Cortisolüberschuss: ACTH-abhängig oder ACTH-unabhängig?
Kurz gesagt: Ist ein endogener Cortisolüberschuss gesichert, entscheidet das ACTH über den nächsten Schritt. Ist ACTH supprimiert, bildet die Nebenniere autonom Cortisol, die Abklärung geht dorthin. Ist ACTH normal oder hoch, liegt eine ACTH-abhängige Form vor, meist ein Hypophysenadenom (Morbus Cushing), seltener eine ektope ACTH-Bildung. Vorher müssen eine Glukokortikoidzufuhr von außen und Störfaktoren der Messung ausgeschlossen sein.
Innere Medizin und M2
Modul Cortisolüberschuss
Erst sichern, dann lokalisieren
Lernheft Endokrinologie & Regelkreise18 Module von der Schilddrüsenachse über RAAS und ADH bis Insulin und Proteinbindung. Zum passenden Material
Das Cushing-Syndrom wird in Prüfungen fast immer als Stufendiagnostik gefragt. Zuerst muss geklärt sein, ob überhaupt ein endogener Hypercortisolismus vorliegt. Danach folgt die Frage nach der Quelle. Wer die Reihenfolge vertauscht und gleich eine Bildgebung anordnet, landet bei Zufallsbefunden, die in die Irre führen. Diese Seite zeigt die Logik hinter den einzelnen Schritten und wie die Rückkopplung zwischen Cortisol und ACTH dabei hilft.
Was ist der erste Schritt bei Verdacht auf Cushing?
Die häufigste Ursache eines Cortisolüberschusses ist die Zufuhr von außen, also eine Glukokortikoidtherapie, auch als Inhalation, Gelenkinjektion oder Salbe. Deshalb steht die Medikamentenanamnese am Anfang. Erst danach wird ein endogener Hypercortisolismus gesucht. Dafür gibt es drei Screeningtests, von denen meist zwei auffällig sein sollen, bevor die Diagnose als gesichert gilt.
Dexamethason-Hemmtest: Cortisol wird nach einer niedrigen Dosis am Abend am nächsten Morgen nicht ausreichend supprimiert
Spätabendliches Speichelcortisol: der normale Tiefpunkt der Tagesrhythmik fehlt
Freies Cortisol im 24-Stunden-Urin: erhöhte Gesamtausscheidung
Störfaktoren: Alkohol, Depression, schwere Adipositas, Schwangerschaft und östrogenhaltige Präparate
Welche Ursachen unterscheiden sich wie?
Form
ACTH
Typische Befunde und nächster Schritt
Exogen (iatrogen)
Supprimiert, Cortisol je nach Präparat niedrig gemessen
Medikamentenanamnese, häufigste Ursache insgesamt
Nebennierenadenom oder -karzinom
Supprimiert
Bildgebung der Nebennieren; beim Karzinom oft zusätzlich Androgenüberschuss
Morbus Cushing (Hypophysenadenom)
Normal oder mäßig erhöht
Häufigste endogene Ursache; Funktionstests, MRT der Hypophyse, ggf. Sinus-petrosus-Katheter
Ektopes ACTH
Oft deutlich erhöht
Rascher Verlauf, ausgeprägte Hypokaliämie, Tumorsuche etwa nach neuroendokrinen oder kleinzelligen Tumoren
Warum trennt ein einzelner ACTH-Wert hypophysäre und ektope Ursachen nicht?
Bei der ACTH-abhängigen Form sind Hypophysenadenom und ektope Quelle beide möglich, und die Werte überschneiden sich. Ein Hypophysenadenom reagiert oft noch teilweise auf Rückkopplung und Stimulation. Ein ektoper Tumor tut das meist nicht. Darauf beruhen Funktionstests wie der CRH-Test und der hochdosierte Dexamethason-Hemmtest. Weil kleine Hypophysenadenome im MRT nicht immer sichtbar sind und hormoninaktive Inzidentalome vorkommen, ist der Katheter der Sinus petrosi inferiores der Referenzstandard: Ein ACTH-Gradient zwischen Sinus und peripherem Blut spricht für eine hypophysäre Quelle.
Bildgebung erst nach biochemischer Diagnose
Nebenniereninzidentalome und kleine Hypophysenbefunde sind in der Bevölkerung häufig und meist hormoninaktiv. Wer ohne gesicherten Hypercortisolismus und ohne ACTH-Wert eine Bildgebung anordnet, findet leicht einen harmlosen Befund und hält ihn für die Ursache. In Prüfungsfragen ist die Bildgebung als erster Schritt deshalb fast immer falsch.
Welche klinischen Zeichen sprechen für einen Cortisolüberschuss?
Die Klassiker sind stammbetonte Adipositas, Vollmondgesicht, Stiernacken, breite livide Striae, dünne Haut mit Neigung zu Blutergußen und eine proximale Muskelschwäche. Dazu kommen Hypertonie, gestörte Glukosetoleranz oder Diabetes, Osteoporose, Zyklusstörungen und psychische Veränderungen. Spezifischer als die Adipositas sind Zeichen des Proteinkatabolismus wie Muskelschwäche, Hautatrophie und Striae. Bei der ektopen Form kann das Vollbild fehlen, weil die Erkrankung schnell verläuft. Dann stehen Hypokaliämie, Ödeme und Muskelschwäche im Vordergrund.
Lernheft 18
Endokrinologie & Regelkreise
64 Seiten mit 18 Modulen, in denen du die Stufendiagnostik über die Rückkopplung nachvollziehst.
Cortisolüberschuss und Nebennierenrinde mit Fall und Gegenfall
Schilddrüsenachse, Prolaktin und Wachstumshormon
Bildtafeln und zwei Selbsttests mit Lösungsschlüssel
Exogene Glukokortikoide in jeder Form ausschließen.
Stufe 2
Sichern
Endogenen Hypercortisolismus mit mindestens zwei unabhängigen Tests bestätigen.
Stufe 3
ACTH
Supprimiert: Nebenniere. Normal oder hoch: ACTH-abhängige Form.
Stufe 4
LokalisierenBildgebung
Gezielte Bildgebung und bei ACTH-Abhängigkeit Funktionstests oder Sinus-petrosus-Katheter.
Häufig gestellte Fragen
1. Was ist die häufigste Ursache eines Cushing-Syndroms?
Die Zufuhr von Glukokortikoiden von außen. Unter den endogenen Ursachen ist das ACTH-bildende Hypophysenadenom, der Morbus Cushing, am häufigsten.
2. Was bedeutet ein supprimiertes ACTH bei Hypercortisolismus?
Die Rückkopplung funktioniert, die Hypophyse ist gebremst. Die Cortisolquelle liegt dann in der Nebenniere, etwa in einem Adenom.
3. Welche Screeningtests gibt es für Cushing?
Den niedrig dosierten Dexamethason-Hemmtest, das spätabendliche Speichelcortisol und das freie Cortisol im 24-Stunden-Urin. Meist sollen zwei Tests auffällig sein.
4. Wie unterscheidet man Morbus Cushing und ektopes ACTH?
Über Funktionstests wie CRH-Test und hochdosierten Dexamethason-Hemmtest und als Referenzstandard über den Katheter der Sinus petrosi inferiores mit Nachweis eines zentralen ACTH-Gradienten.
5. Warum ist eine frühe Bildgebung problematisch?
Weil hormoninaktive Zufallsbefunde in Nebenniere und Hypophyse häufig sind. Ohne biochemische Diagnose und ACTH-Wert führt ein solcher Befund leicht in die Irre.
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