Fallvignette: Ein Mann bricht im Supermarkt zusammen. Er reagiert nicht, du siehst nur eine unregelmäßige Schnappatmung. Der Defibrillator liegt noch im Fahrzeug. Was passiert jetzt zuerst?
Kurz gesagt: Nach den ERC-Leitlinien beginnt jede Reanimation mit dem Erkennen des Kreislaufstillstands und sofortigen Thoraxkompressionen im Verhältnis 30:2 bei einer Drucktiefe von fünf bis sechs Zentimetern und einer Frequenz von 100 bis 120 pro Minute. Ein Defibrillator wird so früh wie möglich angeschlossen. Der ALS-Algorithmus trennt anschließend defibrillierbare von nicht defibrillierbaren Rhythmen und sucht parallel nach reversiblen Ursachen.
Kaum eine Situation ist so klar algorithmisiert und wird trotzdem so oft unsauber umgesetzt. Der Grund ist selten fehlendes Wissen, sondern verlorene Zeit: zu spät erkannt, zu lange unterbrochen, zu flach gedrückt. Wer die Kernzahlen und die Logik dahinter kennt, arbeitet im Einsatz automatisch und muss nicht überlegen.
Was ist der Unterschied zwischen BLS und ALS – und warum ist das Thema prüfungsrelevant?
Was trennt BLS und ALS? Basic Life Support umfasst die Maßnahmen ohne erweitertes Equipment: Erkennen, Thoraxkompression, Beatmung, Anwendung des automatisierten externen Defibrillators. Advanced Life Support ergänzt Rhythmusanalyse am Monitor, manuelle Defibrillation, Atemwegssicherung, Gefäßzugang und Medikamente. Beide bauen aufeinander auf – ALS ersetzt BLS nie, sondern ergänzt es.
Warum ist das Prüfungsstoff? Weil die Reanimation in der praktischen Prüfung nahezu garantiert vorkommt und weil die Bewertung sehr konkret ist: Erkennst du den Stillstand innerhalb weniger Sekunden, drückst du tief und schnell genug, hältst du die Unterbrechungen kurz, kommunizierst du im Team? Diese vier Punkte entscheiden über das Bestehen.
Den Kreislaufstillstand erkennen
Die Diagnose stützt sich auf zwei Kriterien: keine Reaktion auf Ansprache und Berührung sowie keine normale Atmung. Die Beurteilung erfolgt nach Freimachen der Atemwege über höchstens zehn Sekunden. Die gefährlichste Falle ist die Schnappatmung – langsame, geräuschvolle, unregelmäßige Atemzüge, die in den ersten Minuten eines Stillstands auftreten und regelmäßig als Atmung fehlgedeutet werden. Sie ist ein sicheres Zeichen für den Kreislaufstillstand, nicht dagegen.
Eine Pulskontrolle ist für Ungeschulte nicht vorgesehen und auch für professionelle Helfer nur zulässig, wenn sie die Zehn-Sekunden-Grenze nicht sprengt. Im Zweifel gilt: mit der Reanimation beginnen. Der Schaden durch eine unnötig begonnene Wiederbelebung ist gering, der Schaden durch eine verspätete erheblich.
BLS: Qualität schlägt Geschwindigkeit der Abfolge
Die Wirksamkeit der Reanimation hängt fast vollständig an der Qualität der Thoraxkompression. Entscheidend sind Druckpunkt in der Mitte des Brustkorbs, ausreichende Tiefe, korrekte Frequenz, vollständige Entlastung zwischen den Kompressionen und minimale Unterbrechungen. Der Helferwechsel erfolgt etwa alle zwei Minuten, weil die Kompressionsqualität dann messbar nachlässt – und zwar bevor der Drückende es selbst merkt.
| Parameter | Vorgabe beim Erwachsenen | Häufiger Fehler |
|---|---|---|
| Drucktiefe | 5 bis 6 cm | zu flach aus Angst vor Rippenfrakturen |
| Frequenz | 100 bis 120 pro Minute | zu schnell, dadurch unvollständige Füllung |
| Verhältnis | 30 Kompressionen zu 2 Beatmungen | zu lange Beatmungspausen |
| Entlastung | vollständig, ohne Aufstützen | Lehnen auf dem Thorax zwischen den Kompressionen |
| Unterbrechungen | so kurz wie irgend möglich | Pausen für Geräte, Umlagerung, Rhythmuscheck |
| Helferwechsel | alle 2 Minuten | zu später Wechsel bei Erschöpfung |
Die Beatmung erfolgt präklinisch über Beutel und Maske mit Reservoir und Sauerstoff, möglichst zu zweit im C-Griff. Jeder Beatmungshub dauert etwa eine Sekunde und ist erfolgreich, wenn sich der Brustkorb sichtbar hebt. Die Technik im Detail beschreibt der Beitrag zum Atemwegsmanagement im Rettungsdienst.
ALS: die beiden Wege nach der Rhythmusanalyse
Sobald der Defibrillator angeschlossen ist, teilt sich der Algorithmus. Die Analyse unterscheidet defibrillierbare Rhythmen – Kammerflimmern und pulslose ventrikuläre Tachykardie – von nicht defibrillierbaren, also pulsloser elektrischer Aktivität und Asystolie. In beiden Fällen läuft die Herzdruckmassage in Zwei-Minuten-Zyklen weiter; unterschiedlich sind Schockabgabe und der Zeitpunkt der Medikamente.
| Merkmal | Defibrillierbar (VF/pVT) | Nicht defibrillierbar (PEA/Asystolie) |
|---|---|---|
| Erste Maßnahme | sofortige Defibrillation, danach 2 Minuten CPR | 2 Minuten CPR ohne Schock |
| Adrenalin | nach dem dritten Schock, dann alle 3 bis 5 Minuten | so früh wie möglich, dann alle 3 bis 5 Minuten |
| Antiarrhythmikum | Amiodaron nach dem dritten und nach dem fünften Schock | nicht vorgesehen |
| Prognose | günstiger, besonders bei kurzer No-Flow-Zeit | ungünstiger, Ursachensuche entscheidend |
Nach einer Atemwegssicherung mit supraglottischer Hilfe oder Tubus wird kontinuierlich komprimiert und asynchron beatmet, statt weiter im 30:2-Takt zu arbeiten. Die Kapnographie dient dabei doppelt: Sie bestätigt die Lage des Hilfsmittels und zeigt über den exspiratorischen Kohlendioxidwert die Qualität der Kompression sowie einen möglichen Kreislaufwiedereintritt an.
Reversible Ursachen: 4 H und HITS
Parallel zur mechanischen Arbeit läuft die Ursachensuche. Die vier H stehen für Hypoxie, Hypovolämie, Hypo- und Hyperkaliämie samt weiterer metabolischer Entgleisungen sowie Hypothermie. HITS steht für Herzbeuteltamponade, Intoxikation, Thromboembolie und Spannungspneumothorax. Diese Liste wird nicht theoretisch durchgegangen, sondern aktiv abgefragt – über Anamnese, Auffindesituation und Umfeld, wie im Beitrag zu SAMPLER und OPQRST beschrieben.
Praktisch heißt das: Wer beim dialysepflichtigen Patienten nicht an Kaliämie denkt oder bei frischer Immobilisation nicht an eine Lungenembolie, reanimiert möglicherweise gegen eine behandelbare Ursache an. Genau hier trennt sich Routine von Systematik.
Postreanimationsphase und deine Rolle im Team
Nach Wiedereinsetzen eines Spontankreislaufs beginnt eine eigene Behandlungsphase. Ziel sind eine normale Oxygenierung ohne Überversorgung, eine normale Kohlendioxidkonzentration, ein ausreichender Blutdruck, ein 12-Kanal-EKG zur Suche nach einem Infarkt als Auslöser und ein aktives Temperaturmanagement mit konsequenter Vermeidung von Fieber. Der Transport geht in eine Klinik mit Herzkatheterlabor und Intensivkapazität.
Als Rettungssanitäter bist du in diesem Ablauf tragende Säule und nicht Zuschauer. Du übernimmst hochwertige Thoraxkompressionen, bedienst den Defibrillator im Halbautomatikbetrieb, führst die Beatmung, bereitest Material vor, dokumentierst Zeiten und Schockabgaben und hältst die Zwei-Minuten-Zyklen im Blick. Wer diese Aufgaben sicher beherrscht, entlastet das gesamte Team. Trainieren lässt sich das mit den Fallszenarien aus Modul 4: Praxis & Prüfungsvorbereitung.
Definition auf einen Blick
| Begriff | Definition |
|---|---|
| No-Flow-Zeit | Zeitspanne ohne Thoraxkompression und damit ohne Blutfluss während der Reanimation |
| Schnappatmung | Langsame, unregelmäßige Atemzüge zu Beginn eines Kreislaufstillstands – kein Zeichen erhaltener Atmung |
| Defibrillierbarer Rhythmus | Kammerflimmern oder pulslose ventrikuläre Tachykardie |
| ROSC | Return of Spontaneous Circulation, Wiedereinsetzen eines eigenen Kreislaufs |
| Kapnographie | Kontinuierliche Messung des exspiratorischen Kohlendioxids zur Lage- und Qualitätskontrolle |
Key Takeaways
- Kreislaufstillstand heißt: keine Reaktion und keine normale Atmung – Schnappatmung zählt als Stillstand.
- 30:2, fünf bis sechs Zentimeter tief, 100 bis 120 pro Minute, vollständige Entlastung.
- Der Defibrillator kommt so früh wie möglich; jede Unterbrechung wird auf ein Minimum begrenzt.
- Defibrillierbare und nicht defibrillierbare Rhythmen unterscheiden sich in Schock und Medikamentenzeitpunkt, nicht in der Kompressionsqualität.
- 4 H und HITS werden aktiv abgefragt – die Ursachensuche läuft parallel zur Reanimation.
Einordnung
Grundlage sind die Leitlinien des European Resuscitation Council und ihre deutschsprachige Fassung, die der Deutsche Rat für Wiederbelebung herausgibt. Ergänzend fließen die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin zur Postreanimationsbehandlung ein. Welche Maßnahmen du als Rettungssanitäter eigenständig durchführen darfst, richtet sich nach den Vorgaben des zuständigen Ärztlichen Leiters Rettungsdienst und dem Landesrecht.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Woran erkenne ich einen Kreislaufstillstand?
An fehlender Reaktion auf Ansprache und Berührung sowie fehlender normaler Atmung. Die Beurteilung dauert höchstens zehn Sekunden.
2. Ist Schnappatmung eine ausreichende Atmung?
Nein. Schnappatmung ist ein Zeichen des Kreislaufstillstands und ein Grund, sofort mit der Reanimation zu beginnen.
3. Wie tief und wie schnell wird komprimiert?
Beim Erwachsenen fünf bis sechs Zentimeter tief mit einer Frequenz von 100 bis 120 Kompressionen pro Minute.
4. Welches Kompressions-Beatmungs-Verhältnis gilt?
30 Kompressionen zu 2 Beatmungen, bis ein Atemweg gesichert ist. Danach wird kontinuierlich komprimiert und asynchron beatmet.
5. Welche Rhythmen sind defibrillierbar?
Kammerflimmern und pulslose ventrikuläre Tachykardie. Asystolie und pulslose elektrische Aktivität sind es nicht.
6. Wann wird Adrenalin gegeben?
Bei nicht defibrillierbaren Rhythmen so früh wie möglich, bei defibrillierbaren nach dem dritten Schock, danach alle drei bis fünf Minuten.
7. Wie oft sollen die Helfer wechseln?
Etwa alle zwei Minuten, weil die Kompressionsqualität danach nachweislich nachlässt.
8. Wofür stehen 4 H und HITS?
Für die reversiblen Ursachen: Hypoxie, Hypovolämie, Kaliämie und weitere metabolische Ursachen, Hypothermie sowie Herzbeuteltamponade, Intoxikation, Thromboembolie und Spannungspneumothorax.
9. Was gehört zur Postreanimationsphase?
Kontrollierte Oxygenierung und Ventilation, Kreislaufstabilisierung, 12-Kanal-EKG, Temperaturmanagement und Transport in eine geeignete Klinik.
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Die strukturierte Erstuntersuchung vor und nach der Reanimation beschreibt Das ABCDE-Schema im Rettungsdienst. Für Beatmung und Atemwegssicherung ist Atemwegsmanagement im Rettungsdienst die passende Vertiefung. Zur häufigsten Ursache des plötzlichen Herztods führen Akutes Koronarsyndrom im Rettungsdienst und Koronare Herzkrankheit & Myokardinfarkt.
Reanimation sicher im Griff
Algorithmen sitzen erst, wenn du sie unter Zeitdruck abrufen kannst. Diese Lernpakete trainieren genau das:
- Modul 2: Notfallmedizin & Einsatzlehre – BLS- und ALS-Algorithmen verständlich aufbereitet (59,90 €)
- Rettungssanitäter-Kurs – Dein professioneller Einstieg in Theorie & Praxis – alle Module für die gesamte Ausbildung (189,90 €)
- Modul 4: Praxis & Prüfungsvorbereitung – Reanimationsszenarien für die praktische Prüfung (59,90 €)
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