Akromegalie und Wachstumshormon: warum IGF-1 aussagekräftiger ist als ein GH-Wert
Kurz gesagt: Wachstumshormon wird pulsatil ausgeschüttet, vor allem im Schlaf. Ein zufälliger Einzelwert kann deshalb im Tal zwischen zwei Pulsen liegen und unauffällig wirken, obwohl die Gesamtaktivität erhöht ist. IGF-1 aus der Leber integriert die GH-Wirkung über längere Zeit und wird alters- und geschlechtsbezogen bewertet. Es ist der Suchtest der Wahl bei Verdacht auf Akromegalie. Die Bestätigung erfolgt über eine fehlende GH-Suppression im Glukosetoleranztest.
Physiologie, Innere, M2
Modul Wachstumshormon
Puls oder Integral?
Lernheft Endokrinologie & Regelkreise18 Module von der Schilddrüsenachse über RAAS und ADH bis Insulin und Proteinbindung. Zum passenden Material
Die Akromegalie entwickelt sich über Jahre. Die Veränderungen sind so langsam, dass Betroffene und Angehörige sie oft erst auf alten Fotos bemerken. Bis zur Diagnose vergehen häufig viele Jahre. In Prüfungen wird das Thema meist an einem Punkt aufgehängt: Welcher Laborwert ist geeignet, und warum reicht der naheliegende nicht? Die Antwort liegt in der Physiologie des Wachstumshormons.
Wie wird Wachstumshormon reguliert?
Wachstumshormon (GH, Somatotropin) wird von der Adenohypophyse freigesetzt. GHRH aus dem Hypothalamus stimuliert, Somatostatin hemmt. Weitere Reize sind Schlaf, Hypoglykämie, körperliche Belastung und Fasten. Die Freisetzung erfolgt in Pulsen, mit den größten Spitzen in den Tiefschlafphasen. GH wirkt teils direkt, teils über IGF-1, das vor allem in der Leber gebildet wird. IGF-1 hemmt seinerseits die GH-Freisetzung, das ist die Rückkopplung. Ein hoher Glukosespiegel unterdrückt GH physiologisch.
GHRH: stimuliert die GH-Freisetzung
Somatostatin: hemmt die GH-Freisetzung
IGF-1: vermittelt viele Wirkungen und bremst über Rückkopplung
Glukose: ein Anstieg unterdrückt GH normalerweise
Welcher Test passt zu welcher Frage?
Messung
Was sie abbildet
Einsatz und Grenzen
GH-Einzelwert
Momentaufnahme eines pulsatilen Hormons
Zur Suche ungeeignet, ein unauffälliger Wert schließt nichts aus
IGF-1
Integrierte GH-Wirkung über längere Zeit
Suchtest bei Akromegalie; alters- und geschlechtsbezogen, beeinflusst durch Ernährung, Leber, Schilddrüse
Oraler Glukosetoleranztest mit GH
Supprimierbarkeit von GH
Bestätigung der Akromegalie, wenn GH nicht ausreichend fällt
Stimulationstests
Maximale Freisetzungskapazität
Abklärung eines GH-Mangels, in spezialisierten Zentren
MRT der Hypophyse
Morphologie
Erst nach biochemischer Diagnose
Welche Zeichen weisen auf eine Akromegalie hin?
Typisch sind Vergröberung der Gesichtszüge, vorspringendes Kinn mit Lücken zwischen den Zähnen, vergrößerte Zunge, große Hände und Füße, starkes Schwitzen und Gelenkbeschwerden. Weichteilschwellungen können ein Karpaltunnelsyndrom und eine Schlafapnoe auslösen. Systemisch kommen Hypertonie, Kardiomyopathie, gestörte Glukosetoleranz bis zum Diabetes und ein erhöhtes Risiko für Kolonpolypen hinzu. Tritt der GH-Überschuss vor dem Schluss der Epiphysenfugen auf, entsteht ein Gigantismus. Ursache ist fast immer ein GH-bildendes Hypophysenadenom, das auch durch Druck Kopfschmerzen und Gesichtsfeldausfälle machen kann.
