolaterale Medulla
V (Schmerz und Temperatur im Gesicht), IX und X auf der Seite der Läsion
Horner-Syndrom und Ataxie auf derselben Seite, Schmerz- und Temperaturstörung am Körper der Gegenseite, meist keine Lähmung
Schluckstörung, Heiserkeit, Schulterschwäche, keine Paresen am Körper
Die Namen der Hirnstammsyndrome werden im M2 gelegentlich abgefragt, wichtiger ist aber, das Muster aus der Anatomie herzuleiten. Das bekannteste ist das Wallenberg-Syndrom der dorsolateralen Medulla, meist durch einen Verschluss der A. vertebralis oder der A. cerebelli inferior posterior.
Wie gehst du am Krankenbett vor?
Beginne mit dem Symptom, das zur Vorstellung geführt hat, und prüfe dann gezielt die Funktionen, die dazu passen. Ein Normalbefund setzt voraus, dass du die Prüfung tatsächlich durchgeführt hast. Notiere jeden Ausfall mit Seite und schau dann, welche Nerven in der Nachbarschaft liegen. Untersuche anschließend Kraft, Reflexe und Sensibilität an Armen und Beinen. Erst die Kombination aus Hirnnervenzeichen und Körperbefund entscheidet, ob du den Ort im Hirnstamm oder außerhalb suchst. Zeitlicher Verlauf und Begleitzeichen bestimmen danach die Dringlichkeit: Ein plötzlicher Beginn spricht eher für eine Durchblutungsstörung, ein langsamer für eine Raumforderung.
Akute Hirnstammzeichen
Plötzlich auftretende Hirnnervenausfälle mit Lähmung, Gefühlsstörung, Schwindel oder Bewusstseinsstörung sind ein Schlaganfallverdacht und werden ohne Zeitverlust versorgt.
Lernheft 07
Die zwölf Hirnnerven
Von der Einzelprüfung zum Läsionsort: 17 Module zu den einzelnen Nerven und ein Abschlussmodul zur Befundsynthese.
Symptom, Funktion, Muster, Lokalisation als Lernweg
1. Warum sind Körperparesen neben Hirnnervenzeichen wichtig?
Sie zeigen, dass auch die langen Bahnen betroffen sind. Das spricht für eine Läsion im Hirnstamm statt außerhalb.
2. Was ist ein gekreuztes Hirnstammsyndrom?
Ein Hirnnervenausfall auf der Seite der Läsion kombiniert mit einer Lähmung oder Gefühlsstörung am Körper der Gegenseite.
3. Welche Nerven fallen im Kleinhirnbrückenwinkel aus?
Zuerst meist der VIII. Hirnnerv mit Hörminderung, bei Größenzunahme auch V und VII.
4. Welche Nerven verlaufen im Sinus cavernosus?
III, IV, VI sowie V1 und teilweise V2. Ein Prozess dort führt oft zu einer schmerzhaften Augenmuskellähmung.
5. Hat das Wallenberg-Syndrom eine Lähmung am Körper?
In der Regel nicht, weil die Pyramidenbahn ventral liegt und bei der dorsolateralen Läsion ausgespart bleibt. Typisch ist eine dissoziierte Empfindungsstörung.
Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Die Inhalte dienen dem Lernen und ersetzen keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.