Niedriges IGF-1 beweist keinen GH-Mangel
IGF-1 hängt nicht nur von GH ab. Mangelernährung, Lebererkrankungen, Hypothyreose und ein schlecht eingestellter Diabetes senken IGF-1 ebenfalls. Das Lernheft beschreibt diesen Gegenfall: Ein niedriger Wert bei ausgeprägter Mangelernährung beweist keinen hypophysären GH-Mangel.
Wie wird ein GH-Mangel abgeklärt?
Beim Verdacht auf einen GH-Mangel, etwa nach Hypophysenoperation oder bei Kindern mit Wachstumsstörung, reichen weder ein GH-Einzelwert noch IGF-1 allein. Gemessen wird, ob die Hypophyse auf einen definierten Reiz ausreichend GH freisetzt. Solche Stimulationstests werden unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt, weil sie mit Risiken verbunden sein können. Sind bereits mehrere andere Hypophysenachsen ausgefallen und ist IGF-1 niedrig, ist ein GH-Mangel sehr wahrscheinlich. Hier zeigt sich ein allgemeines Prinzip: Ein Überschuss wird mit Suppressionstests, ein Mangel mit Stimulationstests bestätigt.
Lernheft 18
Endokrinologie & Regelkreise
64 Seiten mit 18 Modulen, die erklären, warum ein Hormonwert ohne seinen Regelkreis wenig sagt.
Wachstumshormon und Prolaktin mit Fall und Gegenfall
Insulin, Glucagon und Rezeptorbindung
Bildtafeln und zwei Selbsttests mit Lösungsschlüssel
Die Therapie der ersten Wahl bei Akromegalie ist meist die transsphenoidale Operation des Adenoms. Gelingt sie nicht vollständig, kommen Medikamente zum Einsatz: Somatostatin-Analoga hemmen die GH-Freisetzung, der GH-Rezeptorantagonist Pegvisomant blockiert die Wirkung am Rezeptor. Unter Pegvisomant ist GH als Verlaufsparameter ungeeignet, kontrolliert wird über IGF-1. Das ist eine typische Verknüpfung zur Rezeptorpharmakologie, wie sie im Lernheft im Modul Rezeptorbindung behandelt wird.
Häufig gestellte Fragen
1. Warum reicht ein einzelner GH-Wert nicht aus?
Wachstumshormon wird pulsatil ausgeschüttet. Ein Einzelwert kann zwischen zwei Pulsen liegen und die mittlere Aktivität nicht abbilden.
2. Was ist der Suchtest bei Verdacht auf Akromegalie?
IGF-1 mit alters- und geschlechtsbezogenem Referenzbereich. Ist es erhöht, folgt der orale Glukosetoleranztest mit GH-Messung.
3. Warum wird GH im Glukosetoleranztest gemessen?
Ein Glukoseanstieg unterdrückt GH normalerweise. Bei Akromegalie fällt GH nicht ausreichend ab, weil das Adenom autonom produziert.
4. Was kann IGF-1 außerhalb der Hypophyse beeinflussen?
Ernährungszustand, Leberfunktion, Schilddrüsenfunktion, Diabeteseinstellung, Alter und Pubertät. Ein niedriger Wert beweist deshalb keinen GH-Mangel.
5. Was unterscheidet Akromegalie und Gigantismus?
Der Zeitpunkt. Tritt der GH-Überschuss vor dem Schluss der Epiphysenfugen auf, führt er zu übermäßigem Längenwachstum, danach zu Akromegalie mit Vergrößerung der Akren.
Medizin Helden ist ein unabhängiges Lernangebot und steht in keiner Verbindung zum IMPP oder zu den Landesprüfungsämtern. Alle Angaben sind sorgfältig geprüft (Stand: November 2026), aber ohne Gewähr. Die Inhalte dienen dem Lernen im Studium und ersetzen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieentscheidung.